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Türkei

28.11.2017

Absurde Debatte: Erdogan erklärt Jeans den Krieg

Einfach nur verschlissen oder eine brisante politische Botschaft?
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa (Symbolbild)

Am Bosporus ist eine absurde Debatte um das weltweit bekannteste Beinkleid entbrannt. Dient die Hose konspirativen Zwecken?

Der Feind lauert überall. Seit dem Putschversuch in der Türkei vor anderthalb Jahren jagt die Regierung mutmaßliche Aufrührer überall im Land und auch außerhalb der türkischen Grenzen – doch nach Ansicht einiger Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan sind die Staatsfeinde nach wie vor höchst aktiv. So berichtete die islamistische Zeitung Yeni Akit jetzt über angebliche Geheimbotschaften von Regierungsgegnern und feindlichen Agenten, die in Jeanshosen versteckt sein sollen: Die „Ripped Denim“-Mode mit ihren zerrissenen Beinkleidern ist demnach keine Modeerscheinung, sondern ein Werkzeug staatsfeindlicher Aktivitäten.

Wie im Westen gehören die auf alt getrimmten „Ripped Denim“-Jeans mit ihren Schlitzen, Rissen und klaffenden Löchern auch in den großen Städten der Türkei zum Straßenbild. Bisher hat sich niemand groß daran gestört, doch das ist laut Yeni Akit ein Fehler. Unter Berufung auf „Geheimdienstquellen“ meldete das Blatt, die Anordnung der Löcher in den zerrissenen Jeans diene westlichen Spionen und ihren türkischen Kollaborateuren als Mittel der Nachrichtenübertragung. Demnach handelt es sich bei den modischen Löchern in Wirklichkeit um subversive textile Morsezeichen. Mit ihnen würden brisante Informationen weitergegeben.

In der Türkei kann eine T-Shirt-Aufschrift Folgen haben

Die absurde Jeans-Panik ist nicht der einzige Auswuchs eines wachsenden Verfolgungswahns seit dem Putschversuch, für den die Regierung den islamischen Prediger Fethullah Gülen verantwortlich macht. Gülens Bewegung, deren Mitglieder vor dem Putsch in vielen staatlichen Institutionen zu finden waren, lauert der Regierung zufolge ständig auf neue Gelegenheiten zur Destabilisierung der Türkei und kooperiert dabei mit dem westlichen Ausland. Längst lässt die Angst vor Gülen die Verschwörungstheorien ins Kraut schießen – mit merkwürdigen, aber für die Betroffenen mitunter durchaus ernsten Folgen.

So nahm die Polizei im Sommer in mehreren Landesteilen nichts ahnende Bürger fest, weil diese ein T-Shirt trugen, mit dem ein Angeklagter in einem Gülenisten-Prozess aufgefallen war. Der beschuldigte Ex-Offizier trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hero“ (Held), was als Provokation aufgefasst wurde. Das T-Shirt verschwand zwar sofort aus dem Sortiment, doch viele Türken hatten es bereits gekauft – und sahen sich plötzlich dem Vorwurf staatsfeindlicher Umtriebe ausgesetzt. In einem Fall wurde ein Mann laut Medienberichten drei Stunden von der Antiterror-Polizei verhört, weil er ein Batman-Hemd mit der Aufschrift „Hero“ trug.

Nach dem Putschversuch trennten sich Türken von Nummernschildern

Angebliche Geheimbotschaften erblickten türkische Ermittler auch in US-Banknoten. Mutmaßliche Gülen-Anhänger benutzten amerikanische Ein-Dollar-Scheine laut Polizei als eine Art Mitgliedsausweis ihrer Bewegung. Ähnlich steht es mit bestimmten Buchstabenkombinationen auf Nummernschildern türkischer Autos. Nach dem Putschversuch trennten sich viele Türken von Nummernschildern, auf denen die Buchstabenfolge „FG“ zu lesen war: FG könnte schließlich als Anspielung auf Fethullah Gülen verstanden werden.

Aktuelle Neuigkeiten zur Türkei finden Sie in unserem News-Blog.

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