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Gesellschaft

18.08.2018

Auswandern oder bleiben?

Er will nicht kapitulieren: Gastronom Yorai Feinberg.
Bild: Jörg Carstensen, dpa

Wie der jüdische Gastronom Feinberg in Berlin mit Antisemitismus umgeht

Der Hass, der aus Herrn Fischer spricht, füllt inzwischen 40 Seiten. „JUDENSAU“ ist dabei noch eine der harmloseren Entgleisungen. Mal illustriert Herr Fischer seine Morddrohungen mit Exekutionsvideos, mal stellt er gleich die komplette Geschichtsschreibung auf den Kopf: „Alle Kriege gehen auf eure Kappe“, wirft er Yorai Feinberg dann vor, einem jüdischen Gastronomen aus Berlin. „Millionen Deutsche ermordet, aber Ihr erfindet die Gaskammern.“ Und überhaupt: „Kein anderes Volk ist ein so widerliches wie Ihr. Schon eure hässliche Visagen!“ In Herrn Fischers Welt ist für Juden kein Platz, schon gar nicht in Deutschland: „Euch muss man echt erschlagen.“

Yorai Feinberg hat alles, was der unbekannte Herr Fischer ihm in den vergangenen Wochen geschrieben hat, kopiert und gespeichert. Beleidigt und bedroht habe man ihn schon häufiger, sagt er. „Aber nicht in diesem Ausmaß.“ Wer Herr Fischer ist, weiß er nicht – es könnte sein, dass der Anonymus sich nach Ludwig Fischer benannt hat, einem SA-Mann, der während des Krieges Gouverneur von Warschau war und später als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft, die Feinberg mehrfach eingeschaltet hat, aber treten auf der Stelle. Rechner, über die Hass-Mails verbreitet werden, stehen häufig im Ausland. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter geben die Identitäten ihrer Kunden auch in solchen Fällen nicht preis – oder Verfahren werden eingestellt, weil ein Staatsanwalt keine ehrverletzenden Äußerungen erkennen mag. Dafür wurde Feinberg selbst zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt, nachdem er einen Pöbler vor zwei Jahren als „Scheiß Araber“ beschimpft hatte.

An diesem Nachmittag sitzt der 37-jährige Israeli vor seinem Lokal in einer ruhigen Seitenstraße im Bezirk Schöneberg und erzählt vom alltäglichen Antisemitismus in Berlin. Von dem Mann, der sich über den jüdischen Kerzenleuchter im Schaufenster des Restaurants erregt und ihm droht: „In zehn Jahren lebst du nicht mehr.“ Von Gästen, die anonym im Internet einen Tisch für Adolf Hitler bei ihm reservieren. Von Kellnern, häufig arabischer Herkunft, die nicht bei Juden arbeiten wollen und ihm das auch so deutlich sagen. Und von den Unbekannten, die ihm jedes Jahr während seines Betriebsurlaubes im Dezember einen Haufen Hundekot vor das Restaurant werfen. „Aggressiver und kompromissloser“, sagt Feinberg, sei der Ton gegenüber Juden geworden. Und nirgendwo in Deutschland werden mehr antisemitische Straftaten begangen als in Berlin.

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Als Yorai Feinberg vor vielen Jahren zum ersten Mal in die Bundesrepublik kommt, um an einer Balettschule zu studieren, ist für ihn eines klar: „Ich kritisiere junge Deutsche nicht für das, was damals war.“ Er selbst dagegen, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, wird mit dem „damals“ täglich neu konfrontiert. Mord, Tod, Gas: Es seien, erzählt er, vor allem junge Muslime, die ihn beschimpften und bedrohten. Und natürlich hat er sich überlegt, ob er Deutschland wieder verlassen soll, so wie viele französische Juden zuletzt nach Israel ausgewandert sind. Feinberg aber hat sich für das Bleiben entschieden. „Ich habe mir hier etwas aufgebaut“, sagt er und zeigt stolz auf sein Restaurant, das er gerade erst erweitert hat.

In Jerusalem, wo er aufgewachsen ist, gab es Stadtteile, in die junge Juden wie er nur äußerst ungern gegangen sind – zu gefährlich. Dort, erinnert er sich, habe aber er vor allem eines gelernt: nicht zu kapitulieren.

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