Trotz Baustellen, maroden Schienen, mangelnder Pünktlichkeit: Bahnfahren kann schön sein
Deutsche Bahn
Zu spät, aber glücklich: Unser Autor liebt das Bahnfahren – trotz aller Probleme
Die Deutsche Bahn zu nutzen, nervt: Baustellen, marode Schienen, mangelnde Pünktlichkeit. Doch Bahnfahren kann noch immer ein erhabenes Gefühl auslösen. Eine Liebeserklärung an die Bahn.
Von Philipp Schulte||
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Unser Autor liebt das Zugfahren – trotz all der Widrigkeiten, mit denen Fahrgäste der Deutschen Bahn derzeit konfrontiert werden.Foto: Philipp Schulte
Auch bei mir war mal der Bahnsteig zu kurz und ich musste in den nächsten Wagen laufen. Erst dort konnte ich aussteigen. Dass der Lokführer fehlte, kam auf einer meiner Reisen auch schon vor. Der Zug fuhr 20 Minuten später ab. Und als es hieß „Heute ohne Universal-WC“, schüttelte ich nur den Kopf. Was ist da schon wieder schiefgelaufen? Doch ich liebe es, Zug zu fahren, besonders ICE.
Natürlich, da sind die vielen negativen Schlagzeilen. Man macht sich lustig über Züge, die wegen einer kaputten Tür komplett ausfallen. Dann: Stellwerkstörung, Signalstörung, Oberleitungsschaden, die Vorausfahrt eines langsameren Zuges.
„Schon geil“, sagt Martin über das Deutschlandticket
Aber: Deutschland verfügt über eine exzellente Infrastruktur, und die Deutsche Bahn ist ein wichtiger Teil davon. Immer wenn ich in den Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens einfahre, bekomme ich Gänsehaut. Über mir starten Flugzeuge nach New York, hier unten startet der ICE nach Köln durch – mit 300 Stundenkilometern. Schon in einer Dreiviertelstunde ist er da, rollt über die Hohenzollernbrücke in den Hauptbahnhof ein, links und rechts der Rhein.
Martin aus Reute bei Freiburg fährt gern Bahn.Foto: Philipp Schulte
Imposant ist auch, wenn man in Hamburg über die Oberhafenbrücke fährt, unter einem die Elbe, links die Elbphilharmonie, die fünf Kirchen der Innenstadt, die Hafenkräne. Oder wenn man in den Frankfurter Hauptbahnhof einrollt. Vor einem liegt die Skyline und in der langgezogenen Kurve sieht man den Anfang des Zuges.
Als Bahn-Fan bin ich nicht alleine. Auch Martin fährt viel und gerne Zug. An einem Freitagnachmittag sitzt er mit dicken Kopfhörern im Freiburger Hauptbahnhof in einem Café und trinkt eine Cola. Auf dem Tisch vor ihm steht sein aufgeklappter Laptop, er checkt die Mails. Rechts neben ihm befindet sich eine große Tasche, in die ein Surfbrett passen könnte. Doch Martin, ein Mittdreißiger, war nicht in Portugal, sondern in Karlsruhe. Zwei Tage lang schaute er die Stadt an. Dafür nutzte er das Deutschlandticket. „Schon geil“, sagt er. Damit kann er unbegrenzt mit Regionalzügen durch Deutschland fahren, Tarifverbünde sind egal. Bei Städtetrips muss er nur das Hotel buchen.
Ich saß an einem Vierertisch, klappte meinen Laptop auf und genoss erst mal den Ausblick
Mit dem Deutschlandticket, das die Bundesregierung im Mai 2023 einführte, sei Bahnfahren besser geworden, sagt Martin. Er hat es seit dem ersten Tag und sagt: „Man hört von den roten Zahlen der Bahn, aber ich habe noch nie etwas Negatives mitbekommen.“ Die Mitarbeiter seien „immer freundlich, immer gut drauf“. Im Fernzug gebe es Kaffee bis an den Platz. „Es herrscht eine Diskrepanz zwischen dem, was ich in den Nachrichten mitbekomme und dem, was ich auf den Fahrten erlebe.“
Auch ich empfinde das so. Letztens fuhr ich von Freiburg nach Hannover, an einem Montagnachmittag, viereinhalb Stunden Fahrt, pünktliche Ankunft. Ich saß an einem Vierertisch, klappte meinen Laptop auf und genoss erst mal den Ausblick. Der Blick richtete sich rechts permanent auf den Schwarzwald, links auf die Vogesen, auf sanft geschwungene Hügel. Das WLAN funktionierte einwandfrei, ich konnte in Ruhe arbeiten. Dazu muss man sich im Zug zwingen – denn man könnte stattdessen viele Zeitungen und Magazine lesen. Die gibt es kostenlos, darunter Psychologie Heute, das eigentlich acht Euro kostet, die Brigitte und das Magazin Geschichte.Hinzu kommen„Tausend Stunden Filme und Serien kostenlos“, wie es im ICE-Portal heißt.
Wer im ICE an einem Vierertisch sitzt, kann ganz wunderbar die Aussicht genießen. Oder ein Nickerchen machen...Foto: Julian Stratenschulte, dpa
In Hannover angekommen scannte ich den QR-Code, der an jedem Platz klebt. Was hat Ihnen gefallen? „Eine sehr tolle Fahrt von Freiburg nach Hannover. Ich konnte in Ruhe arbeiten, alles pünktlich. Und man kann viele Zeitungen gratis lesen. Danke liebe Bahn“ Was können wir besser machen? „Diesmal nichts“ In dem Feedback-Formular steht ganz unten: Wussten Sie schon, dass Ihr Feedback zu Komfort (Sauberkeit, Temperatur und WLAN in Zügen der Deutschen Bahn) nach Prüfung an unser Zugpersonal geleitet wird? Somit können wir es nach Möglichkeit direkt für Sie umsetzen.
Gerät man als Autofahrer in einen Stau, akzeptieren wir das eher als Teil des Systems
Nur 60 Prozent der ICEs und ICs kamen im vergangenen Jahr pünktlich an. Pünktlich heißt bei der Bahn, dass die Züge auch sechs Minuten Verspätung haben können. Ich frage mich immer wieder, warum wir schnell wegen zehn oder 15 Minuten Verspätung nörgeln. „Alle schauen vor allem auf die Pünktlichkeit“, sagte Michael Peterson, Vorstand für Personenfernverkehr bei der Bahn, letztens in einem Interview. Aber warum? Peterson sagte auch, dass sich die Kundenzufriedenheit verbessert habe.
Wer mit dem Auto 500 Kilometer von Augsburg nach Köln fährt, plant Staus ein. Da kommt man schnell eine Stunde später an. Mit dieser Gelassenheit sollten wir auch in den Zug steigen. Klar nervt es, wenn der ICE schon mit zehn Minuten Verspätung losfährt. Aber von einer Stunde Verspätung an gibt es bei Bahnverschulden 25 Prozent des Fahrpreises zurück. Den zusätzlichen Sprit, den man im Stau auf der A3 verbraucht, zahlt einem niemand. Und wie hoch der Spritpreis derzeit ist, muss man niemandem mehr sagen.
Hartmut Mehdorn hat die Deutsche Bahn und das Schienennetz zwischen 1999 und 2009 kaputtgespart.Foto: Peer Grimm, dpa (Archivbild)
Ein Grund für die verzerrte Wahrnehmung könnte sein, dass es bei einer langen Autofahrt keinen festen Zeitplan gibt. Das Navi berechnet die Fahrtzeit immer wieder neu. Gerät man in einen Stau, akzeptieren wir das eher als Teil des Systems – „Freitagnachmittag ist eh alles voll“. Außerdem kommen wir besser mit der Verzögerung klar, wenn wir selbst am Steuer sitzen. Bei der Bahn schieben wir das auf die kaputte Weiche und Hartmut Mehdorn, der den Konzern und das Schienennetz zwischen 1999 und 2009 kaputtgespart hat. Er wollte die Bahn an die Börse bringen, was scheiterte. Er ließ Überholgleise entfernen und wird als „Urvater der Misere“ bezeichnet.
Positiv gesehen kann es auch Vorteile haben, wenn der Zug im Niemandsland zum Stehen kommt
Seit Oktober ist Evelyn Palla Bahn-Chefin und damit die erste Frau an der Spitze des Konzerns. Sie sagt: „Es wird erst mal nicht besser, so ehrlich müssen wir sein.“ Eher in zehn Jahren, vielleicht. Nichtsdestotrotz hat man den Eindruck, dass Palla anpackt und keine unbequemen Entscheidungen scheut. Sie will 21 von 45 Stellen im Topmanagement streichen. Und – das ist noch viel wichtiger – für mehr Sauberkeit, Informationen und Sicherheit sorgen. Palla ist auch die erste Bahn-Chefin, die einen Lok-Führerschein hat.
Positiv gesehen kann es auch Vorteile haben, wenn der Zug im Niemandsland zum Stehen kommt. Auf einmal kommen alle miteinander ins Gespräch. Waren die Augenpaare eben noch auf Laptops und Handys gerichtet, befindet man sich plötzlich in einer Gemeinschaft der Unwissenden. Was ist los? Warum stehen wir? Warum gibt es keine Information? Die ersten zehn Minuten checken alle noch den Bahn-Navigator, dann stößt jemand ein „Na toll“ aus. Reisende steigen ins Gespräch ein: Haben Sie etwas gehört? Ist das öfter auf der Strecke? Schaffe ich meinen Anschluss noch? Man gibt Halbwissen preis: Ich habe gehört, da ist eine Störung. Oder ein Signalproblem? Vor uns steht wohl ein anderer Zug.
Soziologen nennen das „situative Gemeinschaften“. Menschen also, die sich nur kurz wegen eines gemeinsamen Ereignisses verbinden. Fährt der Zug weiter, enden die Gespräche meistens sofort und jeder kehrt in seine Welt zurück. Oder es beginnen Liebesbeziehungen.
Wenn ich mit dem Kinderwagen am Bahnsteig stehe, werde ich manchmal direkt angesprochen, ob man mir beim Einstieg helfen könne
Vergangenes Jahr haben sich viele darüber aufgeregt, dass die Bahn die Sitzplatzreservierung für Familien abgeschafft hat (für 10,40 Euro, einfache Fahrt, maximal fünf Personen). Stattdessen zahlt eine fünfköpfige Familie nun 22 Euro. Die Kritik ist berechtigt, weil die Gesamtersparnis für den Konzern gering ist. Die Bahn erlitt einen (weiteren) Imageschaden, der Schritt, so hieß es, sei nicht kinderfreundlich. Das Unternehmen erwiderte, dass Kinder unter 14 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen weiter kostenlos reisen dürfen. Doch diese Info ging unter; dabei ist sie wichtig.
Reisen mit Kindern in der Bahn kann auch ganz schön sein.Foto: Lisa Ducret, dpa
Denn für Museen, Freizeitparks oder das Freibad müssen Kinder ab sechs Jahren Eintritt zahlen. Der Augsburger Zoo etwa verlangt schon für Dreijährige 7,50 Euro Eintritt (im Sommer). Dagegen ist es sehr fair, dass Eltern ihre Kinder bis 14 Jahre gratis im ICE mitnehmen dürfen. Da fällt ein Sitzplatz für das Kind in Höhe von 5,50 Euro nicht ins Gewicht. Wenn man überhaupt eine Reservierung benötigt.
Ohnehin reist es sich mit einem Kind im ICE sehr gut. Wenn ich mit dem Kinderwagen am Bahnsteig stehe, werde ich manchmal direkt angesprochen, ob man mir beim Einstieg helfen könne. Ja, gerne, ich muss in Wagen 9, dort ist das Kinderabteil. Können Sie mitkommen zu dieser Tür?
Einmal saß die Fußball-Zweitligamannschaft von Hannover 96 bei Martin im Abteil
Im Bordrestaurant kann man sich gratis einen Spielzeug-Zug abholen. Eigentlich gegen das Vorzeigen einer Kinderspiel-Fahrkarte. Doch die verlangt niemand. Eine Figur kostet im Normalverkauf 4,90 Euro. Wir haben mittlerweile alle: den kleinen ICE, Nick Nachtzug, Günny Güterzug, Robbie Regio, Sally S-Bahn, Simsala Sum, IC Bus Benni. Dazu bekommt man noch das Heftchen „Lese-Lok“ in die Hand gedrückt. All das müsste die Bahn nicht bieten.
Zurück an den Freiburger Hauptbahnhof, wo Martin noch immer in dem Café sitzt. Er kommt aus Reute, einer Gemeinde nördlich von Freiburg, kein Bahnhof. Martin besitzt zwar ein Auto, jedoch will er Geld sparen, indem er Bus und Zug fährt. An den Bodensee würde er nicht mit dem Auto fahren, die Zugverbindung sei gut. Von Freiburg aus fährt jede Stunde ein Regionalzug nach Donaueschingen, von wo aus man weiter an den Bodensee fahren kann. Mit dem ICE fährt Martin an die Nordsee, Ostsee, nach Halle an der Saale, nach Dortmund und Duisburg.
Einmal saß die Fußball-Zweitligamannschaft von Hannover 96 bei ihm im Abteil. Er konnte einem Spieler über die Schulter schauen und sehen, wie dieser gegnerische Mannschaften analysierte und deren Spieler googelte. Gebracht hat es nichts, Hannover verlor das nächste Spiel.
Dann passierte Wundersames: Der Zug holte die Verspätung Minute für Minute wieder rein.
Auf meiner Rückfahrt von Hannover nach Freiburg hatte der ICE vor Kassel eine Viertelstunde Verspätung: defektes Stellwerk, Reparatur an einer Weiche, das Übliche. Dann passierte Wundersames. Der Zug holte die Verspätung Minute für Minute wieder rein. Auf den Schnellfahrstrecken ist das gut möglich. So kam der ICE sogar zwei Minuten zu früh in Freiburg an – nachdem er schon 15 Minuten zu spät war. Er hatte 17 Minuten aufgeholt, im Navigator leuchtete die Ankunftszeit grün: 12 Uhr 29 statt 12 Uhr 31.
Die vorherigen Störungen zeigte die App weiter an, rot markiert. Als wollte sie zeigen: Trotz der Probleme kann es laufen.
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