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Analyse
20.08.2021

Warum stellte sich die afghanische Armee den Taliban nicht entgegen?

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren nach ihrer Machtübernahme durch Kabul.
Foto: Rahmat Gul, dpa

Das Militär wurde mit westlichen Milliarden hochgerüstet. Auch sind die Taliban ihnen zahlenmäßig weit unterlegen. Wie kann es sein, dass sie Afghanistan beinahe ohne Gegenwehr abgaben?

Der staubige Provinzmarkt ist für die Soldaten zur tödlichen Falle geworden. Ihre mit Kamera und Mikrofon ausgerüsteten Stahlhelme, ihre Splitterschutzwesten können sie nicht mehr retten. Die modernen amerikanischen Schnellfeuerwaffen haben sie niedergelegt, die Hände erhoben. Wir ergeben uns, diese universelle Geste kennt jeder. Doch die bärtigen Männer in den schmutzigen Gewändern eröffnen ohne Gnade das Feuer auf die etwa zwei Dutzend Wehrlosen.

Ein Krieg, der vor allem in den Köpfen entschieden worden ist

Wer versucht zu verstehen, warum Afghanistan in einem Tempo an die islamistischen Taliban fiel, mit dem selbst der mächtige US-Geheimdienst nicht gerechnet hatte, landet irgendwann bei diesen wackligen Videobildern. Aufgenommen wurden sie im Juni in der nördlichen Provinz Faryab. Bei den hingemetzelten Männern handelt es sich um Angehörige der Afghan National Army (ANA), den Truppen der mit den USA verbündeten Regierung. Deren Chef, Präsident Ashraf Ghani, war vor rund einer Woche ins Ausland getürmt. Die ANA streckte die Waffen vor den Taliban, die zuletzt fast ohne Gegenwehr die Kontrolle im Land übernahmen und in die Hauptstadt Kabul einrückten.

Spricht man mit hochrangigen westlichen Militärs, setzt sich – Stück für Stück – die Geschichte eines Krieges zusammen, der weniger auf dem Feld, sondern vor allem in den Köpfen entschieden worden ist. Auf dem Papier schien die Sache klar. Auf der einen Seite die rund 300.000 Köpfe zählenden, von den USA und ihren Verbündeten mit Milliardenaufwand ausgerüsteten und ausgebildeten nationalen Sicherheitskräfte Afghanistans. Auf der anderen Seite die mit geschätzten 70.000 Kriegern zahlenmäßig weit unterlegenen Taliban, die mit primitiven Sprengfallen und oft uralten Kalaschnikows kämpfen. Auf dem Markt in Faryab standen sie nicht gewöhnlichen Soldaten der ANA gegenüber, sondern deren absoluter Elite. Einer von den Amerikanern nach dem Vorbild etwa der legendären Delta Force gedrillten Spezialeinheit, ausgerüstet mit modernster Waffentechnik. Wo immer die Taliban in den vergangenen Jahren eine Stadt einnahmen, eroberten diese Kommandos sie innerhalb weniger Tage zurück. Doch seit dem Gefecht im Juni war der Nimbus der Unbesiegbarkeit dahin. Den ANA-Soldaten war die Munition ausgegangen. Auf Unterstützung durch die Kampfjets oder Helikopter der aus dem Land abziehenden Amerikaner, auf die sie bisher zählen konnten, hofften sie vergeblich.

Für die Taliban ist die psychologische Kriegsführung ein Schlüsselerfolg

Für die Taliban ein Schlüsselerfolg, nicht strategisch, sondern vielmehr auf dem Feld der „Psy Ops“, der psychologische Kriegsführung. Ein hoher westlicher Offizier sagt, dass die Taliban, zumindest in diesem Punkt zu Unrecht oft als Steinzeitkrieger bezeichnet würden. Vielmehr bedienten sie sich virtuos der sozialen Medien, angeleitet und finanziert etwa aus Pakistan und dem Iran. So wurde einerseits der Sieg über die Spezialkräfte weidlich propagandistisch ausgeschlachtet. Andererseits aber dementierten die Taliban die folgende Hinrichtung der Wehrlosen energisch, trotz der eindeutigen Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte. Denn sie konterkarierte eindrücklich eine Botschaft, die die Islamisten seit Jahren in der Bevölkerung und vor allem der afghanischen Armee verbreiten wollen: Jeder, der sich ergibt, wird verschont.

 

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Der Propaganda dienen auf der anderen Seite aber auch gezielte Gräueltaten, etwa Massaker an Zivilisten. Mehrere Anschläge auf Mädchenschulen mit zahlreichen Todesopfern sollten offenbar klarmachen, dass Frauenrechte im angestrebten Kalifat keinen Platz haben. Das Fanal von Faryab, im Westen kaum registriert, verfehlte seine Wirkung bei den gewöhnlichen Soldaten der ANA nicht, berichten Eingeweihte. Tenor: Wenn selbst die Elite ohne die Unterstützung der US-Kampfflugzeuge und Helikopter des Todes ist, haben wir erst recht keine Chance.

Ein Soldat der afghanischen Armee bewacht auf dem Archivbild von 2017 einen Kontrollpunkt in der Hauptstadt Kabul. Heute haben die Taliban dort die Kontrolle übernommen.
Foto: Rahmat Gul, dpa (Archiv)

Ausgebildet haben die afghanischen Regierungstruppen auch Kräfte der Bundeswehr im Rahmen der Mission Resolute Support. Bereits 2019, bei einem Besuch unserer Redaktion im windigen Feldlager Masar-e-Sharif im Norden und im von meterdicken Betonmauern geschützten Hauptquartier der westlichen Kräfte in Kabul, hatte sich die einstige Hoffnung eingetrübt, dass die ANA einmal allein die Taliban in Schach halten könnte. Bunte Karten zeigten, dass die Taliban, aber auch lokale Kriegsfürsten, den größten Teil der Fläche kontrollierten. Die afghanische Regierung betonte allerdings, dass sie sämtliche größeren Städte hielt, in denen die Mehrzahl der Bevölkerung lebt. Doch die meisten der Rekruten der nationalen Armee stammen aus den von Armut geprägten ländlichen Regionen, in denen allenfalls der Schlafmohn blüht, der später als Heroin in den Venen Süchtiger landet. Ihre Familien waren damit faktisch Geiseln der Taliban, die Soldaten erpressbar. So schwebte über der Ausbildungsmission der Bundeswehr stets die Gefahr, dass die Schüler plötzlich ihre Ausbilder angreifen. Aus echter Überzeugung, da machte sich niemand Illusionen, schlossen sich die meisten Soldaten nicht den Regierungstruppen an. Eher wegen des sicheren Einkommens. Loyalität gibt es in der von archaischen Strukturen geprägten afghanischen Gesellschaft vor allem für den Familienverband. Selbst für viele Angehörige von Bevölkerungsgruppen, die mit den Taliban verfeindet sind, blieben die westlichen Truppen eher Eindringlinge als Verbündete. Die Regierung galt weithin als Marionette der USA.

Die afghanischen Regierungssoldaten waren nicht selten Analphabeten

Die Regierungssoldaten waren zudem nicht selten Analphabeten, taten sich schwer mit teils hochkomplexer moderner Waffentechnik und Logistik. Gänzlich nutzlos für die Verteidigung waren die sogenannten Schattensoldaten: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der angeblich gut 300.000 Sicherheitskräfte existierte nur auf dem Papier. Den ausbezahlten Sold leiteten korrupte Offiziere, oft schon durch Bestechung an ihre Posten gelangt, etwa nach Dubai um. Als die Amerikaner mit ihrem Abzug Ernst machten, verließen afghanische Generäle reihenweise ihr Land. Alleingelassen und demoralisiert, schwand bei den unteren Dienstgraden der Kampfesmut. Nicht einmal ihre Waffen machten sie unbrauchbar, bevor sie überliefen oder desertierten. So fiel den Taliban hoch entwickeltes Kriegsgerät in die Hände.

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Foto: NTV, dpa

„Soldaten brauchen Ausbildung und Ausrüstung, vor allen Dingen aber eine kompetente, charismatische Führung. Ist das nicht erfüllt, geht die beste Armee in die Grütze“, sagt ein westlicher Militär. Natürlich kursierten auch in Afghanistan die Einschätzungen westlicher Geheimdienste, in denen es nicht mehr darum ging, ob, sondern wie lange die Taliban aufgehalten werden können. Registriert wurde, dass Ex-US-Präsident Donald Trump einseitig mit den Taliban verhandelte und Nachfolger Joe Biden keinerlei Bedingungen mehr an einen Abzug knüpfte. Was die Gotteskrieger und ihre Propagandisten freute. Für einen Krieg, in dem selbst die Verbündeten am Ende den Feind triumphieren sahen, wollten die Armeesoldaten ihr Leben nicht geben. Nicht enden wie ihre Kameraden auf dem Markt von Faryab. So fiel die afghanische Armee wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

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