Als Yilmaz Böcek an diesem Dienstag vor dem Justizpalast im Istanbuler Stadtteil Caglayan mit türkischen Reportern spricht, durchlebt er den Schmerz vom vorigen November noch einmal. „Mein Sohn hat bis zur letzten Minute um sein Leben und das seiner Familie gekämpft“, sagt er. Die Aufnahmen von Überwachungskameras in Krankenhäusern und Taxis gingen um die Welt: eine vierköpfige Familie, die in ihrem Hotel mit Schädlingsbekämpfungsmitteln vergiftet wurde und vergeblich in Kliniken die Rettung suchte. „Sie sind vor unseren Augen in den Tod gegangen“, sagt Böcek.
Verkettung von Fahrlässigkeit, Schlamperei und fehlendem medizinischem Sachverstand
Dass der Tod der Böceks in der Türkei kein Einzelfall war, zeigt sich noch am selben Tag, an dem Yilmaz Böcek und seine Frau Cemile in Caglayan die Bestrafung der Verantwortlichen verlangen. Ein Richter an einem anderen Istanbuler Gericht erlässt Haftbefehle gegen fünf Verdächtige, die für den Tod von zwei niederländischen Teenagern in einem Istanbuler Hotel im vorigen August verantwortlich sein sollen. Auch die beiden Brüder starben nach der Schädlingsbekämpfung in ihrem Hotel. Ein Jahr zuvor war eine junge Deutsche in Istanbul vermutlich ebenfalls durch eine Vergiftung mit Schädlingsbekämpfungsmitteln gestorben.
Yilmaz Böceks Sohn, der türkischstämmige Hamburger Servet Böcek, wollte mit seiner Frau Cigdem und den drei und sechs Jahre alten Kindern Masal und Kadir Mohammet in Istanbul Familienurlaub machen. Doch eine Verkettung von Fahrlässigkeit, Schlamperei und fehlendem medizinischem Sachverstand kostete sie das Leben. Ein giftiges Gas, das sich bei der unsachgemäßen Bekämpfung von Bettwanzen in dem Hotel gebildet hatte, tötete zuerst die Kinder und ihre Mutter und dann Servet.
Nun also stehen sechs Angeklagte vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft fordert für die Beschuldigten, darunter Hotelbesitzer Hakan O., bis zu 22 Jahre Haft. Die Anklage argumentiert vor der 30. Istanbuler Schwurgerichtskammer, die von O. zur Schädlingsbekämpfung engagierte Firma DSS habe keine Befugnis für die gefährliche Arbeit gehabt und in dem Hotel einen Mitarbeiter eingesetzt, der im Umgang mit den Giftstoffen weder geschult gewesen sei noch Erfahrung gehabt habe.
Kinder und Eltern starben innerhalb weniger Tage
Der DSS-Mitarbeiter versprühte demnach in einem Hotelzimmer den Stoff Aluminiumphosphid, um Bettwanzen zu bekämpfen. Die Böceks wohnten im Stockwerk über dem Zimmer und wurden vergiftet, weil sich Phosphid-Gas bildete und nach oben zog. Die Familie suchte in einem Krankenhaus Hilfe, wurde aber ins Hotel zurückgeschickt, weil die Ärzte eine harmlose Darmgrippe vermuteten. Kinder und Eltern starben innerhalb weniger Tage.
Vor dem Richter weisen die Angeklagten am Dienstag jede Schuld von sich. Ein Hotelmitarbeiter, der nachts das Hotel abschloss, um zum Essen zu gehen, und so die Böceks einsperrte und ihre Fahrt ins Krankenhaus verzögerte, sagt aus, ein Zettel mit seiner Handynummer habe doch an einer Fensterscheibe in der Lobby gehangen. Der als Inhaber von DSS geladene Serkan K. sagt, er wisse nicht, woher das Aluminiumphosphid stammte oder wer es gekauft habe. Ohnehin habe er in Wirklichkeit nichts mit der Firma zu tun.
Ob Serkan K. damit durchkommt, muss sich zeigen. Das Istanbuler Gesundheitsamt stellte laut Medienberichten in einem Gutachten fest, dass DSS bereits in einen anderen Todesfall verwickelt war: Nach einem früheren Einsatz der Kammerjäger starb demnach ein Kleinkind. Das Gift sei damals von Serkan K. selbst versprüht worden. Die Ermittlungen in diesem Fall laufen noch.
„So ist eine ganze Familie ermordet worden“
In Caglayan fordert Yasar Balci, der Anwalt der Familie Böcek, härtere Strafen für die Angeklagten. Balci war seit Kindertagen ein Freund des getöteten Familienvaters Servet und verwies in Interviews mit türkischen Medien auf den Verdacht, dass DSS schon früher den Tod von Menschen verschuldet habe. Dennoch habe die Firma weitermachen dürfen. „So ist eine ganze Familie ermordet worden.“
Balci rechnet vor, warum die Angeklagten nicht zu 22 Jahren, sondern zu 100 Jahren Haft verurteilt werden sollten. In der Anklageschrift verlangt die Staatsanwaltschaft eine Strafe wegen bewusster Fahrlässigkeit. Balci dagegen fordert eine Bestrafung wegen bedingtem Tötungsvorsatz, bei dem Gerichte wesentlich härtere Strafen verhängen können.
Bei bewusster Fahrlässigkeit nimmt die Justiz an, dass ein Angeklagter nicht wollte, dass das vorhersehbare Ergebnis – im Fall der Böceks die Vergiftung von vier Menschen – eintritt, und in der Zuversicht handelte, dass dieses Ergebnis nicht eintreten werde. Ein bedingter Vorsatz liegt vor, wenn der Täter die Handlung fortsetzte, obwohl er das mögliche Ergebnis vorhersehen konnte. Anwalt Balci argumentiert, die Vorgeschichte der Firma DSS belege den Vorsatz. Der Prozess wird noch einige Fragen aufwerfen.
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