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Grüne

13.09.2019

Cem Özdemir setzt alles auf eine Karte

Cem Özdemir hat ernsthafte Ambitionen, bei den Grünen wieder eine entscheidende Rolle zu spielen.
Bild: Christoph Schmidt, dpa

Der Ex-Parteichef Cem Özdemir will Fraktionschef werden, auch weil er nicht Ministerpräsident im heimischen Baden-Württemberg werden kann. Das stört manchen.

Cem Özdemir will nicht der erste grüne Bundeskanzler Deutschlands werden, zumindest im Moment nicht. Dass der Schwabe mit anatolischen Wurzeln das so deutlich klarstellt, hat seinen Grund. Der Ex-Parteichef weiß genau, dass sein enormer Ehrgeiz viele Parteifreunde abschreckt. So enthält seine gemeinsam mit Co-Kandidatin Kirsten Kappert-Gonther verfasste Bewerbung für den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion ein vorbeugendes Dementi. „Wir streben keine Spitzenkandidatur im nächsten Bundestagswahlkampf an“, heißt es in dem zweiseitigen Schreiben an die Fraktionskollegen, das unserer Redaktion vorliegt.

Cem Özdemir will nicht die ganze Macht - so lautet seine Botschaft

Dass Angela Merkel einen Nachfolger von der Öko-Partei bekommt, scheint im Moment ja nicht ausgeschlossen. In manchen Umfragen der vergangenen Monate bewegten sich die Grünen auf Augenhöhe mit der Union. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer schwächelt, die SPD siecht und die GroKo wackelt. So ergibt die Botschaft Özdemirs durchaus Sinn: Nein, nach der ganzen Macht in der Partei greifen, das will er nicht. Sondern im Duo mit der Parteilinken Kappert-Gonther, 52, „nur“ den oft kauzig wirkenden Bayern Toni Hofreiter und die von vielen als zu bieder empfundene Katrin Göring Eckardt an der Fraktionsspitze ablösen.

Gleichzeitig gibt Özdemir das Versprechen, die beiden beliebten Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck in Ruhe zu lassen. Vorläufig jedenfalls. Özdemir hält den ungefragten Verzicht auf die Kanzlerkandidatur für notwendig, weil er weiß, dass er für die „Fundis“ vom linken Parteiflügel noch immer eine Reizfigur ist.

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Aufseiten der pragmatischen „Realos“ ist Özdemir dagegen weiter ein Star. „Seine Strahlkraft nach außen ist enorm, rhetorisch ist er der Stärkste, den wir haben“, sagt ein hochrangiges Fraktionsmitglied. Viele bei den Grünen rechnen mit baldigen Neuwahlen im Bund. In Gesprächen heißt es immer wieder, nur mit dem auch im bürgerlichen Lager beliebten Özdemir sei ein gutes Abschneiden möglich. Noch immer landet der gelernte Erzieher regelmäßig auf der Liste der beliebtesten Politiker ganz vorn.

Dabei hat er längst kein hervorgehobenes Amt mehr. Nachdem die FDP den Traum von der schwarz-gelb-grünen Bundesregierung platzen ließ, gab er den Parteivorsitz auf. Ihm blieb noch der Vorsitz im Verkehrsausschuss des Bundestags.

Cem Özdemir will den Fraktionsvorsitz der Grünen

Nun hat niemand – ob bei Realos oder Fundis – damit gerechnet, dass sich Özdemir, der während der Jamaika-Beratungen schon als künftiger Außenminister gehandelt wurde, dauerhaft zurückhalten würde. Viele gingen allerdings davon aus, dass der 53-Jährige versuchen würde, in die Fußstapfen von Baden-Württembergs grünem Ministerpräsidenten zu treten. Doch seit Winfried Kretschmann, 71, am Donnerstag angekündigt hat, noch einmal anzutreten, ist allen klar: Özdemir setzt jetzt alles auf eine Karte, den Fraktionsvorsitz.

Die Personalie reißt bei den Grünen, zuletzt scheinbar Hort reiner Harmonie, alte Gräben auf. Toni Hofreiter stichelt in seiner unserer Redaktion ebenfalls vorliegenden Bewerbung: „Ich habe meine Rolle als Vorsitzender gemeinsam mit Katrin immer so verstanden, den Zusammenhalt unserer Fraktion und der Grünen insgesamt zu wahren – auch wenn ein anderer Weg manchmal leichter und für die Medien auch interessanter gewesen wäre.“

Ein Seitenhieb gegen den machtbewussten Medienprofi Özdemir. Insider sagen: „Es gärt absolut.“

Ein Duo aus Özdemir und Katrin Göring-Eckardt ist nicht möglich

Im Hintergrund umwerben beide Lager jeden einzelnen der 67 Abgeordneten. Unter ihnen gibt es zwar mehr Realos als Fundis. Doch dass der Weg für Özdemir kein Spaziergang werden wird, dafür sorgt schon die Satzung. Nicht nur an der Partei- sondern auch an der Fraktionsspitze ist ein Doppel vorgesehen, zu dem mindestens eine Frau gehören muss. Zudem wird auf die Balance von Realos und Fundis geachtet.

Ein Duo Özdemir/Göring-Eckardt ist also nicht möglich, weil beide als Realos gelten. Göring-Eckardt hat im Realo-Lager durchaus Freunde und im Fundi-Lager halten sie viele für das kleinere Übel.

Ob Ober-Realo Özdemir wieder durchstarten kann, könnte so von seiner Fundi-Mitkandidatin abhängen. Lange habe er gesucht, heißt es in der Partei, doch mehrere prominente Fundi-Frauen hätten ihm einen Korb gegeben. So wurde schließlich Kirsten Kappert-Gonther zur Tandempartnerin. Doch die Psychiaterin aus Bremen sitzt erst seit zwei Jahren im Bundestag, ist im Fundi-Spektrum nicht gerade gut vernetzt. So gilt der Ausgang der Wahl am 24. September in der Partei als völlig offen. Für sicher halten Realos wie Fundis nur eines: „Es wird verdammt knapp.“

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