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Nordkorea
19.05.2022

Corona breitet sich rasant in Nordkorea aus

Auf diesem von der nordkoreanischen Regierung veröffentlichten Bild ist Kim Jong Un in einer Apotheke zu sehen.
Foto: KCNA/dpa

Lange wurde behauptet, Nordkorea habe kein Corona-Problem. Das ist nun anders. Die Zahl der Infektionen ist mutmaßlich hoch, Diktator Kim Jong Un wird aktiv.

Kim Jong Un hat dieser Tage einen wahrlich vollen Terminkalender. Erst zu Beginn der Woche tourte Nordkoreas Machthaber, gekleidet in schwarze Lederjacke und mit zwei OP-Masken im Gesicht, zu nächtlicher Stunde durch die Apotheken der Hauptstadt Pjöngjang, um die medizinischen Vorräte zu inspizieren. Am nächsten Morgen trommelte der 38-Jährige dann das Politbüro für ein Krisentreffen zusammen. In dem sagte der Diktator in seiner gewohnt blumigen Sprache, er werde „die gesamte Partei wie einen aktiven Vulkan erwecken“. Behörden habe er zudem für Unzulänglichkeiten und Trägheit kritisiert, meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA.

Nach allen verfügbaren Informationen ist die Lage ernst: Nur kurz nachdem Nordkorea erstmals eingeräumt hatte, dass Corona-Infektionen aufgetreten sind, schossen die offiziellen Zahlen rasant in die Höhe. Allein am Mittwoch sprachen die Behörden von weiteren 230.000 Fällen, insgesamt sollen sich bereits 1,7 Millionen Nordkoreanerinnen und -koreaner angesteckt haben. Mehr als 60 sollen gestorben sein, knapp 700.000 Menschen befinden sich angeblich in Quarantäne.

Video: AFP

Nur wenig PCR-Test-Kapazitäten in Nordkorea

In der Staatspropaganda wird dabei stets von einem „mysteriösen Fieber“ gesprochen – wohl vor allem, weil die Behörden nur über begrenzte Kapazitäten für PCR-Tests verfügen. Dementsprechend sind sämtliche Angaben zur Corona-Lage mit Vorsicht zu betrachten. Die Weltgesundheitsorganisation zeigt sich dennoch besorgt. Gleichzeitig ist die WHO in ihrem Handlungsspielraum stark eingeschränkt: Nordkorea hat bislang auf keines der vielen Hilfsangebote reagiert. Seit vergangenem Jahr versucht auch die Covax-Initiative, Vakzine ins Land zu entsenden. Damals hieß es von nordkoreanischer Seite, dass andere Länder die Impfstoffe dringender benötigen würden.

Dass die Medien des Landes jetzt täglich über die Corona-Situation berichten, wird von Experten als Kalkül gewertet: Dem Regime gehe es darum, internationale Hilfslieferungen abzugreifen. Dabei wollen einige Länder mit medizinischem Gerät und Impfstoffen gerne aushelfen – darunter Südkorea, das seit kurzem vom konservativen Hardliner Yoon Seok-yeol regiert wird. „Ich habe wiederholt gesagt, dass ich immer offen für humanitäre Hilfe bin, ganz gleich ob der militärischen Probleme, die zwischen Nord- und Südkorea liegen“, sagte er vor der Nationalversammlung.

Doch Kim ist darauf ebenfalls nicht eingegangen. Möglicherweise auch, weil die Diktatorenfamilie behauptet, die Bevölkerung vor einer feindlich gesinnten Welt zu schützen. Dass man sich von Südkorea, das man als „Hund der US-Imperialisten“ betrachtet, helfen lässt, würde nicht so recht ins Bild passen.

Schon die Kühlkette könnte in Nordkorea Probleme machen

„Die Hilfe, die Nordkorea am Ende akzeptiert, sind möglicherweise nicht unbedingt die Impfstoffe“, analysiert Go Myong-hyun von der Asan-Denkfabrik in Seoul. Seiner Einschätzung nach geht es dem Regime in Pjöngjang an erster Stelle um Kontrolle und Selbsterhalt. Für Impfstofflieferungen müsste es jedoch einerseits Ausländer ins Land lassen, andererseits würde das externe Abhängigkeiten erzeugen. Hinzu kommt: Logistisch könnte Nordkorea wohl nicht einmal die Tiefkühlkette gewährleisten.

Trotz allem hoben am Montag drei nordkoreanische Flugzeuge ab, um in der nordostchinesischen Stadt Shenyang Fracht aufzuladen. Ob darunter Impfstoffe waren, ist nicht bekannt. Noch am selben Tag seien die Maschinen wieder zurückgeflogen, berichtete die südkoreanische Zeitung Kyunghyang Shinmun. China hat starkes Interesse zu helfen – schon aus Selbstschutz: Beide Länder trennt eine 1400 Kilometer lange Grenze. Auch wenn die Volksrepublik in den letzten Jahren flächendeckend Zäune errichtete, besteht weiterhin die Gefahr, dass nordkoreanische Flüchtlinge das Virus über die Grenze schleppen könnten.

Ohnehin scheint Staatschef Xi Jinping derzeit noch angespannter als Kim Jong Un. In China ließen Zensoren sogar Berichte über die Corona-Situation in Nordkorea löschen. Grund: Online-Nutzer hatten Chinas rigide Null-Covid-Strategie infrage gestellt, nachdem sie das scheinbar pragmatische Vorgehen in Pjöngjang gesehen hatten. Im nordkoreanischen Staatsfernsehen sagte zum Beispiel eine Mutter: „Ich habe meiner Tochter alle fünf Stunden Paracetamol, allgemeine Fiebermedizin und Antibiotika gegeben. Ihr Fieber ist bereits nach drei Tagen verschwunden.“ Viele Chinesen dagegen sind teilweise monatelang regelrecht in ihren Wohnungen eingesperrt – aus Angst vor einer Ausbreitung der Pandemie.

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