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Vom Taxifahrer zum Doppelagenten: Die abenteuerliche Geschichte von Hermann Reisch

Ulm

Vom Taxifahrer zum Doppelagenten: Das ist die abenteuerliche Geschichte von Hermann Reisch

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    Hermann Reisch spaziert durch jenen Wald, in dem einst Raketen stationiert waren.
    Hermann Reisch spaziert durch jenen Wald, in dem einst Raketen stationiert waren. Foto: Sara Guglielmino

    Der Westerstetter Wald bei Ulm ist ein idyllischer Ort. Er liegt auf der Schwäbischen Alb, einige Meter über dem 2000-Seelen-Dorf. Hohe Bäume schmücken den Schotterweg, der in den Wald führt. An diesem Tag scheint die Sonne durch die noch fast kahlen Baumkronen. Vor wenigen Jahrzehnten war das hier kein Idyll. Dieser Ort war ein Schauplatz des Kalten Krieges.

    Als sich der Machtkampf zwischen den USA und der Sowjetunion zuspitzte, rüsteten beide Länder massiv auf – auch bei Westerstetten. Mehrere ballistische Raketen, sogenannte Pershing I, lagerten die hierzulande stationierten Amerikaner ab Ende der 60er-Jahre im Wald, bestückt mit Atomsprengköpfen. Nach knapp zehn Minuten Flugzeit hätten diese in Warschau einschlagen können – zehnmal so stark wie die Atombombe von Hiroshima 1945. Später, ab 1984, kamen in der Region Pershing-II-Raketen hinzu. Diese waren noch schneller, noch mächtiger, und hätten bis nach Moskau gereicht.

    Um sich etwas hinzuzuverdienen, fuhr er Taxi – bis er Spion wurde

    Mittendrin: der Westerstetter Hermann Reisch. Der heute 74-Jährige hat weiße Haare, eine kahle Stirn und trägt eine braune, halbrunde Brille. Reisch ist ein Kind der Nachkriegszeit. Er wurde 1951 geboren und wuchs in den Trümmern eines zerstörten Landes auf. Zum Höhepunkt des Kalten Krieges war er ein junger Erwachsener, hatte zwei kleine Kinder und gerade ein Bauernhaus in Westerstetten gekauft. Reisch hatte wenig Geld und genügend Probleme, sagt er, wenn er heute an die Vergangenheit denkt. Um sich etwas hinzuzuverdienen, fuhr er Taxi. Bis er Spion wurde.

    An einem Tag im Jahr 1979 änderte sich Reischs Leben für immer. Mit seinem Taxi brachte er ein Ehepaar aus Westerstetten zu einer Hochzeit nach Chemnitz, das damals in der DDR noch Karl-Marx-Stadt hieß. Dort angekommen, habe ihn ein Mann namens Ingo angesprochen. „Das war der Tag, an dem ich als Spion rekrutiert wurde“, sagt Reisch. Ingo habe dem militärischen Nachrichtendienst der DDR angehört. In einem Hotel gegenüber des Bahnhofs habe er ihm 750 Mark angeboten. Dafür sollte Reisch einen Ulmer Stadtplan mit den Standorten der amerikanischen Soldaten mitbringen, wenn er das Ehepaar wieder abholen würde.

    Reisch kannte die amerikanischen Soldaten zu dem Zeitpunkt gut. „Sie gehörten in Westerstetten zum Ortsbild“, sagt er. Reisch fuhr die Amerikaner regelmäßig im Taxi herum, meist habe er sie von ihrer Kaserne abgeholt. „Manchmal hielten sie mich an und fragten mich, wo man abends noch etwas trinken konnte“, sagt Reisch, „oder wo man Frauen kennenlernen kann“.

    Zurück in der Heimat meldete Reisch den Vorfall dem Verfassungsschutz. So hatte er es bei den Sicherheitsbelehrungen während seines Wehrdienstes gelernt. Dieser legte einige hundert Mark obendrauf und schickte Reisch mit dem Stadtplan nach Karl-Marx-Stadt. Fortan agierte der Taxifahrer als Doppelagent. „Meine Bedingung dafür war, dass mir und meiner Familie nichts passieren kann“, sagt Reisch. Doch er sollte enttäuscht werden.

    Reisch gab sich den Decknamen Jörg Berger, nach dem damaligen Fußballtrainer des SSV Ulm

    Fünf Jahre lang fuhr Reisch mit seinem Fahrzeug zwischen Westerstetten und der DDR hin und her. Um nicht aufzufliegen, benutzte er einen gefälschten Pass. Reisch gab sich den Decknamen Jörg Berger, nach dem damaligen Fußballtrainer des SSV Ulm. Während seiner ersten drei Besuche in Chemnitz wurde er in Privatwohnungen verschiedener DDR-Bewohner inoffiziell zum Spion ausgebildet.

    Ein elfenbeinfarbenes Taxi von Mercedes mit dem Kennzeichen UL-A-4: Damit spionierte der Westerstetter Hermann Reisch amerikanische Soldaten aus. 
    Ein elfenbeinfarbenes Taxi von Mercedes mit dem Kennzeichen UL-A-4: Damit spionierte der Westerstetter Hermann Reisch amerikanische Soldaten aus.  Foto: Reisch

    Für die DDR sollte der Agent schließlich herausfinden, wann welche amerikanischen Raketen wo stationiert waren. Dafür spähte Reisch die Kennzeichen der amerikanischen Transporter aus. „Jede Batterie hatte einen Buchstaben, der auch auf den Kennzeichen stand“, sagt Reisch, „A, B, C oder D“. Nach wenigen Wochen habe er die Standorte der Batterien nachvollziehen können: Im Wochenrhythmus hätten sie sich abgewechselt, sagt Reisch, immer von Donnerstag bis Donnerstag. Die Daten lieferte der Spion gleichzeitig an die DDR und den Verfassungsschutz der Bundesrepublik.

    Sowohl am Waldeingang als auch an der Wiley-Kaserne in Neu-Ulm, wo die amerikanischen Soldaten untergebracht waren, hüteten Wächter die Eingänge. Reisch erzählt, er habe sich vorbeigeschmuggelt, indem er ihnen vorgaukelte, einen sogenannten „Sergeant Lonely“ abholen zu müssen. Diesen hat es in Wirklichkeit nie gegeben. „Sie haben mich immer durchgelassen“, sagt Reisch. Er glaubt, dass ihm sein Taxi dabei geholfen hat. „Die Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zum Taxi als die Deutschen“, sagt Reisch, „die brauchen das sogar zum Zigaretten holen“. Als Taxifahrer, sagt Reisch, habe er für die Amerikaner tun können, was er wollte.

    Das Wiley-Gelände in Ulm: Dort waren die amerikanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg stationiert. 
    Das Wiley-Gelände in Ulm: Dort waren die amerikanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg stationiert.  Foto: Reisch

    Reischs Familie wusste nichts von seinem Doppelleben, weder seine Frau noch die beiden Kinder. „Keiner im Dorf wusste, was ich wirklich mache“, sagt der 74-Jährige heute. Zuhause habe er sich immer wieder zurückgezogen, habe seiner Frau gesagt, dass er Ruhe brauche oder Musik hören wolle. Währenddessen entschlüsselte er im obersten Stockwerk Geheimcodes und gab sie per Funk an Stasi-Leute in Ostdeutschland durch. Für seine Arbeit verlieh ihm die DDR einen Orden, als sogenannter „Kämpfer an der unsichtbaren Front“.

    Das Urteil für Hermann Reisch lautete zwölf Jahre Gefängnis

    Reischs Geschichte ist von Mut, Enttäuschungen und wohl auch Naivität geprägt. „Ich war unbedarft und hatte zu wenig Zeitung gelesen“, sagt er. Er habe allein des Geldes wegen spioniert, sagt er. „Ich hatte keine Ahnung von der Politik, die dahintersteckt.“ Diese sollte ihn schließlich einholen. Bei einer Taxi-Fahrt in die DDR wurde Reisch schließlich von der Stasi verhaftet. Seine Arbeit als Doppelagent war aufgeflogen. 1984, nach fünf Jahren in dieser Rolle, kam er in die berüchtigte Strafanstalt nach Bautzen. Damals war Reisch 33 Jahre alt. Im Gefängnis, so lautete das Urteil, sollte er zwölf Jahre verbringen.

    Die Zeit in Bautzen sei schlimm gewesen. In den Zellen durften sich die Gefangenen oft stundenlang nicht hinsetzen, sagt Reisch, manchmal verbrachten sie ganze Tage im Dunkeln. Die Zellen seien täglich über Lautsprecher mit den Stimmen und Liedern der DDR-Radiosender beschallt worden. „Wir haben die Boxen irgendwann mit Kissen zugehalten“, erzählt Reisch.

    Immer wieder habe er sich in den Isolationshof bringen lassen – obwohl die Bedingungen dort noch härter gewesen seien als in den normalen Zellen. „Gegenüber stand die Grundschule, deshalb wollte ich dorthin“, sagt Reisch. Das Kindergeschrei in den Pausen habe ihn an seine eigenen Kinder erinnert. „Dort habe ich geheult wie ein Schlosshund.“ So oft wie möglich schrieb Reisch Briefe an seine Familie. Später erlaubten ihm die Wächter, zu malen. „Ich malte den ganzen Tag, immer, wenn es ging“, sagt er. Die Bilder schickte er ebenfalls seiner Familie.

    Reischs Entlassungsschein: Mittels eines Gefangenenaustauschs kam er nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis in Bautzen.
    Reischs Entlassungsschein: Mittels eines Gefangenenaustauschs kam er nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis in Bautzen. Foto: Reisch

    Sein größter Fehler sei im Rückblick gewesen, zu glauben, dass ihm nichts passieren kann. „Schließlich hatte mir das der Verfassungsschutz zugesichert“, sagt Reisch. Erst nach dreieinhalb Jahren konnte ihn die Bundesrepublik aus dem Gefängnis holen, mittels eines Gefangenenaustauschs. Als Entschädigung habe er 50 Pfennig pro Tag bekommen, für insgesamt 1365 Tage. Einen Familienurlaub auf Staatskosten habe es dazu gegeben. Mehr nicht.

    Seine Frau brauchte lange, um den Vertrauensbruch zu verdauen

    Seine Ehefrau hat der ehemalige Doppelagent an einem Dezemberabend kurz vor Weihnachten 1987 wiedergesehen. „Meine Frau wurde an einem Tag überraschend von fremden Männern abgeholt“, sagt Reisch. „Ihr wurde nur gesagt: Sie sehen heute Abend Ihren Mann.“ Die Männer seien Mitarbeiter des Verfassungsschutzes gewesen. Sie brachten Reischs Frau ins Kloster nach Neresheim, zwischen Heidenheim und Nördlingen. Dort hätten sie sich schließlich wiedergesehen. „An Heiligabend durften wir nach Hause.“

    Aus Geldnot und jugendlichem Leichtsinn hatte Reisch seine Freiheit riskiert. Die Folgen trägt er bis heute. Seine Frau habe lange gebraucht, um den Vertrauensbruch zu verdauen, sagt er. Die Kinder seien plötzlich nicht mehr auf Kindergeburtstage eingeladen, bei Fußballspielen auf dem Bolzplatz ausgeschlossen worden. Sein Sohn sei schließlich abgestürzt, seine Tochter wolle heute keinen Fuß mehr nach Westerstetten setzen. „Niemand wollte etwas von uns wissen, und ich wollte doch so gerne erzählen, was mir passiert war“, sagt Reisch. Im eigenen Dorf seien sie plötzlich Fremde gewesen.

    „Das ist der Punkt, an dem ich einen Kloß im Hals bekomme, wenn ich von diesen Jahren erzähle“, sagt der 74-Jährige. Der Atem geht schnell, die Augen sind glasig geworden. Die Familie habe sich dennoch entschieden, in Westerstetten zu bleiben. Erst Jahre später, nachdem Deutschland sich wiedervereinigt hatte und die DDR zusammengebrochen war, normalisierte sich das Leben für die Familie wieder.

    Im vergangenen Herbst brachte das Ulmer Theater seine Geschichte auf die Bühne

    Reisch ist einer der wenigen Doppelagenten, die ihre Geschichte offen erzählen – auch, wenn seine Familie mit der Vergangenheit abschließen möchte. „Ich merke, dass es mir jedes Mal ein bisschen besser geht, wenn ich darüber rede“, sagt Reisch. Er hält Vorträge an Schulen, zwischenzeitlich bot er als Zeitzeuge Führungen in ehemaligen Stasi-Gefängnissen an. Im vergangenen Herbst brachte das Ulmer Theater seine Geschichte unter dem Titel „Taxi nach drüben“ auf die Bühne.

    Nach Bautzen kehrt Hermann Reisch jedes Jahr zurück, meist Anfang September. „Bei meinem ersten Besuch nach der Haft war mir richtig schlecht“, sagt Reisch. Doch es helfe ihm. „Es ist wie Therapie.“

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