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Ärztehonorar

28.07.2008

Abzocke bei Privatpatienten: Weniger Leistung, mehr Geld

Schon vor der Diskussion forderten große Versicherungskonzerne: Die Private Krankenkasse soll abgeschafft werden.

Beim Ärztehonorar wird geschummelt, sagen Experten. Privatpatienten werden ohne Not zur Kernspinntomografie geschickt oder der Physiotherapeut rechnet zehn statt der geleisteten acht Termine ab. Der Verdacht: Auf diese Weise kompensieren Mediziner die niedrigeren Einnahmen bei der Behandlung von Kassenpatienten. Von Rudi Wais

Von Rudi Wais

Berlin - Bezahlen Privatpatienten in Deutschland für die Mangelwirtschaft in den gesetzlichen Krankenkassen? Bei jeder zehnten Rechnung, schätzt Christian Heinrich, der Sprecher des Versicherungsriesen Ergo, schummelt ein Arzt heute zulasten seines Unternehmens.

Mal werden Patienten ohne Not in Kernspintomografen geschickt oder an EKG-Geräte angeschlossen, mal setzen Mediziner bei Allerwelts-Wehwehchen den Höchstsatz für besonders schwere Fälle an, mal kassiert eine Physiotherapeutin für zehn Behandlungen, obwohl sie den verspannten Rücken ihres Patienten nur achtmal behandelt hat.

So oder so ähnlich, sagt Heinrich, holten sich Ärzte "von uns Privaten das Geld, das sie von den Kassenpatienten nicht mehr bekommen". Joachim Patt, der Geschäftsführer des Branchenverbandes PKV, behauptet im Spiegel gar: "Ich habe schon lange keine Rechnung mehr gesehen, die komplett in Ordnung war."

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Um sechs Prozent sind die Einnahmen der niedergelassenen Ärzte aus ihren privaten Abrechnungen im vergangenen Jahr gestiegen - und damit fast doppelt so stark wie die Honorare aus dem Topf der Gesetzlichen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery weist den Vorwurf, sein Berufsstand bereichere sich mit falschen oder überhöhten Privatrechnungen, entrüstet zurück. Doch selbst er räumt ein, dass bei Privatpatienten "das eine oder andere Mal auch zu viel getan wird."

Um angemessen entlohnt zu werden, seien Mediziner geradezu gezwungen, bei ihren Abrechnungen an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Die gestiegenen Ausgaben der Privaten seien nur die "natürliche Antwort auf die von der Regierung geförderte Zweiklassenmedizin".

Eine gängige Regel unter Ärzten lautet: Zehn bis 15 Prozent der Patienten müssen privat versichert sein, damit sich eine Praxis rechnet. Angesichts der kräftig gestiegenen Beiträge und der sinkenden Geburtenzahlen aber wird auch dieser Markt immer umkämpfter: Im vergangenen Jahr traten nur noch knapp 60 000 Mitglieder neu in eine private Krankenkasse ein. Im Jahr 2002 waren es noch 213 000.

Einig sind sich Mediziner und Kassen allerdings in einem: Die geltende Gebührenordnung, nach der ein Arzt praktisch jeden Handgriff einzeln abrechnet, ist nicht mehr zeitgemäß. Dieses System, sagt Heinrich, zu dessen Konzern die Krankenversicherer DKV und Victoria gehören, lade praktisch zum Missbrauch ein.

Daher kämpft die Branche jetzt um ein Abrechnungssystem nach dem Vorbild der Krankenhäuser, denen die Kassen für bestimmte Behandlungen wie Blinddarmoperationen oder Beinbrüche feste Pauschalen bezahlen. In dieser Legislaturperiode allerdings wird die neue Gebührenordnung kaum noch kommen. Dazu ist die Materie zu kompliziert und die Zeit wohl schon zu knapp.

Kassen wie die DKV behelfen sich deshalb mit speziellen Computerprogrammen, die Millionen von Rechnungen auf Widersprüchlichkeiten oder übertrieben hohe Gebührensätze durchforsten. Mit der Abrechnung zum teuren 3,5-fachen Satz, sagt Heinrich, lasse sein Konzern sich jedenfalls nicht mehr so leicht hinters Licht führen.

Umgekehrt allerdings verwenden auch viele Ärzte eine spezielle Abrechnungssoftware, die auf Knopfdruck alle Leistungen auflistet, die bei einem speziellen Krankheitsbild "möglicherweise erbracht und liquidiert werden können".

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