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Coronavirus

10.03.2020

Bayern: Ein Land zwischen Corona-Sorge und Corona-Panik

Die Grundschule in Zusmarshausen im Landkreis Augsburg bleibt bis 23. März geschlossen. Ebenso menschenleer wird es auch in den Staatstheatern und in den großen Konzerthallen Bayerns in den nächsten Wochen sein.
Bild: Marcus Merk

Plus Theater und Opernhäuser schließen, Schulen bereiten sich auf virtuellen Unterricht vor. Ein Tag im Freistaat, an dem die Unsicherheit mit Händen zu greifen ist.

"Dynamik" ist ein Wort, das am Dienstag in vielen Gesprächen fällt. Verbunden mit einem weiteren Wort: "unvorhersehbar". Die Ausbreitung des Coronavirus hat eine unvorhersehbare Dynamik. Weltweit, in Deutschland, in Bayern. Vor einer Woche noch war manches anders. Da gab es noch nicht mehr als 1000 Infizierte in Deutschland, davon über 250 in Bayern. Es gab noch keine Todesfälle. Und es gab im Freistaat noch kein Verbot von Veranstaltungen, zu denen mehr als 1000 Personen erwartet werden. Das Coronavirus treibt die Menschen um – und macht aus Bayern ein Land zwischen Corona-Sorge und Corona-Panik.

Die Nachrichtenlage ändert sich am Dienstag ebenfalls äußerst dynamisch. Staatliche Theater, Konzertsäle und Opernhäuser schließen. Shows und Konzerte fallen aus. Schulen bereiten sich auf virtuellen Unterricht vor. An den Hochschulen für angewandte Wissenschaften sowie an den Kunst- und Musikhochschulen wird der Beginn der Vorlesungszeiten auf den 20. April verschoben. Selbst die Klimaaktivisten von "Fridays for Future" sagen ihre für Freitag geplanten Großdemos im Vorfeld der Kommunalwahlen ab. Ansteckungsgefahr!

Die DEL beendet ihre Saison wegen des Coronavirus vorzeitig

Und wenn der FC Augsburg am Sonntag in der Fußball-Bundesliga gegen den VfL Wolfsburg antritt, dann wird es recht einsam um den neuen Trainer Heiko Herrlich. Denn die Tribünen bleiben leer. Gleiches gilt für das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft am 31. März in Nürnberg gegen Italien. Für die Fußball-Elite ist das ein Ärgernis, unterklassige Vereine jedoch und Klubs anderer Sportarten sind mitunter von der Existenz bedroht. Sie sind viel mehr von den Zuschauereinnahmen abhängig als beispielsweise der FC Bayern.

Bayern: Ein Land zwischen Corona-Sorge und Corona-Panik

Auch aus diesem Grund überlegen die Verantwortlichen der höchsten Eishockey-Liga, ob sie die Saison schon vor den entscheidenden Play-offs abbrechen. Am Abend wird ihre Entscheidung bekannt: Die Saison endet vorzeitig und ohne Meister. Es ist ein Novum.

Und so macht sich das Coronavirus immer breiter im Alltag von Millionen Menschen.

An den Börsen brach am Montag Panik aus

"Unangenehm", sagt Günther Scheidle, als er in Augsburg aus einer Filiale der Stadtsparkasse ins Freie tritt. Das Regenwetter meint der 76-Jährige nicht. Der Rentner spricht über den vergangenen Montag, den Börsenexperten "Schwarzer Montag" nennen. Scheidle hat Aktien, die durch den Börsencrash zum Wochenstart an Wert verloren haben. Panik war ausgebrochen, aus Angst vor dem Coronavirus. Der Deutsche Aktienindex verzeichnete den größten prozentualen Tagesverlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001. An der New Yorker Börse wurde der Handel zeitweise ausgesetzt.

Der Dax verzeichnete zum Handelsstart am Montag ein dickes Minus - unter anderem aufgrund der Unsicherheit durch den Sars-CoV-2-Virus.
Bild: Arne Dedert, dpa

Günther Scheidle, ein ehemaliger Jurist, spricht mit leiser Stimme. Davon, in Hysterie zu verfallen, hält er nichts. Und doch ist er besorgt. Wegen des Wertes seiner Aktien. Mehr noch aber wegen seiner Gesundheit. "Es heißt ja, dass vor allem ältere Menschen betroffen sind", sagt er. "Und, nun ja, das bin ich eben. Angenehm ist das nicht."

Die AWO hat 25 Altersheime in Schwaben

Oben im Sparkassengebäude hebt Vorstandsmitglied Cornelia Kollmer zur Begrüßung beide Hände. "Man weiß ja nie, momentan", sagt die 53-Jährige und reicht dann doch ihre Hand. Achtsamkeit sei wichtig, sagt sie, natürlich. "Aber viele der Szenarien, die gerade ausgemalt werden, sind dann doch übertrieben." Kollmer ist für knapp 30.000 Wertpapierdepots verantwortlich. Für sie ist der Börsencrash vom Montag eine Ausnahmesituation. Eine mit Ansage. "Schon vergangene Woche haben die Märkte stark reagiert, da war mir klar, dass es weitergehen wird." Ihre ersten Arbeitsschritte am Montagmorgen? "Einmal durchschnaufen, viel telefonieren und allen raten: Ruhe bewahren, Ruhe bewahren, Ruhe bewahren." Cornelia Kollmer erzählt nun, dass die Telefone bei ihren Kundenberatern häufiger klingeln, dass sich Kunden um ihre Anlagen sorgen, dass mit Panikverkäufen aber nur die wenigsten reagierten. Sie wirkt erleichtert. Und das sagt sie jetzt auch: "Auf die erste Panik folgen immer Hoffnung und Erleichterung – und dann Erholung. Die Frage ist nur, wann."

Von Erleichterung ist Heinz Münzenrieder, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Schwaben, noch weit entfernt. 25 Altersheime mit knapp 2000 Plätzen hat die AWO in Schwaben. Nicht bloß ältere Menschen leben dort, viele kämpfen mit chronischen und mehrfachen Erkrankungen. Allesamt Risikogruppen. Einen begründeten Verdachtsfall gebe es bereits – in einem Haus in Kempten. Hier wurde eine Teilschließung veranlasst, sagt er. Er und sein Team machen sich gerade viele Gedanken.

Beyer: "Diese Risikogruppe wird von der Bayerischen Staatsregierung stark vernachlässigt"

Wie Thomas Beyer. Der sorgt sich dabei weniger um die Bewohner in den Altenheimen, denn das Thema Hygiene werde in diesen seit jeher großgeschrieben. "Was mich mehr umtreibt, ist die Situation der vielen alten Menschen im Freistaat, die ganz allein leben", sagt der Professor für Recht in der sozialen Arbeit und Chef der Arbeiterwohlfahrt in Bayern. "Diese Risikogruppe wird von der Bayerischen Staatsregierung bisher stark vernachlässigt." So nachvollziehbar es für Beyer ist, dass es zunächst vor allem um Regeln für Schulen und Kitas gegangen ist, "die vielen alten Menschen dürfen in dieser schwierigen Situation jetzt nicht alleingelassen werden, sie sind doch am stärksten gefährdet".

Der 56-Jährige ist sich sicher: "Gerade ältere Menschen machen sich große Sorgen um die Ansteckungsgefahr bei Corona, und viele, die allein und nicht selten sehr einsam leben, haben niemanden, mit dem sie sich austauschen können, der ihnen jetzt hilft." Hier einfach auf eine funktionierende Nachbarschaftshilfe zu hoffen, ist für Beyer zu wenig: "Ich wünschte mir vom Freistaat eine konzentrierte Aktion." Das Sozialministerium sei hier gefragt und müsse Impulse setzen, "damit die Senioren, die ja zur größten Risikogruppe zählen, sich nicht im Stich gelassen fühlen und ihre Versorgung sichergestellt ist."

Nicht nur der Einkauf von Lebensmitteln sei für Ältere wichtig

Nach Beyers Einschätzung müsste bei Bedarf nicht nur der Einkauf von Lebensmitteln übernommen werden, weil Ältere in diesen Tagen wegen des Coronavirus so wenig wie möglich unter Menschen gehen sollten. "Ich könnte mir auch vorstellen, dass Besuchsdienste organisiert werden, um Kontakt zu den älteren, allein Lebenden herzustellen. Doch gerade die Koordination für spezielle Dienste für Senioren muss jetzt der Freistaat übernehmen. Hier kommt aber bisher von München leider überhaupt keine Idee." Andere Ideen und Maßnahmen gibt es durchaus. Die Frage ist: Wie sinnvoll sind sie? So haben an mehr als 50 bayerischen Schulen Kinder und Jugendliche schon vor den Osterferien coronafrei. Im Landkreis Augsburg mussten gleich drei Grund- und Mittelschulen schließen – weil eine einzige Lehrkraft positiv getestet wurde. Die Frau unterrichtete Religion an jedem der Häuser.

Bisher schließen die Schulen, wenn dort ein Corona-Fall nachgewiesen wird. Einzelne Eltern würden sich aber melden und die Schulleiter auffordern, ihr Haus vorsorglich zu schließen, sagt Thomas Adleff, Leiter des Schulamts im Kreis Augsburg. Das sei eine verständliche Reaktion zum Schutz des eigenen Kindes, aber solche Maßnahmen seien nach aktuellem Stand nicht nötig. Gleichzeitig heißt es aus dem Kultusministerium: "Die Situation muss täglich neu bewertet werden." Und die Schüler müssen sich auf Unterricht im virtuellen Klassenzimmer einstellen. Schließt eine Schule, sollen Lehrer auf einer digitalen Plattform Unterrichtsinhalte hochladen und Schülern Feedback geben. Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Internetverbindung dafür überall gut genug ist.

Sinnvoll oder nicht? Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, werden Schulen und Kitas bei einem bestätigten Fall in der Regel geschlossen.
Bild: Paul Zinken, dpa

Es herrscht Unsicherheit

Auch hier: Unsicherheit und ungeklärte Fragen. Wie bei Konzertveranstaltern und Konzertbesuchern. In der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena sollte am Freitag Max Giesinger auf der Bühne stehen, einer der beliebtesten Popstars des Landes. "Wenn sie tanzt", heißt einer seiner Hits. Am Freitag tanzt in der Arena wohl niemand. "Ob eine Veranstaltung ganz abgesagt oder auf einen späteren Termin verschoben wird, obliegt den jeweiligen Veranstaltern", schreibt der Hallenbetreiber auf seiner Internetseite. Konkrete Anfragen blockt das Unternehmen am Dienstag ab.

In der BigBox in Kempten müssen fünf Shows abgesagt werden, unter anderem der mit 3000 Tickets ausverkaufte Auftritt des Comedians Felix Lobrecht und das Konzert der vor allem bei älteren Fans beliebten Kastelruther Spatzen. "Wir versuchen natürlich, Ersatztermine zu finden", erklärt Pressechefin Ramona Kloos. "Die Tickets behalten in dem Fall ihre Gültigkeit." Nicht alle Veranstalter, die die BigBox buchen, sagen ihre Konzerte ganz ab. Für den Auftritt der Rocker von Helter Skelter Anfang April gehen genau 999 Tickets in den Vorverkauf – eine Lösung, die auch der Circus Krone für seine Aufführungen wählt. Herbe Umsatzrückgänge lassen sich da nicht vermeiden. Wie hoch sie sein werden? "Vermutlich erheblich", sagt Kloos.

Kann die Bischofsweihe mit 1200 Gästen stattfinden?

Und noch eine Großveranstaltung, über der am Dienstag die Ungewissheit schwebt: die Bischofsweihe. Ein Festtag, ein Festakt. Wenn Prälat Bertram Meier zum neuen katholischen Bischof des Bistums Augsburg geweiht wird, ist der Augsburger Dom voll. Mit 1200 Gästen wird gerechnet: mehr als 40 Bischöfe aus dem In- und Ausland, Vertreter aus Gesellschaft und Politik. Das war der Plan. Doch kann es dabei bleiben?

Prälat Bertram Meier ist zum neuen Augsburger Bischof ernannt worden. Doch kann die Bischofsweihe stattfinden?
Bild: Silvio Wyszengrad

"Wir gehen davon aus, dass die Bischofsweihe am 21. März stattfinden kann", sagt der Bistumssprecher. Und ergänzt: "Der genaue Rahmen und der Ablauf der Weihe hängen sehr von der weiteren Entwicklung der Lage ab, die wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen können." Eine unvorhersehbare Dynamik eben. Der Sprecher verweist noch darauf, dass man sich eng mit den zuständigen staatlichen Behörden abstimmen werde. Die Pressestelle der Stadt Augsburg, die für das Gesundheitsamt Auskunft erteilt, verweist wiederum auf eine Pressekonferenz an diesem Mittwoch. Dann gebe es Informationen auch zur Bischofsweihe.

Und auch das ist etwas, das auffällt: Fragen bleiben ohne Antwort, weil es noch keine Antworten gibt. Oder weil Antworten in ein, zwei Tagen schon überholt sein könnten und man abwartet. Wie viele Teilnehmer werden aus Italien zur Bischofsweihe kommen? Wird der Bischof von Kiyinda-Mityana in Uganda, Joseph Zziwa, ohne größere Probleme in sein Land zurückreisen können? Denn dort müssen Reisende aus Deutschland zwei Wochen in Selbst-Quarantäne. Fragen über Fragen. Die hatte – wie so viele – am Dienstag auch Augsburgs Theaterintendant André Bücker. In seinem Fall: Wird der Betrieb in seinem Hause weitergehen? Bis Dienstagnachmittag habe er keine offizielle Ansage erhalten, weder vom Ministerium noch von der Stadt, sagt er. Erst am Abend herrscht Gewissheit: Bis zum 19. April entfallen sämtliche Vorstellungen.

Vieles bleibt weiter ungewiss an diesem Corona-Tag in Bayern, an dem nur eines festzustehen scheint: Die Dynamik ist unvorhersehbar.

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