Zuletzt arbeiteten die Journalisten der Pittsburgh Post-Gazette aus einem Lagerraum, umgeben von Archiven aus 240 Jahren Zeitungsgeschichte. Die Redaktion konnte sich ihr Büro nicht mehr leisten. Obwohl bereits ein Termin für die letzte Ausgabe der renommierten Regionalzeitung feststand, machten die Reporter weiter. Zwei Wochen vor der geplanten Schließung am 3. Mai kam dann die unerwartete Rettung.
Das Venetoulis Institute for Local Journalism kaufte das Blatt. Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Baltimore, die sich für den Erhalt und die Stärkung des Lokaljournalismus in den USA einsetzt, übernahm die Marke, das geistige Eigentum und Kundenstamm der Pittsburgh Post-Gazette. Für die Belegschaft fühlte sich der Moment an wie „ein kollektives Aufatmen“. So beschreibt die Reporterin Hallie Lauer ihre Erleichterung und die ihrer Kollegen. Dabei bietet die Geschichte, wie das Traditionsblatt einer US-amerikanischen Großstadt gerettet wurde, wahrlich nicht nur Anlass zur Freude. Tatsächlich kann diese Geschichte auch als Alarmsignal verstanden werden.
Dass die Geschichte der Pittsburgh Post-Gazette weitergeht, hat viel mit Idealismus zu tun
Dazu muss man wissen: Die Pittsburgh Post-Gazette gehört zu den ältesten Tageszeitungen der USA. Seit 1927 führte die Familie Block das Blatt. Dann trieben wirtschaftliche Verluste und ein erbitterter Arbeitskonflikt den Verlag in die Enge. Das Oberste Gericht des Landes entschied im Januar zugunsten der 26 Redakteure, die auf Einhaltung eines seit Jahren ignorierten Tarifabkommens geklagt hatten. Ein Pyrrhussieg für die Journalisten, die am Tag darauf die Schließung des Blatts mitgeteilt bekamen.
Dass es weitergeht, verdanken sie nicht dem Markt, sondern der Philanthropie. Das Venetoulis Institute betreibt bereits den Baltimore Banner, ein 2022 gegründetes Online-Nachrichtenportal mit knapp 80.000 zahlenden Abonnenten und einem Pulitzer-Preis für Lokalberichterstattung. Institutschef Bob Cohn stufte die alte Stahlmetropole südwestlich von New York als vielversprechend ein. Es gebe dort „eine Tradition, Nachrichten zu lesen, sich bürgerschaftlich zu engagieren und die Bereitschaft, für Nachrichten zu bezahlen“, begründete er den Schritt nach Baltimore.
Der Fall Pittsburgh ist das jüngste prominente Beispiel für den Strukturwandel auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt. Ein Trend, der sich spätestens seit der Jahrtausendwende abzeichnet. Laut Zahlen des Lokal-Journalismus-Projekts der Northwestern University ist die Zahl der Zeitungen, die in den USA erscheinen, seit dem Jahr 2005 von 7.325 auf 4.490 gesunken. Damit sind in diesem Zeitraum 40 Prozent aller Titel verschwunden. Allein im vergangenen Jahr stellten 136 Zeitungen ihr Erscheinen ein. Das sind zwei Blätter pro Woche.
Viele US-Zeitungen haben ihre wichtigste Einnahmequelle verloren
So wie der Malheur Enterprise im Osten des US-Staats Oregon. Im Mai 2025 war für das Lokalblatt nach 115 Jahren Schluss, trotz einer handfesten Reputation für investigative Recherchen, die etwa Korruption und Misswirtschaft aufdeckten. Die Suche nach einem Nachfolger war gescheitert und so blieb den in den Ruhestand gehenden Verlegern Les Zaitz und Scotta Callister nicht viel anderes übrig, als die Zeitung einzustellen.
Die Gründe für das Zeitungssterben sind offensichtlich. Das Geschäftsmodell vieler lokaler US-Medien ist in den vergangenen Jahren kollabiert. Jahrzehntelang finanzierten Einnahmen aus der Werbung im weiteren Sinne das Geschäft. Dieses Geld ist mit der Zeit in digitale Plattformen gewandert. Viele Blätter verloren damit ihre wichtigste Einnahmequelle, ohne online ein ähnlich tragfähiges Modell aufbauen zu können.
Denn das digitale Geschäft konnte die Verluste nur teilweise kompensieren. Das lässt sich allein an den Online-Zugriffszahlen der 100 größten Zeitungen in den USA ablesen. Diese sanken in den vergangenen vier Jahren um 45 Prozent. Zach Metzger von der „Local News Initiative“ weist darauf hin, dass der Gebrauch von Künstlicher Intelligenz in Suchmaschinen das Problem zuletzt verstärkte, weil sie Leser an den Nachrichtenseiten vorbeischleust.
Auch andere Kennziffern sprechen eine deutliche Sprache: Während 2005 noch 365.460 Menschen bei US-amerikanischen Tageszeitungen arbeiteten, waren es zuletzt nur noch 91.550. In diesem Zeitraum sind fast drei Viertel aller Stellen verschwunden. Die tägliche Gesamtauflage ging von einst 50 bis 60 Millionen auf knapp über 15 Millionen zurück.
Kritiker sprechen in den USA längst von „Zombie-Journalismus“
Aus den Zahlen der Northwestern University geht darüber hinaus eine qualitative Verschiebung hervor. Jahrzehntelang wurde die Konsolidierung des Marktes von Medienketten wie Gannett vorangetrieben, die kleine Zeitungstitel übernahmen, Stellen strichen und Inhalte anglichen. Kritiker nannten das „Zombie-Journalismus“.
Was sich zuletzt verändert hat, wiegt allerdings schwerer. Die Mehrzahl der im vergangenen Jahr geschlossenen Zeitungen waren unabhängige Lokalblätter, deren Eigentümer nach Jahrzehnten schlicht aufgaben. Beispiele sind etwa die Wasatch Wave in Utah oder der Aurelia Star in Iowa. Diese Verleger hatten ihre Zeitungen als Lebenswerk betrieben, als Teil der Gemeinschaft. Tim Franklin von der Northwestern University nennt diese Entwicklung „sehr entmutigend“. Denn wenn diese Verleger das Handtuch werfen, gibt es keinen Käufer, keine Übernahme, kein digitales Weiterleben.
Doch die Krise trifft längst nicht mehr nur Lokal- und Regionalzeitungen. Auch nationale Flaggschiffe gerieten in schwieriges Fahrwasser. Zuletzt machte die 2013 von Amazon-Gründer Jeff Bezos gekaufte Washington Post negative Schlagzeilen über massive Einschnitte bei dem einstigen Inbegriff für amerikanischen Qualitätsjournalismus. Weil die Profite nicht mehr passten, entließ das Blatt Anfang Februar 2026 ein Drittel seiner Belegschaft. Auch die Los Angeles Times und die Chicago Tribune bauten massiv Personal ab.
Die Leser, die ihrer Zeitung treu bleiben, spüren den Wandel trotzdem. Denn der Rückzug aus dem Printgeschäft beschleunigt sich. Von den 100 größten Tageszeitungen des Landes erscheinen nur noch 61 täglich in gedruckter Form. 18 Zeitungen erscheinen nur noch an vier Tagen in der Woche oder seltener. Die Zeitung Star-Ledger aus New Jersey etwa stellte komplett auf Digital um. Die Atlanta Journal-Constitution kündigte das Ende der gedruckten Ausgabe auf Papier an.
Die Folgen des Zeitungssterbens führen zu immer größeren Nachrichtenwüsten. Rund 50 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner leben in Landkreisen, in denen es nur eine einzige oder gar keine zuverlässige journalistische Quelle für lokale Nachrichten gibt. Etwa 200 von rund 3200 Gemeinden in den USA verfügen über gar kein Lokalmedium mehr. All das hat auch Konsequenzen für das Gemeinwesen. Studien dokumentieren die Kettenreaktion: Wo Lokalmedien verschwinden, sinkt die Wahlbeteiligung. Das gesellschaftliche Engagement schwindet. Die Gefahr von Korruption steigt. Immer weniger Menschen kandidieren für öffentliche Ämter.
Falschinformationen verbreiten sich deutlich schneller, wo lokale Medien fehlen
Und auch die Folgen für die Gesellschaft insgesamt sind nicht zu unterschätzen. Wo lokale Nachrichten fehlen, nimmt die Entfremdung zu, die Polarisierung wächst, Menschen stehen sich unversöhnlicher gegenüberstehen, Falschinformationen können sich stärker verbreiten. „Für Gemeinschaften ist es äußerst schädlich, keinen Lokaljournalismus zu haben“, sagt Steven Waldman, Gründer von Rebuild Local News, einer Organisation, die sich gegen den Niedergang lokaler Nachrichten einsetzt.
Aber Menschen hören nicht auf, Nachrichten zu lesen – oder das, was sie dafür halten. Laut der Local News Initiative verlassen sich Menschen in Regionen mit schlechter Lokalnachrichtenversorgung stark auf soziale Medien und andere nicht-journalistische Quellen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Was aber sinkt, ist das Vertrauen in Nachrichtensender. „Man mag sich als Teil einer eng verbundenen Gemeinschaft fühlen, die über alles Bescheid weiß, aber Orte mit einem Mangel an Journalismus vermissen eine externe Informationsquelle und ein System der Rechenschaftspflicht der Machthabenden“, sagt Zach Metzger, Direktor der Initiative.
Ein Negativbeispiel dafür, wie sich die Verbreitung von Falschinformationen und das Fehlen einer vertrauenswürdigen Nachrichtenquelle auswirken kann, zeigt ein von der New York Times recherchierter Vorfall im kalifornischen Oakdale im Jahr 2020, als plötzlich bewaffnete Männer auf den Bürgersteigen patrouillierten. Ein Bar-Inhaber in dem 20.000 Einwohner zählenden Ort hatte eine bewaffnete Miliz engagiert, nachdem in einer Facebook-Gruppe die Nachricht umhergegangen war, eine große Demonstration der Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ werde in die Stadt eindringen. Passiert ist das nicht. In dem Ort hatten, so der Bericht, Facebook-Gruppen die Rolle der Lokalzeitungen übernommen.
Trump hat bei der Präsidentschaftswahl 91 Prozent aller Nachrichtenwüsten gegen Harris gewonnen
Die Krise im Lokaljournalismus hat auch eine politische Couleur: Laut einer Analyse hat Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl in 91 Prozent der Nachrichtenwüsten gegen seine demokratische Herausforderin Kamala Harris gewonnen. Dass der US-Präsident seither kritische Medien aus dem Weißen Haus verbannt, er unliebsame Presseorgane mit millionenschweren Klagen überzieht, die freie Presse verunglimpft, indem er kritische Berichterstattung als illegal bezeichnet, tut sein Übriges.
Zurück nach Pittsburgh und dem Käufer der örtlichen Post-Gazette, der bereits andernorts bewiesen hat, wie Qualitätsjournalismus jenseits des klassischen Verlagsmodells funktionieren kann. Nun soll das Modell des Baltimore Banner auch auf die Zeitung in der alten Stahlmetropole übertragen werden. Ein Konzept, das laut Forschern der Northwestern University auf dem Land nicht unbedingt funktioniert. Neue digitale Plattformen entstehen vor allem in Städten.
Die Hoffnung auf die heilende Kraft des Marktes weicht der Einsicht, dass die Zukunft der freien Presse immer mehr von der Großzügigkeit jener abhängt, die bereit sind, für Journalismus zu zahlen, ohne eine Rendite zu erwarten. Diskutiert wird auch die öffentliche Förderung von Lokaljournalismus gerade im ländlichen Raum. Ob das reichen wird, den Trend der vergangenen zwei Jahrzehnte umzukehren, bleibt trotz der guten Nachrichten von der Pittsburgh Post-Gazette ungewisser denn je. (mit dpa)
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