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Brexit
04.01.2021

Warum die britischen Fischer stinksauer auf Boris Johnson sind

Boris Johnson (Zweiter von links) bei einem Wahlkampf-Besuch auf dem Grimsby Fish Market. Fischer werfen dem britischen Premier vor, es gebe "eine beträchtliche Anzahl" von ihnen, denen es deutlich schlechter gehe als vor dem Deal.
Foto: Stefan Rousseau/PA Wire, dpa

Eine große Zukunft erwarte sie, hatte die Regierung den britischen Fischern versprochen. Nun steht der Deal mit der EU – und die Fischer fühlen sich verraten.

Es bietet sich aus gegebenem Anlass an, diese Geschichte mit dem guten Fisch zu beginnen. Vielleicht ist dieser Ansatz gar unausweichlich. Immerhin, ohne die emotional diskutierte Frage, wem all die Heringe, Jakobsmuscheln und Schollen in den britischen Gewässern gehören, hätte die Welt mit ziemlicher Sicherheit keinen Brexit erlebt und ohne Brexit, nun ja, wäre dies eine ganz andere Geschichte.

Es sind nämlich die britischen Fischer, die lange erwarteten, endlich einmal zu den Gewinnern dieser Zeit zu zählen. In Brixham etwa hofften die Menschen bis zuletzt auf ein Happy End der Brexit-Saga – weg von der grauen Tristesse der vergangenen Jahre hinein in eine goldene Zukunft mit hohen Fangquoten für ihre Kutter.

Skipper Anton Bailey ist frustriert beim Blick auf das Brexit-Abkommen

Hatte ihnen das der britische Premierminister Boris Johnson nicht mit blumigen Worten jahrelang versprochen? Der Regierungschef kam sogar selbst einmal in das Fischerdorf in der Grafschaft Devon, das sich stolz als Geburtsort der Trawlerindustrie bezeichnet und wo die Boote vor malerischer Kulisse im Hafen schaukeln. Johnson haute in seiner typischen Art die bekannten Sprüche raus – und die Fischer strahlten, glaubten ihm, wählten ihn später voller Enthusiasmus. Die Hoheit über die eigenen Gewässer, sie war für viele Briten das Symbol für die wiedergewonnene Souveränität.

Nun aber, zum Jahreswechsel, herrscht Ernüchterung. Die geht nur im allgemeinen Jubel über den in letzter Minute vereinbarten Deal zwischen der Europäischen Union und Großbritannien und „den Anbruch einer neuen Ära“, wie Johnson frohlockte, unter.

Der Skipper Anton Bailey hat an diesem Mittag kurz vor Silvester eine Garnitur Netze geliefert bekommen, die er nun am Hafen in Brixham vor seinem Boot ordnet. Mit dem neuen Material, so ist der Engländer in seinen Gummistiefeln optimistisch, wird er im neuen Jahr einen guten Seelachs-Fang einfahren. Immerhin.

Johnson mag den Vertrag feiern, die Fischer sind enttäuscht

Frustriert zeigt er sich dagegen beim Blick auf das Abkommen, das an Heiligabend im fernen Brüssel geschlossen wurde. Boris Johnson mag den Vertrag in seinem Sinne als Triumph feiern, Fischer wie Bailey zeigen sich dagegen enttäuscht. Alles laufe wie eh und je: „Die Europäer bekommen, was sie wollen, so einfach ist es.“

Der Tenor lautet: Die Regierung habe mit dem Deal die eigene Branche verkauft. „Ich dachte, wir würden einen wunderbaren Sieg einstreichen, aber viele der gemachten Versprechen wurden nicht eingehalten“, konstatiert Jim Portus, Chef der Gruppe „South Western Fish Producers Organisation“, die die Interessen von einem Drittel der Fischer in den Grafschaften Devon und Cornwall vertritt.

Die neue Realität sieht so aus: In den nächsten fünfeinhalb Jahren werden die Fangrechte für die europäischen Fischer, die vor den britischen Inseln ihre Netze, Senken und Reusen auswerfen, nach und nach um 25 Prozent gekürzt. Das klingt nach mehr, als es ist. Ursprünglich hatten die Briten eine Reduzierung zwischen 60 und 80 Prozent gefordert. Aus der Sache mit dem britischen Fisch für britische Fischer wurde also nichts, aber die Brexit-Hardliner in Westminster biegen sich zurzeit die Zugeständnisse an die EU in ihrem Sinne zurecht – und werden mit Applaus von den europaskeptischen Zeitungen und Kommentatoren belohnt.

Der Brexit lag ihm am Herzen, sagt Peter Wood. Aber jetzt...

Was kümmern sie noch die Fischer? Die fühlen sich verraten und betrogen nach all den zähen Verhandlungen, die bis zuletzt an den Makrelen und Heringen stockten, was schon allein erstaunlich ist, weil die Industrie mit ihren knapp 440 Millionen Pfund im Jahr lediglich 0,02 Prozent der britischen Wirtschaftskraft ausmacht. Zum Vergleich: Die Finanzdienstleistungen tragen jährlich rund 130 Milliarden Pfund, umgerechnet etwa 145 Milliarden Euro, zur Wirtschaft bei. Trotz der Bedeutung gibt es im Abkommen noch keine Regelung für die Branche.

Peter Wood gehört zwar nicht zu jenen Briten, die mit ihren Trawlern und ausgestattet mit Bannern und Union-Jack-Flaggen für den Austritt Großbritanniens aus der EU geworben hatten. Aber der Chef des Betriebs „UK Glass Eels“ in der Grafschaft Gloucestershire kennt sich von Berufs wegen mit Fisch aus, sein Fachgebiet sind Baby-Aale. Aber auch der EU-Austritt lag ihm am Herzen.

Diese französischen Fischer dürfen in den kommenden Jahren deutlich mehr Tiere aus britischen Gewässern holen, als sich das ihre Kollegen auf der Insel gewünscht haben.
Foto: Thibault Camus, dpa

Wood nämlich ist nicht nur Unternehmer, sondern war auch einmal so etwas wie der lokale Posterboy der europaskeptischen United Kingdom Independence Party (Ukip). Die polterte unter dem damaligen Vorsitzenden Nigel Farage lautstark und wirksam gegen die EU. Freiheit, Souveränität, Kontrolle, dazu ein Pint Ale und Fish and Chips – es ist das altbekannte Lied, das auf der Insel zur Brexit-Hymne wurde.

Und auch Peter Wood stimmte ein, träumte von einem globalen Markt für seine Glasaale, von neuen Möglichkeiten. Auf dem Wahlzettel machte er 2016 sein Kreuz entsprechend beim Brexit, na klar.

Alle Kunden sitzen in der EU. Aber wie lange noch?

Heute steht er in der Halle seiner Farm vor meterlangen Becken, in denen zehntausende Glasaale herumschwimmen. Seit 50 Jahren werden die beinahe durchsichtigen Jungformen des Flussaals im nahen Severn gefangen und in seinem Betrieb gemästet, bevor die schlangenförmigen Tiere exportiert werden – nach Deutschland, Schweden, Holland, Griechenland. Alle seine Kunden sitzen in der EU. Die Frage ist: Wie lange noch?

Den Chef des Fischereibetriebs treibt die Sorge um, dass ihm sein Geschäft aufgrund des EU-Austritts ebenso entgleiten könnte, wie die zappelnden und glitschigen Aale oft beim Herausfischen aus den Becken entkommen. Wie soll er mit Konkurrenten in Frankreich mithalten, wenn sowohl er als auch seine Kunden, an die er seine Baby-Aale dreimal pro Woche liefert, deutlich mehr Papierkram zu bewältigen haben?

Seit dem 1. Januar ist die Scheidung des Vereinigten Königreichs von der EU endgültig vollzogen. Die Briten sind raus aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion. Zwar wurde mit dem Post-Brexit-Abkommen ein extrem harter wirtschaftlicher Bruch mit Zöllen und Mengenbeschränkungen vermieden. Trotzdem müssen nun Zollformalitäten umgesetzt und deutlich mehr Formalitäten erledigt werden. Zudem sind an den Grenzen künftig Kontrollen notwendig, weil Standards überprüft werden müssen, unter anderem bei Agrarprodukten.

„Ich hätte niemals für den EU-Austritt gestimmt, wenn ich gewusst hätte, dass wir unseren Job verlieren“, so Wood, dessen Firma zwei Millionen Pfund pro Jahr Umsatz macht und zehn Angestellte hat. „Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht.“

In der Wirtschaft ist die Nervosität noch immer spürbar

Die Worte des einstigen Brexit-Wählers, die er kürzlich gegenüber Medien äußerte, sorgten im Kreis der EU-Freunde auf Twitter wahlweise für einen Sturm der Entrüstung oder eine Welle des Mitleids. „Trostlos. Tragisch. Fesselnd.“ kommentierte den Sinneswandel etwa der britische Schauspieler Hugh Grant, der sich in den vergangenen Jahren als glühender Brexit-Gegner und Kritiker der konservativen Regierung profilierte.

Tatsächlich wird sich erst in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, was der Brexit wirklich bedeutet. „Wir haben unsere Freiheit in unseren Händen und es liegt an uns, das Beste daraus zu machen“, sagt Boris Johnson, der von Hürden und Hemmnissen nichts hören und wissen will. In der Wirtschaftswelt ist jedoch Nervosität spürbar.

Chaos sieht anders aus: Zum Jahreswechsel hat es am Hafen von Dover keine kilometerlangen Staus gegeben.
Foto: Thibault Camus, dpa

Es mag in den ersten Tagen des Jahres keine kilometerlangen Staus vor dem Hafen in Dover oder am Eurotunnel gegeben haben, was zum einen am Neujahrstag und anschließenden Wochenende lag. Zum anderen haben Firmen angesichts der unsicheren Lage längst Vorräte angelegt. Zahlreiche Transportunternehmen hatten im Vorfeld angekündigt, ihre Fahrer erst einmal nicht auf den Kontinent zu schicken, um abzuwarten und sich auf die neuen Umstände vorzubereiten.

„Wir werden erst ab Mitte Januar merken, ob das mit der Zollabfertigung klappt“, sagt Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer in London. Doch dieses Problem sei kurzfristig und zu bewältigen, der Kostenaufwand berechenbar. Mittelfristig aber, so prognostiziert er, werden sich viele Firmen fragen, ob sich der Aufwand weiter lohnt. „Formalien kosten alle mehr Geld“, so Hoppe.

Ein Experte sagt: Ein No Deal wäre noch schlimmer gewesen

Hinzu kommt, dass der Wegfall der Personenfreizügigkeit Unternehmen die Flexibilität nehme. Man müsse abwarten, wie die Briten das Einwanderungsgesetz anpassen. Zu viele Dinge sind noch unklar. „Der Teufel steckt im Detail und viele dieser Details wurden bisher übersehen oder sind nicht genügend berücksichtigt worden“, sagt der Chef der Außenhandelskammer.

Tatsächlich dürften die Folgen für die Briten deutlich spürbarer werden als für die Deutschen. So flaut etwa wegen des Brexit der Außenhandel mit dem Königreich seit Jahren ab. Aber auch wenn der Brexit „negative Auswirkungen auf den bilateralen Wirtschaftsverkehr“ habe und das Abkommen äußerst dünn sei: Die Erleichterung darüber, dass es überhaupt einen Deal gibt, ist auch in der deutsch-britischen Firmengemeinschaft groß, sagt Ulrich Hoppe. „Die Alternative eines No Deals wäre noch schlimmer gewesen.“

Das wiederum sehen viele Fischer deutlich anders. Aber ihre Stimme ist längst verhallt.

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04.01.2021

Ist schon bezeichnend, wenn die Briten von "den Europäern" sprechen. Und was die britische Fischerei angeht: fast 50 % ihrer Fangrechte wurden schon in EU-Zeiten an ausländische Fischer verkauft, angeblich weil da größere Gewinne erzielt wurden und werden!

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