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Anschlag in Christchurch
18.03.2019

Warum streamen Terroristen ihre Tat im Internet?

Der Attentäter von Christchurch übertrug seine Tat live via Facebook, der Beitrag wurde in den Sozialen Netzwerken millionenfach geteilt.
Foto: Mark Baker, AP/dpa

Der Attentäter von Christchurch übertrug seine Tat live via Facebook, der Beitrag wurde millionenfach geteilt. Experten erklären, welche Motivation dahinter steckt.

Herr Professor Elson, Frau Dr. Frischlich, warum streamt ein Gewalttäter seine Taten im Internet?

Jun.-Prof. Malte Elson: Bei dem Anschlag in Christchurch handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Gewalttat, sondern um politisch motivierten Terrorismus. Der Täter handelte nicht, um sich zu bereichern. Sondern aus einer tiefen Überzeugung heraus. Das Ziel des Streamings ist also auch die Verbreitung dieser Überzeugung. Sie ist Kern der Tat.

Dr. Lena Frischlich: Der Täter war ein Terrorist, die mediale Aufmerksamkeitslogik ist eingeplant. Dadurch dass die Massenmedien das Video aufgreifen und thematisieren erreicht der Täter erst sein eigentliches Ziel – die Verbreitung von Furcht und Schrecken in den muslimischen Gemeinden, den Ruhm bei seinen Gleichgesinnten.

Dem Täter war es offensichtlich wichtig, ein großes Publikum zu haben. Mal ganz direkt gefragt: Hätte es den Anschlag von Christchurch in einer Zeit vor Social Media gegeben?

Elson: Diese Frage kann man nicht beantworten und jegliche Spekulation über den hypothetischen Verlauf der Biografie dieses Täters wäre unseriös. Wir wissen, dass es politisch motivierte Gewalttaten schon weit vor sozialen Medien, selbst vor den Zeiten des Fernsehens, gab. Wahr ist sicherlich, dass es heute für Einzeltäter sehr viel einfacher ist, solchem Material eine potenziell große Bühne zu geben.

Malte Elson ist an der Ruhruniversität Inhaber der Juniorprofessur für Psychologie der Mensch-Technik-Interaktion. Elson ist Sprecher der Fachgruppe Medienpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.
Foto: Rub, Marquard

Frischlich: Würde das Internet morgen eingestellt, hätten wir immer noch Rassismus und Terrorismus. Wissenschaftler sind sich einig, dass "das Internet" Menschen nicht radikalisiert. Die Radikalisierung ist quasi ein Tango aus Angebot und Nachfrage, beim dem das Internet die Begleitmusik stellt.

Könnten Soziale Medien einen neuen Typ Attentäter hervorbringen?

Frischlich: Unwahrscheinlich. Wenn wir uns nur auf die Rolle von Online-Medien konzentrieren, verbauen wir uns die Chance, uns mit den Wurzeln von Radikalisierung auseinanderzusetzen. Das sind zum Beispiel die Suche nach Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit, Erfahrung von Ausgrenzung oder die Akzeptanz von Gewalt.

Dr. Lena Frischlich forscht an der Universität Münster unter anderem zu extremistischer Propaganda und Medienwirkung.
Foto: Susanne Lüdeling

Elson: Denkbar ist, dass Personen mit einem hohen Aggressionspotenzial, die möglicherweise bereits eine Gewalttat planen, solche Videos zum Ausleben sogenannter prädeliktischer Fantasien nutzen - sie befassen sich also gedanklich bereits intensiv mit solchen Taten. Aggressive Impulse unterschiedlicher Art spiegeln sich mitunter zuerst in der Mediennutzung wieder, bevor es zu realen Verbrechen kommt, ohne dass die Medieninhalte solche Taten selbst auslösen. Eine höhere Gefahr geht in meinen Augen von der Aufmerksamkeit aus, die ein Täter durch das massive Teilen des Videos erhält.

Facebook hat nach eigenen Angaben in den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag rund 1,5 Millionen Versionen des Videos gelöscht, die in dem sozialen Netzwerk kursierten? Warum teilen Menschen so ein Video?

Elson: Die Gründe sind vielfältig. In vielen Fällen steckt dahinter keine böse Absicht oder gar ein Anschließen an die politischen Ansichten des Täters, sondern schlicht der vielleicht etwas impulsive Wunsch, andere über ein Ereignis von hoher Wichtigkeit zu informieren. In diesem Fall ein sehr schreckliches. Dass man dadurch die Bühne des Täters vergrößert, ist vielen im Moment des Teilens wahrscheinlich gar nicht klar. Das Phänomen solcher Videos ist relativ neu und nur die wenigsten Nutzer dürften so etwas wie ein überlegtes Repertoire im Umgang damit habe.

Haben Sie eine Lösung?

Elson: Die Entwicklung einer entsprechenden Medienkompetenz ist sicherlich eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Aber für mich gehört auch dazu, dass Betreiber von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter in die Pflicht genommen werden.

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