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15.11.2017

Auf dem Balkon der Nation

Zwiegespräch hinter Säulen: die CSU-Politiker Dobrindt und Scheuer.
Bild: Maurizio Gambarini, dpa

Deutschland blickt auf den Balkon, auf dem sich seit Wochen die Jamaika-Unterhändler in ihren Pausen treffen. Doch langsam ersetzen Bilder Nachrichten.

Balkon: Das klingt nach lauen Sommernächten, nach Blumenkästen und Füße hochlegen. Balkone sind Rückzugsorte. Auf Balkonen enden die besten Partys. Von Balkonen winken Monarchen ihren Untertanen zu – und Fußballer ihren Fans. Auf einem Balkon werden neue Päpste ausgerufen. Und nun ist da dieser Balkon der Nation. Die Bühne für eine Koalition, die es noch gar nicht gibt.

Wann immer die Möchtegern-Jamaikaner eine Pause machen, wenn sich die Glastüren öffnen und einen Blick auf den beeindruckenden Kronleuchter im noblen Reichstagspräsidentenpalais freigeben, dann klicken die Kameras der Fotografen, die sich unten die Füße platt stehen. Auch in den kommenden Tagen (und Nächten?) wird das Gedränge hinter den steinernen Säulen wieder groß sein. Das Motto: Nur wer hier gesehen wird, war auch dabei. Selbst Leute, die das Rauchen längst aufgegeben haben, bekommen plötzlich Lust auf eine Zigarette. Jede Geste kann jetzt ein Signal sein. Wer hat die Ärmel schon hochgekrempelt? Wer lacht mit wem? Und wer lacht nicht? Wer hat etwas zu tuscheln und wer steht abseits? Die Szenerie hat etwas von einem Familientreffen, wo Menschen tagelang zusammen festgehalten werden, die seit Jahren nur das Nötigste miteinander geredet haben.

Jamaika-Unterhändler auf dem Balkon: Langsam beginnen wir uns zu langweilen

Wir schauen in Gesichter, wir interpretieren, wir überinterpretieren, wir rätseln – und langsam beginnen wir uns zu langweilen. Dass ein ganzes Land auf diesen Balkon starrt, hat ja damit zu tun, dass die Herrschaften dort oben auch acht Wochen nach der Wahl nichts zu verkünden haben. Bilder ersetzen Nachrichten. Stimmungen ersetzen Stimmen.

Noch gibt es keinen Grund, die Geduld mit den Balkoniern zu verlieren. Aber wer sich im Winter noch immer da draußen herumtreibt, könnte im Falle von Neuwahlen eiskalt erwischt werden.

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