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Interview

15.12.2019

Attacke in Augsburg: Ist unser Land wirklich gefährlicher geworden?

Mitten in Augsburg sind am Königsplatz Videoüberwachungskameras angebracht. In der Nähe wurde ein 49-Jähriger Opfer eines tödlichen Gewaltverbrechens.
Bild: Stefan Puchner, dpa

Plus Nach der tödlichen Tat in Augsburg fühlen sich viele Menschen unsicher. Ein Kriminologe erklärt, warum wir so emotional reagieren und was die Fakten sagen.

Nach der Tat in Augsburg fragen sich viele Menschen, ob man nachts noch auf die Straße gehen kann. Der Kriminologe Johannes Luff spricht über diese gefühlte Unsicherheit und erklärt, warum Jugendliche zu Gewalttätern werden – und welche Rolle dabei die Herkunft spielt.

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Warum berührt die tödliche Attacke vom Augsburger Königsplatz so viele Menschen in ganz Deutschland?

Johannes Luff: Das liegt vor allem daran, dass da jemand völlig unvermittelt auf der Straße derart brutal angegriffen wurde, dass er daran gestorben ist. Der 49-Jährige wurde völlig zufällig zum Opfer von Gewalt. In vielen Menschen löst das den Gedanken aus: Es hätte genauso gut mir passieren können. Je näher man am Tatort wohnt oder wenn man das Opfer sogar persönlich kannte, wühlt einen so eine Sache natürlich umso mehr auf. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass Augsburg rein rational betrachtet eben nicht gefährlicher geworden ist.

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Nun hört man oft den Satz: "Ich traue mich gar nicht mehr auf die Straße." Können Sie das nachvollziehen?

Luff: Einige wenige Straftaten, die besonders großes Aufsehen erregen, verändern das Sicherheitsempfinden der Menschen heute viel stärker als früher. Denn es wird ja nicht mehr nur in der Zeitung darüber geschrieben, sondern auch in sozialen Netzwerken. Dort kommen zu den reinen Fakten häufig Falschbehauptungen, Gerüchte, Emotionen und Wut. Das ergibt eine Stimmung, die dann in den Köpfen herumgeistert und die Angst macht. Am Ende bleibt dann der Eindruck, dass jedem in Augsburg jeden Tag und an jeder Ecke so etwas passieren kann. Dabei handelt es sich um eine einzelne Straftat und eben nicht um die Normalität.

Welche Rolle spielt es, dass das Opfer Feuerwehrmann war?

Luff: Eigentlich sollte der Beruf keine Rolle spielen. Aber die Emotionen wurden dadurch verstärkt, dass manche Menschen durch die Berichterstattung in den Medien, und erst recht durch die Kommentare in sozialen Netzwerken dachten, da sei gezielt ein Feuerwehrmann im Einsatz angegriffen worden. Das war aber ja eben nicht so.

Blumen und Kerzen erinnern an das Opfer.
Bild: Silvio Wyszengrad

Wenn wir die Emotionen für einen Moment ausblenden und auf die Statistik schauen: Ist Deutschland nun unsicherer geworden oder nicht?

Luff: Nein. Aber insgesamt ist das Gefühl der Unsicherheit in den vergangenen Jahren leicht angestiegen. 2012 haben sich rund 17,3 Prozent der Deutschen im öffentlichen Raum sehr unsicher oder eher unsicher gefühlt. Im Jahr 2017 waren es 21,5 Prozent. Das heißt aber eben auch, dass sich immer noch fast 80 Prozent der Bürger auf der Straße sicher fühlen.

Gibt es in Augsburg Ecken, die Sie lieber meiden?

Luff: Nein, Augsburg ist eine sichere Stadt. Natürlich gibt es ein paar Zonen, wo sich nachts Betrunkene oder jugendliche Gruppen herumtreiben. Aber selbst dort muss man nicht mit solch massiven Gewalttaten rechnen. Ich habe jedenfalls keine Angst, nachts durch die Stadt zu laufen.

Der Hauptverdächtige vom Königsplatz ist 17 Jahre alt. Sinkt die Hemmschwelle bei Jugendlichen, Gewalt anzuwenden?

Luff: Mit Fakten ist das nicht zu belegen. Gewaltstraftaten von Jugendlichen sind in den letzten zehn Jahren sogar zurückgegangen. Was am Königsplatz passiert ist, war ja keine zielgerichtete Gewaltstraftat, sondern eine nicht erwartbare kurze Eskalation, ein Überkochen, wie es für Taten von Jugendlichen typisch ist.

Woher kommt die Aggression?

Luff: Ein Teil des Problems ist die Kommunikation in der Smartphone-Generation, die immer seltener direkt stattfindet. In sozialen Netzwerken fallen Hemmungen im Umgang miteinander. Gleichzeitig nehmen viele als bare Münze, was da so verbreitet wird. Und manche lassen sich dadurch sogar zu Gewalt anstacheln. Man sucht und findet im Internet eine Bestätigung der eigenen Ansichten und fühlt sich im Recht. Das kann dazu beitragen, Aggressionen dann in die reale Welt hineinzutragen.

Warum trifft diese Aggression dann jemanden, mit dem die Täter gar nichts zu tun haben?

Luff: Jede Tat hat in der Regel einen Auslöser. Das können schon Nichtigkeiten sein, ein falsches Wort oder ein vermeintlich falscher Blick, eine versehentliche Rempelei. Auch Alkohol ist ein sehr häufiger Auslöser für Gewalt. Unsere Studien belegen ganz klar: Körperliche Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum, nachts, durch Jugendliche ereignen sich ganz überwiegend dann, wenn Alkohol im Spiel ist.

Aber nicht jeder Betrunkene wird gewalttätig.

Luff: Natürlich nicht. Es gibt auch tiefer liegende Ursachen für Gewaltbereitschaft. Ein Beispiel: Wir leben in einer Welt, in der es sehr oft darum geht, sich als Individuum durchzusetzen. Eine Ellenbogenwelt. Eine komplizierte Welt, die manche Menschen überfordert. Erst recht, wenn sie schlechte persönliche Perspektiven haben. Dann kommt Frustration auf. Und Frust ist der Nährboden für Aggression.

Der Hauptverdächtige im Augsburger Fall ist hier geboren, hat einen deutschen, einen türkischen und einen libanesischen Pass. Jugendliche mit Migrationshintergrund werden verhältnismäßig oft straffällig. Warum?

Luff: Das hat jedenfalls nichts mit dem Pass oder der Hautfarbe zu tun, sondern vor allem mit den Lebensumständen. Menschen, die keine oder eine schlechte Schulausbildung haben, die kaum eine wirtschaftliche Perspektive sehen, neigen besonders zu Gewalt. Da wären wir wieder beim Thema Frust und Aggression. Wer dann auch noch als Kind im eigenen Umfeld und in der Familie erlebt, dass Gewalt ein normales Mittel ist, um Konflikte auszutragen, neigt dazu, später auch selbst zuzuschlagen. Ein weiteres Problem: Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen und sich zu Hause nicht zurückziehen können, gehen Jugendliche eben auf die Straße, schließen sich Gruppen an, in denen sie dann versuchen, sich besonders zu profilieren.

Einige der Verdächtigen aus Augsburg waren wegen kleinerer Delikte bereits polizeibekannt. Wie oft eskalieren solche kriminellen Karrieren?

Luff: Zum Glück ist das die Ausnahme. Viele männliche Jugendliche begehen irgendwann im Leben eine Straftat, die oft unbemerkt bleibt. Ladendiebstahl, Sachbeschädigung oder so etwas. Das ist jugendtypisch, das war schon immer so. Bei den meisten hört das schlagartig auf, wenn sie eine Partnerin finden, einen Job haben, vielleicht sogar Vater werden. Nur bei einem kleinen Teil, etwa zehn Prozent, wird daraus eine kriminelle Karriere.

Welche Rolle spielt das Thema Integration bei der Frage, ob jemand auf die schiefe Bahn gerät?

Luff: Das ist durchaus ein entscheidender Faktor. Integration ist dann gelungen, wenn Kinder die deutsche Sprache beherrschen, in der Schule gut mitkommen, einen Beruf erlernen und selbst für sich sorgen können. Dann sind sie Teil dieser Gesellschaft, dann verringert sich die Gefahr, dass Frust entsteht, aus dem Gewalt wird. Integration bedeutet aber eben auch, dass Menschen, die aus anderen Ländern hierher kommen, nicht nur unter sich bleiben. Es reicht nicht, dass eine Stadt oder ein Land und seine Bürger bereit sind, Menschen aufzunehmen. Sondern diese Menschen müssen auch ihren Teil beitragen.

Finden Sie es problematisch, dass es in vielen Städten – auch in Augsburg – Straßen oder Viertel gibt, in denen bestimmte Nationalitäten dominieren?

Luff: Wenn ich in ein fremdes Land komme und weiß, da gibt es bestimmte Viertel, in denen viele Deutsche wohnen, dann würde ich auch erst mal dahin gehen. Das ist völlig normal und auch kein Problem. Schwierig wird es erst dann, wenn ich mich – sei es aus Bequemlichkeit oder weil ich einfach keine Lust habe, mich zu integrieren – dauerhaft nur in diesen Kreisen bewege und keine Kontakte zur einheimischen Bevölkerung knüpfe.

Als in Chemnitz 2018 ein Mann von einem Syrer erstochen wurde, ging der rechte Mob auf die Straße. Viele Augsburger trauerten nun unter dem Motto "Augsburg lässt sich nicht verhetzen". Wie ist es gelungen, eine Eskalation zu vermeiden?

Luff: Das hat zum einen mit der offenen und unaufgeregten Information und Kommunikation durch Polizei und die meisten Medien zu tun. Und es kommt etwas Entscheidendes hinzu: In Augsburg haben 45 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund. Das Zusammenleben mit Menschen verschiedenster Herkunft ist für die Augsburger also ein ganz selbstverständlicher, ein gelebter Alltag. Anders als in Ostdeutschland, wo es ja kaum Kontakt mit Ausländern gibt, sind die Menschen in Augsburg also weit weniger empfänglich für irgendwelche Horrorgeschichten oder Märchen über den vermeintlichen Untergang des Abendlandes.

Zur Person: Der gebürtige Augsburger Johannes Luff ist Leiter der Kriminologischen Forschungsgruppe der Bayerischen Polizei.

Hier finden Sie alle Artikel zu dem tödlichen Angriff am Königsplatz

In einer aktuellen Folge unseres Podcasts erklärt Reporter Stefan Krog die Hintergründe der Tat am Königsplatz – und erzählt, wie Journalisten mit dem Fall umgehen. Den Podcast "Augsburg, meine Stadt" finden Sie auf Spotify, iTunes und überall sonst, wo es Podcasts gibt.

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