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Bundestag
30.09.2016

Abschied von Steinbrück: Ein Schlauberger, der dazugelernt hat

Peer Steinbrücks letzte Rede vor dem Bundestag.
Foto: Monika Skolimowska/dpa

Peer Steinbrück verabschiedet sich aus der Politik, natürlich nicht ohne Ironie. Der 69-Jährige gibt am Ende des Monats sein Abgeordnetenmandat zurück. Ein Blick zurück.

„Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn – vielen Dank.“ Peer Steinbrück zelebriert seinen Abschied nicht, er vollzieht ihn einfach. Anderen würde jetzt vielleicht für einen Moment die Stimme versagen oder eine verstohlene Träne aus dem Auge kullern, er allerdings faltet nach seiner letzten Rede im Bundestag nur sein Manuskript zusammen, verbeugt sich noch einmal kurz vor den Kollegen – und das war es dann auch. Schluss. Aus. Vorbei. Ende des Monats gibt der 69-Jährige sein Abgeordnetenmandat zurück, aus freien Stücken und im Wissen, dass einer wie er so schnell nicht wiederkommt. Steinbrück habe sich, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert später, „das Misstrauen seiner eigenen Parteifreunde ebenso hart erarbeitet wie den Respekt seiner politischen Gegner“.

In Zukunft will der frühere Finanzminister sich vor allem um den Aufbau der vom Bund eingerichteten Helmut-Schmidt-Stiftung kümmern. Als Forum für sein Resümee nach einem Vierteljahrhundert als Abgeordneter, als Landes- und Bundesminister, Ministerpräsident und Kanzlerkandidat hat er sich die Debatte um die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ausgesucht, auch wenn es Steinbrück darum allenfalls am Rande geht. Sein Auftritt ist vor allem ein Appell, nicht vor den Problemen zu kapitulieren und sich die Welt nicht schöner zu rechnen und zu reden, als sie ist. „Es sagt sich leicht, das Rentenniveau muss gesteigert werden.“ Wie aber, fragt er, solle er seinen vier Enkeln erklären, dass sie das eines Tages mit hohen Steuern und Beiträgen bezahlen müssten? Und überhaupt: „Wir dürfen von den Bürgern nicht als ein Politikkartell missverstanden werden, das ihre Befindlichkeiten wegfiltert – und dieses Risiko besteht.“

Eine nachdenkliche und auch ironische letzte Rede von Steinbrück

Weit größere Sorgen als um die deutschen Sozialkassen macht Steinbrück sich jedoch um das gemeinsame Europa, diesen Glücksfall der Geschichte, wie er es nennt. Er gehöre, 1947 geboren, zu der ersten Generation, die nicht auf den Schlachtfeldern Europas geopfert worden sei, sagt Steinbrück, dessen Großvater gegen Ende des Krieges hingerichtet wurde, weil er sich geweigert hatte, ein sinnloses Kommando über eine Truppe von Hitlerjungen und Volkssturmmännern zu übernehmen. Für seinen Enkel ist Europa allerdings nicht nur die Antwort auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sondern auch auf die Herausforderungen des 21. Für ihn heißt das: „Dass wir dafür sorgen müssen, dass dieser wunderbare Kontinent nicht auf den Euro, nicht auf die EZB-Zinspolitik, nicht auf den Brexit und schon gar nicht auf den Krümmungsgrad der Salatgurke reduziert wird.“ Es ist keine aufrüttelnde Rede, die Steinbrück da hält, eher eine nachdenkliche – gewürzt allerdings, wie so oft bei ihm, mit einem gehörigen Schuss Ironie.

Peer Steinbrück: Copyright auf "hätte, hätte Fahrradkette"

Als er vor 47 Jahren der SPD beigetreten sei, erinnert er sich schmunzelnd, habe er noch gedacht, dass die Sumpfhühner und die Schlauberger ziemlich einseitig auf die Parteien verteilt seien. „Und ich gehörte natürlich zur Partei der Schlauberger.“ Nach einer längeren Lernkurve wisse er heute jedoch, dass die Sumpfhühner und Schlauberger „in und zwischen den Parteien“ ähnlich gleichmäßig aufgeteilt seien wie im Rest der Bevölkerung. Außerdem habe er, wenn auch sehr spät, gelernt, dass es in der Politik keineswegs nur darauf ankommt, was man sagt und was man macht, sondern auch darauf, „wie man dabei guckt“.

Ob er deshalb nie eine Wahl gewonnen hat? Steinbrück war stets ein Mann, der polarisiert – nach innen wie nach außen. Mal schien ihm das Kanzlergehalt zu niedrig, mal zeigte er in einem Interview den Stinkefinger, mal bürstete er einen Journalisten mit dem Spruch „hätte, hätte Fahrradkette“ nieder. Dafür, das nur nebenbei, beansprucht Steinbrück nun übrigens eine Art Copyright, wie er den Kollegen in der SPD-Fraktion verriet. Von jedem, der die drei Worte verwende, erwarte er eine Tafel Schokolade.

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