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Interview

25.01.2020

Als Kind allein in Auschwitz: Wie haben Sie das durchgestanden, Frau Melcer?

Ruth Melcer wurde 1935 als Ryta Cukierman in Polen geboren. Nachdem sie mit ihren Eltern zunächst in ein Arbeitslager verschleppt worden war, kam sie 1944 nach Auschwitz.
Bild: Leona Goldstein

Plus Ruth Melcer war ein Kind, als sie nach Auschwitz kam. Sie überlebte, weil eine Aufseherin Herz zeigte – und Josef Mengele am Tag ihrer Ankunft nicht an der Rampe stand.

Frau Melcer, Sie sagen, Sie könnten sich noch immer an den Geruch von Auschwitz erinnern. Wie riecht ein Konzentrationslager?

Ruth Melcer: Als wir im Sommer 1944 nach Auschwitz kamen, waren die Krematorien noch intakt. Es roch nach Tod, nach Rauch und Schmutz – und der Himmel war ganz rot. Warum, weiß ich nicht.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag in Auschwitz? Sie waren damals ein Kind, ein kleines Mädchen von neun Jahren.

Melcer: Das weiß ich noch, als wäre es heute. Schon an der Rampe wurden Männer und Frauen getrennt, so dass nur noch meine Mutter bei mir war, aber nicht mehr mein Vater. In einem Waschraum wurde uns dann alles abgenommen, was wir hatten. Anschließend brachte man uns in eine Baracke mit vielen Pritschen und einem großen Ofen mittendrin. Dort stand eine Aufseherin in einem schwarzen Morgenmantel mit roten Rosen darauf, sie schwang eine Reitpeitsche und sagte: Ihr überlebt das hier sowieso nicht. Das war unsere Begrüßung in Auschwitz.

Sie haben trotzdem überlebt. Hatten Sie einen Schutzengel oder einfach nur Glück?

Melcer: Irgendwann kam eine tschechische Aufseherin aus einem anderen Block und sagte: Das Kind kann hier nicht überleben. Diese junge Frau, sie hieß Olga, hat mich in ihren Block mitgenommen und immer dann in einer kleinen Kammer versteckt, wenn Mengele kam. Ich musste nicht zu den täglichen Appellen und bekam von ihr auch regelmäßig zu essen. Dieser Frau habe ich mein Leben zu verdanken.

Sind Sie Josef Mengele selbst jemals begegnet, dem gefürchteten Lagerarzt mit seinen menschenverachtenden Experimenten?

Melcer: Nein. Als wir mit einem Arbeitertransport in Auschwitz ankamen, stand Mengele nicht an der Rampe. Sonst säße ich heute nicht hier. Ich war ein sehr hübsches Kind mit hellen blonden Locken. Ich wäre ihm sicher aufgefallen.

Hat Olga Sie beschützt, bis die Rote Armee das Lager befreit hat?

Melcer: Etwa sechs Wochen vor Kriegsende ging das nicht mehr und ich kam in das so genannte Zigeunerlager. Da war ich ganz auf mich gestellt, weil meine Eltern wie viele andere Häftlinge schon auf den Todesmarsch geschickt worden waren. Es gab nichts zu essen und nichts zu tun, für mich war das die schlimmste Zeit. Heute weiß ich, dass die Älteren, die Kranken und die Kinder nur in diesen Block gebracht wurden, um sie später zu erschießen.

Sie haben Auschwitz zu dritt überlebt, Sie selbst, Ihre Mutter und Ihr Vater. Wie erklären Sie sich dieses dreifache Wunder?

Melcer: Ja, das ist ein Wunder, allerdings sind auch viele meiner Verwandten durch den Naziterror ums Leben gekommen: meine Großeltern, zwei Schwestern meiner Mutter, ein Bruder meines Vaters, ein Kind meiner Tante. Von meinem Vater weiß ich, dass er eine Typhusepidemie nur überlebt hat, weil er geimpft war. Er wurde von den Briten befreit. Meine Mutter, die sehr klein und schmächtig war, hat man gelegentlich noch für ein Kind gehalten und ihr etwas zu essen zugesteckt. Sie wurde von den Russen aus dem Lager Ravensbrück befreit. Aber eine wirkliche Erklärung, warum wir drei Glück hatten, gibt es nicht. Warum wir – und nicht jemand anderer? Der Todesmarsch aus Auschwitz nach Ravensbrück, hat meine Mutter später erzählt, sei das Schlimmste gewesen, was ihr je widerfahren sei. Eisige Kälte, kein Schlaf, nichts zu essen, nur ab und zu eine gefrorene Kartoffel: So hat man sie von einem Lager ins andere geschickt.

Als Kind alleine in Auschwitz: Wie haben Sie das durchgestanden?

Melcer: Wir waren nicht direkt in Auschwitz, sondern in Birkenau, dem eigentlichen Vernichtungslager. Am Ende gab es dort nichts mehr zu essen, aber auch keine Wachen mehr. Irgendwann sind wir dann mit dem Schlitten bei minus 20 Grad über den Schnee und die Minen nach Auschwitz gefahren und haben dort alles gefunden, was sich ein Mensch in unserer Not nur vorstellen konnte: Schuhe, Kleidung, Lebensmittel. Und weil wir nicht wussten, wo wir hin sollten, sind wir einfach zurück nach Birkenau. Zehn Tage später kam dann die Rote Armee, die uns Kinder mit einer Kutsche nach Krakau in ein Waisenhaus gebracht hat.

Wussten Sie da schon, dass auch Ihre Eltern noch am Leben waren?

Melcer: Nein, ich wusste überhaupt nichts. In Krakau habe ich dann aber jemanden getroffen, der meinen Onkel in meinem Heimatort Tomaszow Mazowiecki kannte. Er hat mich und ein paar andere Kinder dann abgeholt. Das war Anfang Februar 1945. Mein Vater und meine Mutter wurden erst im Mai befreit. Meine Mutter war dann schon relativ schnell wieder da, mein Vater aber kam erst im September zurück.

Wie sind Sie eigentlich nach Auschwitz gekommen?

Melcer: An die Zeit vor Auschwitz habe ich kaum Erinnerungen, das weiß ich alles nur aus Erzählungen. Ich war ja erst vier Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Einer meiner Großväter hatte eine kleine Weberei, der andere einen Wollhandel. 1939, als die Deutschen in Polen einmarschiert sind, haben sie als Erstes die Ärzte, Rechtsanwälte und Kaufleute erschossen. Meinen Vater haben sie ebenfalls gesucht, aber der hatte sich versteckt. Später wurden die Betriebe unserer Familie arisiert, sie bekamen einen deutschen Treuhänder – und der hatte, so erzählte es mein Vater, vom Textilgeschäft keine Ahnung. Er brauchte meinen Vater im Betrieb, so dass wir erst 1941 ins Ghetto mussten. 1942 aber begannen auch dort die großen Transporte, vor allem nach Treblinka. Mein Vater und mein Onkel mussten damals für den Treuhänder alles aufsammeln und sortieren, was von den abtransportierten Juden noch da war. Dieser Treuhänder hat ihnen auch das Leben gerettet, weil er sie in einer Lagerhalle versteckt hat, als sie abgeholt und nach Treblinka gebracht werden sollten. Meinen Bruder und mich hatten meine Eltern zuvor schon aus dem Ghetto geschmuggelt und bei einer Polin versteckt, die uns als Kinder ihrer Schwester ausgegeben hatte, uns dann aber aus Angst vor der Enttarnung wieder zu unseren Eltern brachte. 1943 wurden wir dann in das Arbeitslager Blyzin verlegt, in ein Loch mit jeder Menge Ratten, in dem die Frauen für die deutschen Soldaten Uniformen genäht und ausgebessert haben. Von dort aus ging es weiter nach Auschwitz.

In Blyzin wurden Sie von Ihrem kleinen Bruder Mitek getrennt. Was wissen Sie heute über sein Schicksal?

Melcer: Ich habe lange gedacht, er würde noch leben, und nach dem Krieg immer darauf gedrängt, dass wir ihn suchen. Meine Eltern aber wussten schon etwas – oder sie haben zumindest etwas geahnt. Wie ich erst viel später erfahren habe, wurde er in Blyzin mit anderen Kindern in einen Lastwagen gesteckt und im nächsten Wald erschossen. Vor ein paar Jahren habe ich beschlossen, eine Reise in meine Vergangenheit zu organisieren und bin mit meinen Kindern, meinen Enkeln und Cousins nach Polen gefahren. Eine Historikerin aus dem jüdischen Museum in Warschau, die uns begleitet hat, hat dazu auch den Fall meines Bruders recherchiert – die Deutschen waren ja auch im Krieg gründlich, sie haben alles auf Listen festgehalten.

Diese Reise hat Sie auch zurück nach Auschwitz geführt. Wie schwer war das für Sie?

Melcer: Ich war zuvor schon einmal da, zur 50-Jahr-Feier der Befreiung. Damals aber waren dort so viele Leute, dass ich jede Orientierung verloren habe. Beim zweiten Mal sind wir am Eingang abgeholt worden und auch nach Birkenau gefahren. Dort habe ich dann eine der Baracken mit ihren Waschräumen und Latrinen wiedergesehen, in denen wir untergebracht waren, und mir spontan gedacht: War ich da wirklich? Das kann ein Kind nicht überleben.

Trotz allem, was die Deutschen Ihrer Familie angetan haben, sind Sie in Deutschland sesshaft geworden. Haben Sie nie überlegt, dem Land der Täter den Rücken zu kehren?

Melcer: Doch, natürlich. Als wir nach dem Krieg zurück in Tomaszow Mazowiecki waren, sind wir nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen worden. Zu meinem Vater hat jemand sogar gesagt: „Was, man hat dich nicht vergast?“ Wir wussten, dass die Polen große Antisemiten waren, aber als 1946 bei einem Pogrom in Kjelce 40 Juden ermordet wurden, war das ein Schock für uns, der uns zwang, Polen zu verlassen. Über Stettin, Berlin und Bad Reichenhall sind wir dann bei meinem Onkel in Augsburg gelandet und ich bin 1952 nach Israel gegangen, um dort Abitur zu machen. Ich wollte nicht in Deutschland bleiben. Meine Eltern dachten ähnlich, aber sie hatten damals nicht die Mittel, um auszuwandern. So bin ich wieder zurück nach Deutschland gegangen, wo ich auch meinen Mann kennengelernt habe. Er hatte das Lager in Buchenwald überlebt und hat sich mit seinen Brüdern in Augsburg eine neue Existenz aufgebaut, einen Möbelhandel. Begonnen hat es damit, dass sie ausrangierte Herde, Kühlschränke und Möbel der Amerikaner vom Lkw herunter weiterverkauft haben. Mein Vater ist seiner Branche treu geblieben. Er hat nach dem Krieg in einer kleinen Fabrik in Germering Strümpfe, Halstücher und Schals produziert.

Sie haben Ihre Geschichte lange für sich behalten. Warum reden Sie seit einigen Jahren auch öffentlich darüber?

Melcer: Vergessen Sie nicht, ich war neun Jahre alt, als der Krieg zu Ende war. Ich dachte, ich weiß nichts, und ich wollte auch nichts erzählen. Ich hatte am Anfang vieles verdrängt und wollte als junge Frau mein Leben genießen. Inzwischen aber gibt es kaum noch jemanden, der diese schreckliche Zeit noch selbst erlebt hat, jetzt werde ich gebraucht – und das empfinde ich als Verantwortung und Verpflichtung. Aber glauben Sie mir: Es ist eine Qual und es bereitet mir schlaflose Nächte.

Dafür haben Sie ein Buch geschrieben, in dem Sie jüdische Rezepte vorstellen und quasi nebenbei Ihre Familiengeschichte erzählen. Ist das Ihre Art, Ihr Schicksal zu verarbeiten?

Melcer: Nein. Eigentlich wollte ich für meine Kinder nur ein paar Rezepte und ein paar Erinnerungen in einem kleinen Büchlein zusammentragen – wir haben ja sonst nichts an Urkunden, Bildern oder Erinnerungen. Irgendwann hat sich jedoch ein Verlag bei einer Freundin von mir gemeldet, der einen Autor für ein jiddisches Kochbuch suchte. Das war ein ziemlicher Aufwand. Ich musste alles nachwiegen, alles nachkochen und meine Bridge-Freunde mussten alles nachessen. Dabei bin ich gar keine gute Köchin ...

Am Montag jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal. Empfinden Sie dieses Datum als eine Art zweiten Geburtstag?

Melcer: Eigentlich nicht. Mein Onkel hat mir zwar schon als Kind gesagt, ich solle den 27. Januar immer wie einen Geburtstag feiern. Dazu aber ist dieses Datum für mich mit zu viel Trauer und Hilflosigkeit verbunden. Natürlich werden meine beiden Söhne, meine Tochter und die Enkelkinder kommen. Aber feiern werden wir diesen Tag nicht. Wir gehen einfach nur miteinander essen.

Zur Person: Ruth Melcer wurde 1935 als Ryta Cukierman in Polen geboren. Nachdem sie mit ihren Eltern zunächst in ein Arbeitslager verschleppt worden war, kam sie 1944 nach Auschwitz. Später landete die Familie auf Umwegen in Augsburg. Heute lebt die Mutter von drei Kindern, die ihren Namen von Ryta in Ruth ändern ließ, in München. Zunächst war sie wie ihre Mutter staatenlos. Später hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

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27.01.2020

All das Leid der Menschen in dieser Zeit. Und ein ehemaliger Funktionär der AfD spricht von einem "Vogelschiß der Geschichte". Das zeigt puren Zynismus und Menschenverachtung.

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