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Afghanistan
24.02.2017

Abschiebung: Für Amir ist es eine Reise in die Ungewissheit

Auch er wurde abgeschoben: Der 25-jährige Naim Muradi kam am Donnerstag in Kabul an. Er wurde im Rahmen der dritten Sammelabschiebung von München aus nach Afghanistan gebracht.
Foto: Mohammad Jawad, dpa

Amir und Said wurden von Deutschland nach Kabul abgeschoben. In Afghanistan fühlen sie sich unsicher. Am Donnerstag trafen weitere 18 Männer aus München ein.

Er hat sein Gesicht hinter seinen Händen verborgen. Resigniert wirkt er. Ängstlich. Verzweifelt. Farid blickt nach unten, hört nur der Stimme zu, die entfernt, blechern und abgehackt durch den Raum hallt. Eine Stimme, die ihm vertraut ist – und die so weit weg ist wie nie. Die Stimme seines Bruders Amir am anderen Ende der Telefonleitung.

Amir und Farid stammen aus Afghanistan. Vor sechs Jahren seien sie nach Deutschland gekommen, erzählt Farid, der wie sein Bruder seinen richtigen Namen nicht in den Medien lesen will. Zu groß ist die Angst vor Verfolgung. Denn der 27-Jährige und sein sechs Jahre jüngerer Bruder haben in Afghanistan für die US-Armee gearbeitet. „Ich war Sicherheitsmitarbeiter“, erzählt Farid. Für die Terrororganisation Taliban sind Menschen wie Farid und Amir Verräter, sie haben mit dem Feind zusammengearbeitet. Farid erzählt vom Krieg in Afghanistan, von Taliban-Kämpfern, die vor seinen Augen Menschen geköpft hätten. „Mein ganzes Leben habe ich überall Blut gesehen.“

Eine Perspektive hatten die Brüder in ihrer Heimat nicht. Von einem Leben in Sicherheit wagten sie kaum zu träumen. Dann fassten sie einen Entschluss. Vor sechs Jahren ließen sie alles zurück und flohen nach Deutschland. Sie haben Deutsch gelernt, gearbeitet, kurz: Sie haben sich integriert.

Abschiebung nach Afghanistan: Amir sieht keinen Grund

Bis jetzt. Vor wenigen Wochen endete Amirs sicheres Leben in Unterfranken. Die Polizei sei gekommen und habe ihn mitgenommen, erzählt er. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Am 23. Januar wurde er gemeinsam mit anderen abgelehnten Asylbewerbern zum Flughafen Frankfurt gefahren und in ein Flugzeug nach Kabul gesteckt. „Ich weiß nicht, was ich getan habe. Ich habe gearbeitet, habe keine Schlägerei gemacht, keine Probleme, nichts, gar nichts“, erzählt er am Telefon. Noch immer kann Amir nicht begreifen, dass er nach Afghanistan zurückmusste.

Abschiebung: Für Amir ist es eine Reise in die Ungewissheit
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Hunderte Augsburger demonstrieren gegen Abschiebung
Foto: Silvio Wyszengrad

Seit knapp einem Monat lebt er inzwischen wieder in seinem Geburtsland. Er hat dort keine Familie mehr, seine Eltern sind nach Pakistan geflohen. Auch seine Freunde haben das Land inzwischen verlassen. Ein früherer Arbeitskollege hat ihm Unterschlupf gewährt. Doch in zwei Tagen soll er ausziehen. Es sei zu gefährlich, den jungen Mann weiter zu verstecken. Wo er dann unterkommt? Er weiß es nicht.

„Afghanistan ist nicht sicher“, wiederholt er immer wieder. „Es sind Lügen, wenn die Politik sagt, dass Afghanistan sicher ist.“ Die Angst, dass die radikalislamischen Taliban ihn entdecken, ist immer da. Amir vertraut niemandem, auch nicht der Polizei. Aus Angst, entdeckt zu werden, verlasse er die Wohnung nicht, eine Arbeit könne er sich auch nicht suchen, erzählt er.

„Es ist eine brandgefährliche Situation für Amir in Afghanistan“, sagt Dominik Rüth von der Gemeinschaft Sant’Egidio. Der Sprachlehrer betreut Amir und seinen Bruder seit einiger Zeit und versucht aus der Ferne, dem Abgeschobenen in Afghanistan zu helfen. Etwa, indem er Spenden sammelt oder versucht, Wohnungen vor Ort zu beschaffen. „Wenn wir nichts machen, stürzen die Menschen ins Elend. Ich weiß nicht, wie sie dort überleben sollen“, sagt Rüth.

Situation in Afghanistan ist brandgefährlich

Er arbeitet mit der kleinen Hilfsorganisation Afghanistan Migrants Advice and Support Organization (Amaso) zusammen, die ihren Sitz in Kabul hat. Dort versuchen zwei freiwillige Mitarbeiter, die Zurückgekehrten zu unterstützen und ihnen beim Start in der neuen, alten Heimat zu helfen. Ihre Mittel und ihr Einfluss sind aber beschränkt.

Said, der seinen richtigen Namen ebenfalls nicht nennen möchte, ist einer ihrer Schützlinge. Auch der 23-Jährige, der sechs Jahre in Unterfranken gelebt hat, war an Bord des Flugzeugs, das im Januar von Frankfurt aus startete. Auch er wurde nach Afghanistan abgeschoben. Die ersten Wochen lebte er in Kabul in einer Art Flüchtlingsunterkunft der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Für rund 20 Tage bekommen die Eingereisten dort ein Dach über dem Kopf und werden mit dem Nötigsten versorgt. Dann müssen sie ausziehen. Seitdem versucht Said, sich in Kabul durchzuschlagen. Momentan wohnt er in einem Zimmer, das ihm die Hilfsorganisation Amaso vermittelt hat. Für einen Monat kann er dortbleiben. Und danach? Er weiß es nicht, sagt er nachdenklich am Telefon. „Vielleicht habe ich eine Arbeit und kann mir ein Zimmer in einem Hotel nehmen. Vielleicht muss ich auf der Straße leben.“

Ein Gruppe junger Männer verlässt in Begleitung eines Polizisten das Flughafengebäude in Kabul. Erneut sind abgelehnte Asylbewerber von Deutschland nach Afghanistan abgeschoben worden.
Foto: Mohammad Jawad, dpa

Abgeschobener muss womöglich in Kabul auf der Straße leben

Kabul zu verlassen sei keine Option. Er hat kein Geld, keine Verwandten, keine Freunde mehr in seiner Heimat. Er wüsste nicht, wohin er gehen sollte. Eine Perspektive in Afghanistan sieht er nicht.

In der Nacht auf Donnerstag fand in München die dritte bundesweite Sammelabschiebung des Bundesinnenministeriums nach Afghanistan statt. Mit einer gecharterten Maschine wurden 18 abgelehnte Asylbewerber nach Kabul geflogen, alles alleinstehende junge Männer. Ursprünglich war die Abschiebung von 50 Personen angekündigt. An Bord der Maschine befanden sich laut bayerischem Innenministerium auch Straftäter; Zahlen wurden nicht genannt.

In Deutschland leben 11.900 ausreisepflichtige Afghanen. Davon sind etwa 10.300 geduldet. Im Jahr 2016 sind rund 3300 afghanische Staatsangehörige freiwillig zurückgekehrt. Insgesamt kehrten 2016 55.000 Menschen freiwillig in ihre Herkunftsländer zurück. 25.000 Personen wurden abgeschoben, zumeist in die Westbalkanstaaten.

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