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Krieg in der Ukraine
22.06.2022

Ukrainische Gegenoffensive: Wann kommt sie und wie könnte sie aussehen?

Ukrainische Soldaten einer Aufklärungseinheit im Donbass. Dort könnte bald eine ukrainische Gegenoffensive Gestalt annehmen.
Foto: Daniel Ceng Shou-Yi, dpa (Archivbild)

Der Krieg in der Ukraine hat sich auf den Donbass verlagert. Dort könnte eine Gegenoffensive der Ukraine anstehen, welche eine Grundlage für die Lösung des Konflikts seien könnte.

Rund vier Monate tobt nun ein Krieg in Europa. Der Krieg in der Ukraine hat sich mittlerweile in den Osten des Landes verlagert. Nach dem erfolglosen Versuch eines Blitzkrieges konzentrieren sich die russischen Truppen auf den Donbass und erzielen dabei nach und nach Geländegewinne. Auch wichtige Städte fielen in russische Hand. Einen ganz großen Durchbruch konnte der Kreml bislang aber nicht verkünden. Fragt sich, wie die Gefechte um den Osten der Ukraine weiter verlaufen könnten.

So ist die Lage im Donbass

Nach der Eroberung von Mariupol hat Russland eine Landverbindung zur 2014 annektierten Krim geschaffen. Die Region Luhansk soll mittlerweile nahezu zu 80 Prozent unter russischer Kontrolle sein. In Donezk, der zweiten Region, die zum Donbass gehört, konnten die Ukrainer mehr Widerstand leisten. Besonders wichtig: Die Metropole Donezk ist in ukrainischer Hand.

Die russischen Streitkräfte versuchen derzeit, die ukrainischen Truppen westlich von Donezk einzukesseln. Damit könnte sich eine Schlinge um die Großstadt Donezk und die weiteren Städte und Regionen im Westen der Ukraine bilden, die noch unter ukrainischer Kontrolle stehen. Das will die Ukraine unbedingt verhindert – und zwar mit einer offensiven Taktik. Derzeit konzentrieren sich die Kämpfe in der Ostukraine auf die drei Städte Lyssytschansk, Sjewjerodonezk und Popasna.

Besonders schwer sind die Kämpfe in der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk. Die russischen Streitkräfte sollen mittlerweile weite Teile der Stadt eingenommen haben, doch die Ukrainer leisten weiter Widerstand.

Video: dpa

Gegenoffensive der Ukraine im Donbass blieb im Juni aus

Aus offensiver Sicht agieren die ukrainischen Streitkräfte derzeit vor allem per Partisanentaktik. Das könnte sich aber bald ändern. "Wenn wir alles zurückgewonnen haben, was uns gehört, werden wir die Kämpfe beenden", kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zuletzt in einer Videoschalte mit Studenten der französischen Universität Sciences Po an. Die Rückeroberung von Gebieten soll durch eine groß angelegte Gegenoffensive gelingen – mit den Waffen, welche aus dem Westen geliefert werden.

Selenskyjs enger Berater Oleksik Arestowytsch wurde sogar konkret und kündigte den 15. Juni als Stichtag an. Ab diesem Datum solle sich die Situation an der Front zugunsten der Ukrainer verändern. Mittlerweile kann man sagen, dass dies nicht eingetreten ist. Den 15. Juni hatte Arestowytsch dabei nicht zufällig gewählt, denn an diesem Tag fand ein Nato-Gipfel statt, von dem sich die Ukrainer die Bekanntgabe von weiteren Waffenlieferungen erhofften, was zum Teil auch eintraf. Er schien sich kurz danach auch gar nicht mehr so sicher zu sein. Er erklärte am 7. Juni, dass die Verteidigung zwar starken Widerstand leiste, sagte aber auch: "Auf eine Gegenoffensive können wir lange warten". Die Gründe: Es ist unklar, in welchem Umfang Waffenlieferungen zu erwarten sind und einige Kämpfer würden dem Druck an der Front nicht standhalten können. Momentan fehlen den Ukrainern offensichtlich noch schwere Waffen, um eine Gegenoffensive in die Tat umzusetzen.

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Das gilt vor allem für den Donbass, den im Süden des Landes laufen bereits Gegenoffensiven der Ukrainer. Hier ist die Lage deutlich besser, wie sie sich für die Ukraine im Donbass darstellt. Nach und nach können Gebiete rund um die Region Cherson zurückerobert werden. Die russischen Streitkräfte sind dort bei Weitem nicht so präsent, wie es im Donbass der Fall ist.

Video: dpa

Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte im August zu erwarten?

Klar ist, dass die Vorbereitungen für eine große Gegenoffensive trotzdem bereits laufen. Nach der Einberufung von allen Reservisten und Wehrpflichtigen im Februar hat die Ukraine frische Kräfte, welche so langsam auch ausgestattet und geschult sind. An den neuen Waffensystemen aus dem Westen müssen sie aber noch ausgebildet werden. Bis sie in einem Verband an der Front kämpfen können, vergeht wohl noch etwas Zeit. Die meisten Experten erwarten eine Gegenoffensive Mitte des Sommers. So auch der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR). "Wir werden etwa Mitte des Sommers sehen, dass die Ukraine durch die Mobilmachung über deutlich mehr Soldaten verfügt. Die große Gegenoffensive der Ukraine könnte im August beginnen, vielleicht auch eher im September", wird Gressel vom RND zitiert.

Selenskyjs Wirtschaftsberater Alexander Rodnyansky brachte eine Gegenoffensive im August ins Spiel. "Wir können den Krieg gewinnen", sagte er in der ARD-Sendung "Maischberger". Dazu brauche es eine Gegenoffensive und er selbst hoffe, dass diese im August beginnt.

Gegenoffensive als Lösung im Krieg in der Ukraine?

Ähnlich sieht es Militärexperte Carlo Masala von der Bundeswehruniversität München. Er glaubt, dass die Ukraine "irgendwann eine große Gegenoffensive fahren" müsse. Im stern-Podcast "Ukraine – die Lage" erklärte er, dass die derzeitige Situation für die Ukraine "nicht tolerabel" sei. Masala glaubt, dass die Zurückdrängung der russischen Truppen "eine der Voraussetzungen sei, dass es überhaupt irgendwann Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts geben kann".

Das Szenario könnte dann also so aussehen: Die Ukraine gewinnt einige der von Russland besetzten Gebiete zurück und hätte dann eine bessere Position für Friedensverhandlungen. Russlands Präsident Wladimir Putin müsste unterdessen über einen Friedensschluss nachdenken, wenn er Rückschläge im Donbass einstecken müsste.

Video: dpa Exklusiv

Kann eine Gegenoffensive der Ukraine im Donbass erfolgreich sein?

Die alles entscheidende Frage, die so einfach nicht zu beantworten ist. Zunächst muss man sich die Truppenstärken ansehen. Masala geht davon aus, dass die Truppenstärken der Ukrainer und Russen im Donbass derzeit in etwa 1:1 ausfallen würden. Die Ausgangslage ist damit in etwa ausgeglichen, die Russen verfügen tendenziell aber über die bessere Ausrüstung. Durch weitere Waffenlieferungen aus dem Westen an die Ukraine kann sich das aber ändern.

Im Süden der Ukraine haben kleinere Offensiven der Ukrainer bereits begonnen. In der Region um Cherson konnten die ukrainischen Truppen auch erste Erfolge feiern, was Mut für die Kämpfe im Donbass machen dürfte. Dass die Ukraine die besetzten Ländereien vollends zurückerobern kann, dürfte aber unwahrscheinlich sein. "Dass die Ukraine in einigen Wochen das gesamte Land zurückerobert, halte ich für ein Wunschdenken. Das ist eine Illusion, die sich aus militärischer Perspektive nicht abzeichnet", schätzte Oberst a. D. Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Lage für das RND ein. Er könnte sich bei einer Gegenoffensive der Ukraine auch eine Generalmobilmachung in Russland vorstellen. "Der Krieg würde dann nur verlängert und zu einer Materialschlacht, ohne dass die Ukraine nennenswerte Gebietsgewinne machen würde", glaubt Richter.

Auf der anderen Seite erscheint es aber auch unwahrscheinlich, dass Russland die Ukraine als Ganzes kontrollieren könne. Auch die Großstadt Donezk dürfte für die russischen Truppen, die auch im Donbass schon schwere Verluste hinnehmen mussten, derzeit kaum einzunehmen sein. Die Lage im Krieg in der Ukraine bleibt daher ungewiss.

Alle aktuellen Entwicklungen erfahren Sie jederzeit in unserem Live-Blog zum Krieg in der Ukraine.

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