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Terror

03.06.2017

Anis Amri: Der ferngesteuerte Mörder und sein Handy

Anis Amri hinterließ auf seinem Handy umfangreiche Spuren, die von der Polizei jetzt ausgwertet wurden.
Bild: Bundeskriminalamt, dpa

Die Behörden hielten Anis Amri für einen Asylbewerber, der ins Drogenmilieu abgeglitten ist. Die Auswertung seines Handys zeigt, wie er auf den Berliner Anschlag vorbereitet wurde.

Anis Amri ist offenbar von Mitgliedern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gedrängt worden. Selbst als der Tunesier schon den polnischen Lkw-Fahrer getötet hatte, mit dessen Lastwagen er auf dem Breitscheidplatz zwölf Menschen tötete und 67 weitere teils schwer verletzte, soll er noch im Kontakt zu einem IS-Gewährsmann gestanden haben.

Mehrere Medien berichten unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass es gelungen sei, die Daten von Amris am Tatort gefundenem Handy zumindest teilweise zu rekonstruieren. Obwohl Amri alles unternommen hat, seine digitalen Spuren zu verwischen, ist demnach nun unter anderem bekannt, welche Internetseiten der Tunesier besucht und welche Textnachrichten er verschickt oder erhalten hat.

Zudem hat der Terrorist offenbar vergessen, die Ortungsfunktion seines Smartphones Marke HTC auszuschalten. So wissen die Ermittler heute, wo und wann er sich vor der Tat aufhielt. Den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz hatte er sieben Mal besucht, bevor er am 19. Dezember 2016 mit dem entführten Lastwagen durch die Budengasse raste und zwölf Menschenleben auslöschte. Fünf Tage vor dem Anschlag war er sogar zweimal dort, drehte ein Handyvideo – als wolle er den späteren Tatort vermessen.

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Am 21. September 2016 stoppte die Staatsanwaltschaft die Telefonüberwachung

Aus den Handy-Daten wird zudem deutlich, dass Anis Amri offenbar zu seiner Tat von einem oder mehreren bislang unbekannten Mitgliedern der Terrormiliz Islamischer Staat gedrängt wurde. Mit einem „Betreuer“ beim IS stand der 24-Jährige sogar noch zu Beginn der blutigen Tat in Kontakt. Gegen diesen im Ausland vermuteten Unbekannten ermittelt die Bundesanwaltschaft laut den Berichten wegen Beihilfe zum Mord. In Deutschland aber hatte Amri nach den bisherigen Erkenntnissen keine Mitwisser.

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Anschlag in Berlin: Lastwagen rast in Weihnachtsmarkt
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Um die Rolle der deutschen Behörden und deren mögliches Versagen geht es bei den neuen Enthüllungen nur am Rande. Am 21. September 2016 stoppte die Berliner Staatsanwaltschaft die monatelange Telefonüberwachung Amris. Dessen Einstufung als islamistischer Gefährder erschien der Behörde offenbar als fraglich, die Erkenntnisse der Abhöraktion legten nahe, dass der tunesische Asylbewerber komplett ins Drogenmilieu abgeglitten ist. Dass er seine früheren Anschlagsdrohungen wahr machen könnte, galt als unwahrscheinlich.

Die Handydaten sprechen nun für exakt das Gegenteil. Spätestens im Oktober 2016 war Amri wohl fest entschlossen, für den IS zu töten. Er diente sich der Terrormiliz als Kämpfer an und wollte nach Syrien oder in den Irak reisen. Doch die Terroristen überzeugten ihn offenbar, in Berlin zu bleiben. Bereits seit 2014 hat sich die Strategie des IS geändert. Die Dschihadistenmiliz versucht seitdem nicht mehr, möglichst viele Islamisten als Kämpfer nach Syrien und in den Irak zu locken. Sondern drängt diese zu Anschlägen in den Ländern, in denen sie leben.

Der Anschlag in Berlin war nicht als Selbstmordattentat geplant

Am 1. November legte Anis Amri eine Art Treueschwur auf den IS ab, das Video davon sollte die Terrororganisation nach der Tat veröffentlichen. Nur wenige Tage später schickte der IS Amri einen langen Text mit dem Titel: „Die frohe Botschaft zur Rechtleitung für diejenigen, die Märtyrer-Operationen durchführen“. Es dient der Gehirnwäsche von künftigen Attentätern, soll deren letzte Zweifel ausräumen und betont etwa, dass es auch in Ordnung sei, wenn Frauen, Kinder und Alte bei Anschlägen sterben.

 

Statt wie zuvor nach Pornoseiten suchte Amri nun fast nur noch islamistische Inhalte im Internet. Mit seinem unbekannten Anleiter beim IS stand Amri in fast ständigem engem Kontakt. Auch dann noch, als er den polnischen Fahrer Lukasz Urban schon in den Kopf geschossen hatte, um den schweren Scania-Lastwagen zu entführen. „Ich bin jetzt in der Karre, verstehst du. Bete für mich Bruder“, schrieb Amri aus der Fahrerkabine. Der Kontakt antwortete: „Gott sei Dank“. Dann fuhr Amri los zum Weihnachtsmarkt.

Und noch eine weitere beunruhigende Erkenntnis legen die Nachrichten auf Amris Handy nahe: Der Anschlag in Berlin war nicht als Selbstmordattentat geplant – sondern als Aktion, bei der der Attentäter überleben darf. Um weiter zu morden. Die italienischen Polizisten, die Amri auf der Flucht erschossen, haben also möglicherweise weitere Bluttaten verhindert.

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