1. Startseite
  2. Politik
  3. Bodo Ramelow ist der ungewöhnlichste Regierungschef

Thüringen-Wahl

23.10.2019

Bodo Ramelow ist der ungewöhnlichste Regierungschef

„Ich bin ganz klassisch Westdeutscher“: Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen.
Bild: Matthias Balk, dpa

Plus Ein Linker als Ministerpräsident, mit einer Stimme Mehrheit? Das funktioniert nie, hieß es 2014. Jetzt wird wieder gewählt. Warum die Thüringer Ramelow so lieben.

Attilas Platz wirkt wahrhaft fürstlich: weiche Polster vor weißen Säulen, lindgrüne Täfelung mit Goldrand, an der Wand prächtige Gemälde. Der nach dem berüchtigten Hunnenkönig benannte Jack-Russell-Terrier teilt sich den Raum mit dem unwahrscheinlichsten aller deutschen Ministerpräsidenten.

Dem haben die Beobachter anfangs keine hundert Tage im Amt gegeben. Ein Linker als Landesvater? Im ersten Dreierbündnis einer deutschen Landesregierung? Einer Koalition mit SPD und Grünen, die sich nur auf eine winzige Mehrheit stützt? Das kann nicht gut gehen, das wird nicht halten, hieß es.

Fünf Jahre später sitzt Bodo Ramelow noch immer in seinem ausladenden Dienstzimmer in der barocken Pracht der Kurmainzischen Statthalterei in Erfurt. Und dass er auch nach den Landtagswahlen am Sonntag Hausherr in der Staatskanzlei von Thüringen bleibt, ist alles andere als ausgeschlossen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Zwar wird es für seine amtierende rot-rot-grüne Koalition allen Umfragen zufolge nicht mehr reichen. Doch an die Beliebtheit des Mannes mit der markanten Haartolle und der randlosen Brille reicht keiner seiner Mitbewerber heran. Gegen sein Lager eine Regierung zu bilden, dürfte kaum gelingen.

Bodo Ramelow ist eine Ausnahmeerscheinung der deutschen Politik und erst recht in seiner Partei, der Linken. Das liegt nicht an den repräsentativen, gerne dreiteiligen Anzügen, die seine Frau Germana Alberti vom Hofe für ihn auswählt. Mit der gebürtigen Italienerin – Alberti ist ihr Geburtsname, Vom Hofe hieß ihr erster Mann – ist Ramelow in dritter Ehe verheiratet. Ihren Rat schätzt er ebenso wie ihren Espresso. Nicht nur in der Klatschpresse ist oft von Thüringens „First Lady“ die Rede, was auch viel über den Stellenwert Ramelows in dem 2,1-Millionen-Einwohner-Land aussagt. Der 63-Jährige ist in der Bevölkerung so beliebt wie kein anderer Politiker. 62 Prozent der Thüringer sind nach einer Umfrage mit seiner Arbeit zufrieden – ein Traumwert.

Dabei ist die wohl markanteste Stimme Ostdeutschlands, was viele bis heute kaum glauben mögen, ein Wessi. Und doch versteht er es, die ostdeutsche Seele zu streicheln. Beharrlich weigert er sich beispielsweise, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Wo sich viele Menschen als Wende-Verlierer sehen, lobt er unermüdlich die Wirtschaftskraft. Stellt heraus, wo Thüringen Weltspitze ist, im Motorenbau etwa. Betont, dass das Land kein Mauerblümchen sei. Sondern, wäre es ein selbstständiger Staat, irgendwo im Mittelfeld der EU-Länder liegen würde.

Bodo Ramelow mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe und Hund "Attila".
Bild: Martin Schutt, dpa

Was Bodo Ramelow so richtig ärgert

Das Lob geht bei Ramelow stets mit der Klage einher, dass die so fleißigen und redlichen Menschen in Thüringen länger arbeiten müssten und weniger verdienten als im Westen. Oder: „Viele Menschen im Westen unserer Republik dürften noch nie von den gravierenden Ungerechtigkeiten im Rentenrecht gehört haben, unter denen noch heute zahlreiche Frauen in Ostdeutschland leiden.“ Sie seien in der DDR als sogenannte mithelfende Ehefrauen oder als geschiedene Ehefrauen rentenanspruchsberechtigt, seien aber im Vereinigungsprozess aus dem System gefallen, weil man im Westen solche Kategorien gar nicht kannte. „Diese Frauen kämpfen seit 30 Jahren um ihr Recht, doch nichts passiert.“ Und dann ärgert ihn, dass Konzerne wie Daimler in Thüringen zwar viel produzierten, ihre Steuern aber meist an die westlichen Stammsitze überweisen.

Die Thüringer, die Ostdeutschen insgesamt, erkennen in dem Linken-Politiker einen der ihren, auch weil dieser selbst nicht nur die Sonnenseiten der Marktwirtschaft kennt. Geboren wird Ramelow in Oosterholt-Scharmbeek, Nordost-Niedersachsen. Als er elf ist, stirbt sein Vater an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Die Mutter muss als Hauswirtschaftsleiterin hart arbeiten, um ihn und seine drei Geschwister durchzubringen.

Ramelow wächst in Rheinhessen auf. „Mein Vater stammt aus Ostdeutschland, aber ich bin ganz klassisch Westdeutscher.“ Dass er als Kind Legastheniker ist und nach eigener Aussage lange nicht richtig schreiben kann, überschattet seine Schulzeit. Nach dem Hauptschulabschluss macht er eine kaufmännische Ausbildung bei Karstadt. Er bildet sich fort, wird Ausbilder und Filialleiter bei einer Handelsfirma in Marburg. Dort hat Ramelow Kontakt zu Mitgliedern der DKP, legt aber Wert auf die Feststellung, den Kommunisten nie beigetreten zu sein. Von 1981 bis 1990 ist er Gewerkschaftssekretär in Hessen.

In dieser Zeit ist Ramelow oft in der DDR, meist aus familiären Gründen. Er besucht seine Halbgeschwister. So kommt die Gewerkschaft nach der Wende auf ihn zu. Sie sucht jemanden, der neue Strukturen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR aufbauen soll. Als er nach Erfurt geschickt wird, will er von seinem Vorgesetzten wissen, worum es denn gehe und was er dort erzählen solle. Ihm werde schon was einfallen, bekommt er zu hören.

Ramelow fällt in Thüringen dann tatsächlich einiges ein. Etwa, die Kali-Kumpel von Bischofferode im Kampf gegen die Schließung ihres Bergwerks zu unterstützen. „Rückblickend empfinde ich das als großes Glück“, erzählt er. Auch wenn er anfangs viel zu lernen hatte. „Es gab Situationen, da habe ich nicht verstanden, wovon die Menschen hier redeten, obwohl wir die gleiche Sprache sprachen.“

Am Ende sind alle Aktionen vergeblich, doch bis heute haben die Leute im Harz ihm seinen Einsatz nicht vergessen. Ramelow wird schnell Landeschef der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, bis 1999 bleibt er in dem Amt. In diesem Jahr tritt er in die damalige PDS ein, die Nachfolgerin der DDR-Staatspartei SED.

Auf Anhieb wird Ramelow Spitzenkandidat und zieht in den Landtag ein, später sitzt er auch im Bundestag. Sein Weg in die Erfurter Staatskanzlei ist ein politisches Husarenstück. Aus den Landtagswahlen 2014 geht die CDU mit 33,5 Prozent als stärkste Kraft hervor. Doch Ramelow, dessen Linke mit 28,5 Prozent nur Platz zwei bleibt, rechnet scharf nach und verhandelt geschickt. Zusammen mit der SPD und den Grünen schmiedet er eine Koalition, die sich auf eine Mehrheit von nur einem Mandat stützt. Knapper geht es nicht. Viele sind überzeugt, dass das erste Dreierbündnis in einer Landesregierung nicht halten wird.

Was die Parteispitze sagt, interessiert ihn wenig

Doch Ramelow findet mit SPD und Grünen einen guten Arbeitsmodus. Krach ist selten. Oder besser gesagt: Er dringt nicht nach außen. Ramelow besteht darauf, dass in einem speziellen Raum im Landtag erst so lange hinter verschlossenen Türen gestritten wird, bis die gemeinsame Position steht.

Ramelow regiert Thüringen losgelöst von der zerstrittenen Linken im Bund. Was die Parteispitze sagt und denkt, interessiert den praktizierenden Protestanten wenig. Entgegen der Parteilinie schafft er das Landesamt für Verfassungsschutz nicht ab. Ramelow selbst hatte 2013 erfolgreich gegen seine Beobachtung durch den Verfassungsschutz geklagt. Thüringen führt auch Abschiebungen durch, obwohl die Bundes-Linke das ablehnt. Wenige Pannen, aber auch keine Wunder, könnte Ramelows Bilanz lauten.

Lob bekommt er von der Wirtschaft. Wenn es um Gewerbeansiedlung und Jobs gehe, sei Ramelow stets gesprächsbereit. Sein ambitioniertestes Vorhaben scheitert indes. Eine Gebietsreform in dem Land, das gemessen an der Einwohnerzahl ungewöhnlich viele Landkreise und kreisfreie Städte aufweist, lässt sich nicht durchsetzen. Dabei sorgt die um sich greifende Landflucht dafür, dass viele Regionen verwaisen. Im Wahlkampf ist davon kaum mehr die Rede.

Ramelow gilt als starker Redner, beherrscht den staatstragenden Auftritt, aber auch den öffentlichen Zornesausbruch. Besonders engagiert kämpft er gegen den Landeschef und Spitzenkandidaten der AfD. Björn Höcke ist Gründer und Wortführer des rechtsnationalen „Flügels“, einer Gruppe, die auch innerhalb der AfD besonders weit rechts steht. Der Verfassungsschutz stuft die Gruppierung als „Verdachtsfall“ im Bereich des Rechtsextremismus ein. Höcke war es, der das Denkmal für die ermordeten Juden in Berlin 2017 als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte.

Oft ist in diesen Tagen die Rede davon, wie stark sich rechtsextremes Gedankengut in Thüringen ausgebreitet hat. Das gesellschaftliche Klima ist aufgeheizt, der Wahlkampf wird von Morddrohungen gegen Kandidaten überschattet. Und in der Gedenkstätte Buchenwald nahe Weimar erzählt ein Mitarbeiter: „Es gibt seit dem Aufschwung der AfD eine stärkere Neigung, Dinge zu sagen, die vorher unsagbar waren.“

Die fast aussichtslose Suche nach einer Mehrheit

Bodo Ramelow nimmt es mit der AfD auf, wann immer es nötig ist. Er sagt aber auch: „Ich habe keine Lust, den Osten immer nur über die AfD erklärt zu bekommen.“ Alle neuen Länder über die 25 Prozent AfD-Wähler zu definieren, sei unredlich und werde der Realität nicht gerecht. „Den Ostdeutschen wird ja bis heute – ich spitze zu – gesagt, ihr seid undankbar, ihr seid doof und ihr wählt Mist. Das schmerzt tief.“

Die Thüringen-AfD kommt für keine der anderen Parteien mit Chancen auf den Einzug in den Landtag als Partner in Frage. Hatten in Brandenburg und Sachsen noch einzelne CDU-Funktionäre laut über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachgedacht, schließt Thüringens CDU-Chef Mike Mohring ein solches Bündnis kategorisch aus. Der 47-Jährige hatte im Januar seine Krebserkrankung öffentlich gemacht, den Wahlkampf aber fortgesetzt. Inzwischen ist er genesen.

Mit Bodo Ramelow versteht sich Mohring privat ganz gut, beide gehen gelegentlich gemeinsam Wandern. Doch politisch führt sie kein Weg zusammen, das machen der Linke und der Konservative im Wahlkampf immer wieder klar.

Weil Grüne und SPD hier schwächer sind als anderswo, gibt es wenig Möglichkeiten für mehrheitsfähige Bündnisse. Selbst wenn es Mohring gelänge, Grüne und SPD auf seine Seite zu ziehen – worauf nichts hindeutet –, würde es nach der aktuellen Lage nicht für eine Mehrheit reichen. Dazu wäre noch die FDP nötig, von der unklar ist, ob sie den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schafft. Mit der Linken wollen die Liberalen nicht koalieren.

Ramelow hat indes schon mal angekündigt, dass er auch ohne Mehrheit für sein Bündnis im Amt bleiben werde. Denn ein entsprechender Passus in der Thüringer Landesverfassung sieht sinngemäß vor, dass der Ministerpräsident so lange im Amt bleibt, bis ein neuer gewählt ist. Wenn Ramelow seine Mehrheit also nicht verteidigen kann, die anderen aber keine neue zustande bringen, dann muss er womöglich noch lange nicht ausziehen aus der barocken Staatskanzlei. Und Hündchen Attila darf einstweilen in seinem feudalen Körbchen bleiben.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren