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AKW-Pannen
17.07.2007

Gabriel will alte Kraftwerke früher abschalten

Der zurückgetretene Deutschlandchef des Vattenfall-Konzerns, Rauscher, verlässt das Unternehmen angeblich mit einem «goldenen Handschlag».
Foto: DPA

Mit verstärktem Druck auf dieAtomindustrie will Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) nach derPannenserie in zwei schleswig-holsteinischen Kraftwerken ein früheresAus für ältere Reaktoren erreichen.

Der SPD-Politiker will nachder Sommerpause mit allen Betreibern über sein Ziel reden,Restlaufzeiten von alten auf neue Meiler zu übertragen. Das kündigteGabriel am Dienstag in Garmisch-Partenkirchen an. Unterdessen bereitetdie Reaktoraufsicht in Kiel neue Auflagen für den Vattenfall-Konzernvor - Auslöser sind die bekannt gewordenen Missverständnissen imLeitstand des Kraftwerks Krümmel bei dem Zwischenfall Ende Juni.

DieEnergiekonzerne reagierten zurückhaltend auf Gabriels Ankündigung.EnBW-Sprecher Dirk Ommeln sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa: "Wirsind immer und zu jeder Zeit gesprächsoffen." Ein Gespräch, das sichnur auf ein Thema und nicht auf die Gesamtschau der Problematikbeziehe, sei aber "wenig zielführend".

Ein Sprecher vonVattenfall Europe sagte: "Wir nehmen die Einladung gerne an, weil auchwir Bedarf haben, über Laufzeiten zu sprechen." Er deutete aber an,dass sein Konzern im Gegensatz zu Gabriel über eine Übertragung vonRestlaufzeiten von jüngeren auf ältere Kraftwerke reden will. "Wirweisen darauf hin, dass das Atomgesetz beiderlei Richtungen vorsieht."Auch der RWE-Konzern zeigte sich gesprächsbereit. Ein Sprecher betonteaber, man sehe keinen Anlass, die bisherige Strategie zu überdenken.Die Sicherheit von Kernkraftwerken habe bei RWE unabhängig von derenAlter oberste Priorität.

Schleswig-Holsteins SozialministerinGitta Trauernicht (SPD) sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa zu dengeplanten neuen Auflagen für die Atomkraftwerke: "Die Organisation derVerantwortung auf der Warte bei komplexen Störfällen muss verändertwerden." So sei der Schichtleiter strukturell überlastet. Zudem müsseVattenfall klare Kommunikationsregeln festlegen. Dies plant der Konzernauch selbst. So sollen Mitarbeiter wichtige Anweisungen künftig lautwiederholen müssen, sagte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek. Bisher seidies nur eine Empfehlung.

Bei der Schnellabschaltung am 28. Junihatte der Reaktorfahrer nach dem Ausfall einer Wasserpumpe nach derAnweisung des Schichtleiters, den Druck zu senken, minutenlang Ventileoffen gelassen statt sie abwechselnd zu öffnen und zu schließen. DerDruck fiel so schneller als vom Schichtleiter geplant. "Das war für denweiteren Ablauf undramatisch, aber das ist natürlich nicht gewollt,dass die sich nicht richtig verstehen", sagte Banek. Trauernicht willGabriel vorschlagen, eine Tonband- und gegebenenfalls auch Video-Aufzeichnung von Gesprächen im Leitstand von Atomkraftwerkenvorzuschreiben. Sie trifft Gabriel an diesem Donnerstag.

Gabrielwarf den Betreibern vor, absichtlich Restlaufzeiten alter Meilerverlängern zu wollen, weil sie steuerlich abgeschrieben seien und sogünstiger Strom produzieren können. Der Präsident des DeutschenAtomforums, Walter Hohlefelder, wies die Forderung Gabriels zurück,ältere Meiler vorzeitig abzuschalten. Der "Frankfurter AllgemeinenZeitung" sagte er weiter, Vattenfalls Verhalten habe der Brancheerheblichen Schaden zugefügt.

Vattenfall stimmte am Dienstag derVeröffentlichung einer Mängelliste zum Atomkraftwerk Brunsbüttel zu."Mit dieser Transparenz und Offenheit wollen wir weiter um verlorengegangenes Vertrauen werben", sagte Reinhardt Hassa, Vorstandsmitgliedvon Vattenfall Europe. Eine Klage gegen die Bekanntmachung werdezurückgezogen. Form und Zeitpunkt der Veröffentlichung standen zunächstnicht fest. Der Deutschen Umwelthilfe liegen nach eigenen AngabenInhalte der Liste vor, die an diesem Mittwoch veröffentlicht werdensollen. Während Krümmel seit den Pannen vom Netz ist, liefertBrunsbüttel seit zwei Wochen wieder Strom.

In Krümmel geht diePrüfung von Dübeln weiter, nachdem in einem Gebäude mit zweiNotstrom-Dieselgeneratoren am Montag zwei weitere falsche Dübelentdeckt worden waren. Mit ihnen werden zwei Wartungsbühnen für einAggregat befestigt, das zwei Notstromgeneratoren bei längerem Betriebkühlen soll.

Gabriel begrüßte, dass Vattenfall nach demInformations-Desaster um die Pannen erste Konsequenzen gezogen habe.Das Unternehmen hatte sich am Montag vom Chef seiner Atom-Sparte, BrunoThomauske, getrennt. Für Gabriel sind aber noch technische Fragenunbeantwortet. Auch müsse erneut mit den anderen Kraftwerksbetreibernüber eine bessere Kommunikation nach Störfällen gesprochen werden.

DieCSU im Bundestag will trotz der Vorfälle längere Laufzeiten erreichen,sagte Landesgruppenchef Peter Ramsauer. Laut BundeswirtschaftsministerMichael Glos (CSU) gibt es keinen Grund, wegen der Störfälle dieKernkraft generell in Frage zu stellen und Laufzeiten rascher zubeenden als geplant. Hessens Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU)forderte eine Verlängerung für Biblis A.

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