„Edle Einfalt und stille Größe“ – wenn wir Nachgeborenen an die Antike denken, dann ist sie weiß wie der Marmor der Statuen und Tempel. Doch das ist ein falsches Bild. Die Welt der Griechen und Römer war farbig. Das wussten auch die preußischen Könige, die im 19. Jahrhundert ihrer Italiensehnsucht in Potsdam Ausdruck verliehen. Noch heute kann man im Park Sanssouci diese Sehnsucht sehen und spüren. Ein besonderes Zeugnis dafür liegt etwas abseits im Garten der Villa Liegnitz, eine Viertelstunde zu Fuß vom berühmten Schloss Sanssouci entfernt.
Dort säumen hohe Bäume junges Gras, das wie ein zarter Teppich über der rechteckigen Fläche liegt. In der Mitte stützen Holzgerüste frisch gepflanzte Bäume. Im hinteren Teil erhebt sich aus dem Boden ein steinerner, kunstvoll gestalteter Freisitz mit blauen, roten und goldenen Farbtupfern – das sogenannte Stibadium. Hier suchte unter anderem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. mit seiner Familie Zuflucht und Ruhe vom Alltag. Und bald können das die Besucher der Residenzstadt vor den Toren Berlins auch tun.
Derzeit wirkt das Gemäuer allerdings eher wie eine Werkstatt als eine Oase. Ein provisorischer Pavillon duckt sich in den Raum daneben, als müsse er sich entschuldigen, hier zu sein. Darunter: Schubkarre, Bretter und Werkzeuge, die auf den nächsten Handgriff warten.
Seit 2018 wird an diesem „Inselchen der Ruhe“ gearbeitet, Schicht um Schicht, Stein um Stein, mit winterlichen Pausen, wird evaluiert, konserviert und restauriert. Noch verraten Spuren der Arbeiten, dass hier etwas im Werden ist. Aber schon jetzt, zwischen all dem Vorläufigen, zeigt sich eine Ahnung von dem, was zurückkehren wird: ein Kleinod im Grünen, ein Ort, der nicht laut um Aufmerksamkeit wirbt, sondern leise einlädt, einen kurzen Ausstieg aus dem Alltag zu genießen.
Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. verwirklicht seine Italiensehnsucht
König Friedrich Wilhelm IV. ließ das Gebäude, das an einen kleinen Tempel erinnert, 1847 für seine Stiefmutter errichten. Inspiration dafür fand er bei dem römischen Autor Plinius. Dieser beschrieb ein Stibadium als „ein Ruhebett (…) vom Weinstock geschützt“, mit „Wasser aus Springbrunnenröhren“ – einen Ort der Zuflucht und Ruhe.
Das Stibadium ist im Stil des Klassizismus erbaut, erklärt Kathrin Lange. Sie ist die Leiterin der Abteilung Restaurierung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und beaufsichtigt das Projekt. „Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte die Antike eine Wiederentdeckung und fand sich im Geschmack dieser Zeit wieder. Deshalb sind hier viele antike Elemente zu sehen“, erzählt sie. Ebendiese Elemente sollen nun restauriert werden. Wind, Feuchte und Witterungen haben deutliche Spuren hinterlassen. Flecken, abgeplatzte Farbe, Narben im Putz, Fäulnis im Holz. Die Ruheinsel des Königs mit ihren antiken Motiven hatte viel von ihrem Charisma verloren.
Restaurierung soll dem Stibadium seine Wertigkeit zurückgeben
Zu Beginn der Restaurierung seien die Schäden an den Wänden sehr dominant gewesen, sagt Lange. „Das menschliche Auge nimmt vor allem die leeren Stellen wahr.“ So habe man etwa den Comer See mit Bergen im Hintergrund auf dem Wandbild sehr schlecht ausmachen können. Heute – kurz vor Ende der Arbeiten – ist die Landschaft gut zu erkennen. Makellos ist das Bild dennoch nicht. „Das ist auch nicht die Absicht“, erklärt die Chefrestauratorin. Es gehe nicht darum, das Gebäude neu zu gestalten. Der Zahn der Zeit bleibt sichtbar. Nicht jeder Schnörkel wird neu gestrichen, aber die Kassettendecke schimmert wieder in gülden. Außen läuft um das Dach ein blaues Band. Eine Säule im Innern hat neue Farbe bekommen, eine andere nicht. Das Mosaik im Fußboden vor dem Stibadium leuchtet in Rot und Weiß. „Man soll sehen, dass darüber schon viele Füße gelaufen sind“, sagt die Chefrestauratorin.
Dafür benötigen die Restauratoren Wissen, Erfahrung und ein gewisses Fingerspitzengefühl. „Sie tasten sich ran und wägen ab: Was muss erneuert werden und was erzählt auch der fragmentarische Zustand von der einstigen Schönheit?“, schildert Lange die Arbeit. Je näher Betrachtende an das Gemäuer kommen, desto deutlicher werde, was original ist und was ergänzt wurde. „Das macht durchaus Spaß, ein altes Gemäuer genauer zu betrachten und Zeitschichten zu erkennen“, findet Lange.
Nah ran sollen Besucher und Besucherinnen bereits in diesem Sommer wieder können. Dann wird nicht nur die Restaurierung des Stibadiums, sondern auch die Instandsetzung der Villa Liegnitz abgeschlossen sein. Aktuell ist geplant, das Gartenparadies für Besuchende am Wochenende zu öffnen. Unter der Woche werden die Generaldirektion und -verwaltung der Schlösserstiftung in der gegenüberliegenden Villa arbeiten.
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