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Arabischer Frühling

17.12.2020

Arab Rebellion: Wie eine Aktivistin den Aufstand in Tunis erlebte

War vor zehn Jahren mit auf der Straße: Emna Mizouni.
Bild: privat

Die tunesische Aktivistin Emna Mizouni erzählt, wie sie vor zehn Jahren den Aufstand in ihrem Heimatland erlebte. Und spricht darüber, wofür sie heute noch kämpft.

Emna Mizouni war Anfang 20 und Studentin der Kommunikationswissenschaften in der tunesischen Hauptstadt Tunis, als in ihrem Land am 17. Dezember 2010 die Proteste gegen den damaligen Diktator Zine el-Abidine Ben Ali ausbrachen. Heute engagiert sie sich mit ihrer Organisation „Digital Citizenship Organization“ für Bürger- und Frauenrechte sowie Internet-Freiheit und arbeitet als Mitgründerin der Gruppe „Carthagina“ für die Bewahrung des kulturellen Erbes in ihrem Land. Für unsere Redaktion erinnert sich die inzwischen 33-Jährige an die Tage des Umsturzes vor zehn Jahren:

„Ende 2010 stand ich kurz vor dem Examen, als Ben Ali nach dem Ausbruch der ersten Unruhen sagte, er werde den Aufstand mit allen Mitteln niederschlagen. Wegen der Zensur benutzten wir Virtuelle Private Netzwerke, um die Facebook-Seiten der Opposition anzuschauen und zu erfahren, was im Land los war. Alle erinnerten sich an die schweren Unruhen in der Stadt Gafsa von 2008, die vom Regime mit viel Blutvergießen unterdrückt worden waren. Damals hatte eine Dozentin an meiner Universität gesagt, Tunesien sei auf kurze Sicht stabil. Aber sie sagte auch, dass etwas geschehen werde in Tunesien.

Arabischer Frühling: Emna Mizouni war von Anfang bei den Protesten in Tunesien dabei

Als die Proteste Ende Dezember 2010 und Anfang Januar 2011 die Hauptstadt erreichten, schloss ich mich den Protestzügen an. Wir marschierten von der Universität ins Zentrum von Tunis. Wir jungen Leute fingen an, über Politik zu reden, obwohl wir wussten, dass Zivilpolizisten in den Cafés saßen und jedes Wort mithörten. Das Regime ging gegen die Proteste vor, aber die Leute versammelten sich immer wieder aufs Neue, da wussten wir, dass Tunesien vor einer Umwälzung stand.

Ben Ali hatte nicht nur die unteren Schichten, sondern auch die Mittelschicht gegen sich aufgebracht. Als er am 13. Januar verkündete, dass er nicht mehr als Präsident antreten werde, habe ich mich zuerst gefürchtet: Es gab Gerüchte, dass regierungstreue Demonstranten von den Behörden Geld bekamen, um auf die Straße zu gehen und Ben Ali zu unterstützen. Doch einen Tag später, am 14. Januar, floh Ben Ali nach Saudi-Arabien.

Nach der Flucht von Ben Ali wurde die Zensur in Tunesien sofort aufgehoben

„Ist er wirklich weg?“, fragten wir uns. Die Leute feierten auf der Straße, die Zensur wurde von jetzt auf gleich wie auf Knopfdruck aufgehoben, plötzlich konnten wir im Internet alle möglichen Seiten erreichen. Das war ein großer Moment. Es gab damals Leute, die nach dem 14. Januar zwei Wochen lang kein Auge zugemacht haben.

Heute müssen wir hart dafür arbeiten, dass wir Errungenschaften wie die Freiheit der Medien nicht wieder verlieren. Der Kampf ist ermüdend: gegen Korruption, gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen den Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Unser Leben besteht aus Kampf – jeden Tag. Aber wir sind das Land Hannibals, wir können nicht aufgeben.

Seit dem arabischen Frühling ist gemäßigte Islam ist prägend für Tunesien

Tunesien ist anders als andere Länder der Region. Wir haben eine andere Geschichte und andere kulturelle Traditionen. Bei uns ist der gemäßigte Islam sehr präsent. Auch gibt es bei uns keine Einmischung des Militärs in die Politik. Als Ben Ali aus dem Land floh, gingen die Leute am nächsten Tag wie gewohnt zur Arbeit; es gab keinen Stillstand in der Verwaltung, keine Stromausfälle und keine Unterbrechung der Wasserversorgung. Auch als im vergangenen Jahr unser Präsident [Béji Caid Essebsi] starb, waren die Leute zwar traurig, aber das Land kam deswegen nicht zum Stillstand.

Zehn Jahre sind keine lange Zeit in der Geschichte eines Landes. Manchmal vergehen 50 oder sogar 100 Jahre, bis die Ziele einer Revolution verwirklicht sind. Die Hoffnung ist immer noch da, vor allem, weil es inzwischen eine ganze Generation gibt, die in Freiheit aufgewachsen ist. Das spüre ich sehr deutlich, wenn ich für meine Organisation mit jungen Leuten arbeite: Die werden eine Rückkehr zu den alten Zeiten nicht zulassen.

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