Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Schwarzfahren entkriminalisieren: Was Deutschland von Mallorca lernen kann

Nahverkehr

Gratis fahren statt Schwarzfahren: Was Deutschland von Mallorca lernen kann

  • |
  • |
  • |
  • |
    Das Busnetz auf Mallorca wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut. Besonders attraktiv aber wurde es für Inselbewohner, seitdem sie es kostenlos nutzen können.
    Das Busnetz auf Mallorca wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut. Besonders attraktiv aber wurde es für Inselbewohner, seitdem sie es kostenlos nutzen können. Foto: Jens Kalaene, dpa

    Während Deutschland derzeit darüber diskutiert, ob Schwarzfahren weiter eine Straftat sein soll, stellt sich auf Spaniens Inseln das Problem gar nicht: Auf den Balearen, vor allem auf Mallorca, und auf den Kanaren können Einwohner seit Jahren Busse und Bahnen kostenlos nutzen. Die Bilanz ist eindrucksvoll – Rekordzahlen, neue Fahrgäste und mehr Mobilität für Menschen mit kleinem Geldbeutel. Doch der Erfolg hat seinen Preis: volle Busse, überlastete Transportnetze und wachsende staatliche Zuschüsse. Damit zeigt der spanische Weg nicht nur, was möglich ist, sondern auch, woran Gratisnahverkehr scheitern kann. Wenn der Ausbau nicht Schritt hält.

    Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will prüfen, ob das Schwarzfahren entkriminalisiert werden kann

    Hierzulande lehnte Mitte April der Bundestag Vorstöße von Grünen und Linken ab, das Fahren ohne Fahrschein zu entkriminalisieren. SPD-Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will dennoch prüfen, ob Schwarzfahren künftig noch als Straftat verfolgt werden soll. Denn viele Fälle betreffen Menschen, die sich Tickets oder Geldstrafen kaum leisten können. Und wer die Strafen nicht zahlen kann, dem droht – ähnlich wie in Österreich oder der Schweiz – im Extremfall Gefängnis. Für Verkehrsunternehmen, Polizei, Justiz und Strafvollzug entsteht dabei ein hoher Aufwand. Wegen Fällen, die meist mit einem vergleichsweise geringen Fahrpreis beginnen, am Ende aber Geldstrafen und Verfahrenskosten nach sich ziehen können.

    Der Deutsche Anwaltverein argumentierte ebenso – und hält eine „echte Entkriminalisierung“ für überfällig. Seinen Angaben zufolge kosteten die Verfahren und Freiheitsstrafen für Fahrten ohne Fahrschein den Steuerzahler rund 200 Millionen Euro im Jahr.

    Auf Mallorca dagegen ist der öffentliche Personennahverkehr für Inselbewohnerinnen und -bewohner kostenlos. Allerdings nicht für Touristen und nicht für alle Nutzer automatisch. Gratis fahren können Residenten – das sind alle, die dort ihren festen Wohnsitz haben – mit einer entsprechenden Mobilitätskarte. Wer bloß gelegentlich fährt, als Urlauber unterwegs ist oder ohne die Nutzerkarte einsteigt, muss weiterhin zahlen. Kern des Modells ist die „tarjeta única” (Einheitskarte). Mit ihr können Bewohnerinnen und Bewohner der Insel kostenlos die Regionalbusse, die Nahverkehrszüge, die Metro und auch die Stadtbusse in der Inselhauptstadt Palma nutzen.

    Der öffentliche Regionalverkehr auf Mallorca erreichte 2025 einen neuen Rekord

    Die spanische Regierung unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und die konservative Regionalregierung der Balearen haben die vollständige Preisermäßigung für 2026 erneut verlängert. Sie war 2023 eingeführt worden. Ihre Wirkung zeigt sich in den Fahrgastzahlen. Der öffentliche Regionalverkehr auf Mallorca erreichte 2025 einen neuen Rekord: 41,3 Millionen Fahrten wurden in den Überlandbussen, Zügen und der Metro gezählt. Das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr und 23 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor.

    Die städtische Busgesellschaft EMT in Palma, wo knapp 500.000 Menschen leben und wo jedes Jahr Millionen Touristen durchreisen, meldete 2025 sogar mit 65,5 Millionen Fahrgästen einen historischen Höchststand. Gegenüber 2019 entspricht das einem Plus von mehr als 50 Prozent.

    Auf Mallorca wächst mit dem Erfolg des Gratisnahverkehrs auch der Frust. Zumal der Massentourismus die Lage verschärft.
    Auf Mallorca wächst mit dem Erfolg des Gratisnahverkehrs auch der Frust. Zumal der Massentourismus die Lage verschärft. Foto: Clara Margais, dpa

    Doch kostenlos heißt nicht kostenfrei. Bezahlt wird das Modell aus öffentlichen Mitteln – teils vom spanischen Zentralstaat, teils von der Regionalregierung. Für 2025 stellte Madrid den Balearen 63 Millionen Euro an staatlicher Finanzierung für den Gratisnahverkehr zur Verfügung. Nach Angaben der Balearen-Regierung deckte das jedoch nicht einmal die Hälfte der tatsächlichen Kosten. Der Gesamtaufwand für die Inseln wird auf mehr als 150 Millionen Euro beziffert.

    Der Gratisverkehr hat auch viele Menschen auf den Kanaren wieder in die „guaguas“ gebracht

    Doch auf Mallorca wächst mit dem Erfolg auch der Frust. Besonders in der Sommersaison geraten einzelne Linien an ihre Grenzen. In Urlauberorten wie Sóller und Alcúdia sowie auf stark frequentierten Linien rund um Palma berichten Residenten immer wieder, dass sie nicht einmal in die Busse einsteigen könnten, weil diese voll seien. Der Massentourismus verschärft die Lage zusätzlich.

    Ähnlich sieht es auf den Kanarischen Inseln aus. Dort wurde der kostenlose öffentliche Nahverkehr ebenfalls Anfang 2023 eingeführt. Und auch dort handelt es sich um ein Modell für Residenten. Die Fahrgastzahlen stiegen auf den Kanaren stark, parallel wuchsen die Klagen über eine Überlastung des Nahverkehrs. Der Gratisverkehr hat viele Menschen gleichwohl wieder in die „guaguas“, wie die Busse auf den Atlantikinseln heißen, gebracht. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass knapp ein Drittel der Nutzerinnen und Nutzer ihr Privatauto häufiger stehen lässt.

    Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Wer Tickets abschafft, muss das Angebot ausbauen. Sonst wird aus dem Nulltarif schnell ein Ärgernis.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren