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Zensus

08.06.2011

„1983 war Big Brother einfach bedrohlicher“

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Peter Hauck-Scholz klagte 1983 gegen die Volkszählung. Jetzt, 28 Jahre später, ist Zensus in Deutschland.
Bild: Symbolfoto Oliver Berg/dpa

Peter Hauck-Scholz klagte 1983 gegen die Volkszählung. Jetzt, 28 Jahre später, ist Zensus in Deutschland - und der Jurist ziemlich ernüchtert. Ein Hausbesuch.

Der Weg zu Peter Hauck-Scholz führt in ein phantasieloses Bürohaus in der Marburger Innenstadt. Linker Eingang das Solarium „Sonneninsel“, rechter Eingang Spielcasino „Löwenplay“, die mittlere Tür führt zur Kanzlei. Der Mann, der 1983 deutsche Rechtsgeschichte schrieb, legt nur wenig Wert auf Äußerlichkeiten.

Rechtsanwalt Hauck-Scholz ist 71 Jahre alt und hat offensichtlich viel zu tun. Vielleicht nicht ganz so viel wie damals, als er in Karlsruhe gegen die Studiengebühren klagte. Oder wie 1983, als er gegen die Volkszählung vor das Bundesverfassungsgericht zog. Aber die Akten stapeln sich noch immer in der kleinen Kanzlei. „Ich komme gleich“, sagt er im Vorbeigehen und hetzt ins Büro am anderen Ende des Flurs.

Auch andere sind viel unterwegs in diesen Tagen. Denn jetzt wird in Deutschland wieder gezählt. „Zensus 2011“ heißt das in der offiziellen Sprachregelung. Der Staat möchte wissen, wie viele Menschen das Land bevölkern. Wo und wie wir wohnen, ob und was wir arbeiten, auch, woran wir glauben. „Welcher Religionsgesellschaft gehören Sie an?“, heißt es auf dem Fragebogen etwa, unter den Angaben zu Name, Adresse und Geschlecht. Zuwanderer sollen Auskunft darüber geben, aus welchem Land ihre Eltern kommen. Und Wohnungseigentümer müssen sich Fragen stellen lassen wie „Geben Sie bitte bis zu zwei Personen an, die am 9. Mai 2011 in der Wohnung wohnen“. Müssen ist das treffende Wort. Denn wer nicht antwortet, bekommt Ärger mit seinem Staat – bis hin zur Verhängung eines Zwangsgelds.

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Zehn Prozent der Bürger sollen beim Zensus einen Hausbesuch erhalten

Um all diese Dinge herauszufinden, haben die Statistischen Landesämter vor kurzem ihre Zähler losgeschickt. Erhebungsbeauftragte heißen die offiziell. Ihr Auftrag lautet, etwa zehn Prozent der Bürger zu Hause zu besuchen und zu befragen. „Das werden etwa 7,9 Millionen Menschen sein, so genau wissen wir es noch gar nicht“, sagt Thomas Resche vom Statistischen Bundesamt.

Neben der Haushaltsbefragung läuft die Gebäude- und Wohnungszählung. Knapp 18 Millionen Menschen müssen hier Stellung nehmen. Das geht schriftlich oder auch online. Gut sechs Millionen haben die Fragebögen mittlerweile im Internet ausgefüllt. „Eine sehr gute Quote“, findet Sprecher Resche.

Alle anderen Deutschen, soweit sie bekannt sind, werden ebenfalls gezählt. Ohne dass sie es merken. Dazu bedienen sich die Statistiker in den Datentöpfen, die es schon gibt. Bei den Meldeämtern zum Beispiel. Oder bei der Bundesagentur für Arbeit. Oder bei anderen Behörden. Der „registergestützte Zensus“ läuft einfach nebenher.

So viele Zahlen, so viele Daten werden also erhoben 2011, dem Jahr der Volkszählung in Deutschland. Und niemanden scheint es zu stören. „Alles, was wir berichtet bekommen, zeigt, dass die Akzeptanz für den Zensus bei den Menschen groß ist“, versichert Amtssprecher Thomas Resche. „Ja, es läuft sehr gut.“

Aber warum läuft es so gut, 24 Jahre, nachdem die letzte Volkszählung einen Aufstand auslöste? Peter Hauck-Scholz hat die Besprechung mit seinen Anwaltsgehilfinnen beendet und den Aktenstapel zur Seite gelegt. Jetzt hat er doch Zeit für den Besucher und Zeit, sich zu erinnern. Hauck-Scholz – er trägt eine beigefarbene Hose und ein ausgewaschenes, rot-weiß gestreiftes Polohemd – lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Das Volkszählungsurteil. Lange her ist das, aber er war ja mittendrin, 1983. „Es war eine ganz andere Stimmung als heute“, sagt er.

Zu Tausenden marschierten die Menschen damals protestierend durch die Städte, aus Angst, durch die Volkszählung zum gläsernen Bürger zu werden. „Mitmachen, mogeln, boykottieren?“, fragte der Spiegel scheinheilig auf seiner Titelseite. In Augsburg rief eine anonyme Gruppe namens „Sodom und Gomorra Public Relations“ in Flugblättern zum Boykott der Zählung auf. „Volkes Zorn über die Volkszählung“, so schrieb unsere Zeitung damals, war allgegenwärtig. Rechtsanwalt Hauck-Scholz, Mitglied der Bürgerrechtsvereinigung Humanistische Union, war einer von sechs Verfahrensbevollmächtigten im Prozess mit dem sperrigen Aktenzeichen BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484/83. Er vertrat 21 Mandanten, die gegen die Volkszählung vor das Verfassungsgericht zogen. Das Ergebnis ging als „Volkszählungsurteil“ in die Geschichte ein.

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