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Interview

13.07.2020

Chef der Krebshilfe: 50.000 OPs fanden wegen Corona nicht statt

Die Deutsche Krebshilfe befürchtet, dass wegen der Corona-Pandemie gerade auch Brustkrebs häufig zu spät erkannt und behandelt werden könnte.
Bild: Jens Schierenbeck, dpa

Exklusiv Gerd Nettekoven, Chef der Deutschen Krebshilfe, befürchtet fatale Folgen für Kranke. Der Politik wirft er ein "Desaster" beim Aufbau eines Zentralregisters vor.

Welche Erkenntnisse haben Sie darüber, ob im Corona-Lockdown wichtige Krebsuntersuchungen und Behandlungen ausgefallen sind?

Gerd Nettekoven: Wir waren schon am Anfang der Pandemie beunruhigt, als der Bundesgesundheitsminister gefordert hat, Kapazitäten für die Behandlung von Corona-Patienten freizuhalten. Sowohl aus unserem Beratungsdienst „Infonetz Krebs“ als auch dem Informationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums ging hervor, dass auch im onkologischen Bereich Operationen verschoben werden sollten. Da sind wir hellhörig geworden und haben als Deutsche Krebshilfe gemeinsam mit dem Krebsforschungszentrum und der Krebsgesellschaft eine Task Force gebildet. Sie konnte in den uns nahe stehenden großen Krebszentren schnell an Informationen kommen, welche unmittelbaren Auswirkungen die Pandemie hat. Und die gab es tatsächlich: Da sind in vielen Bereichen Diagnosen verschoben worden, aber auch Behandlungen. Inzwischen geht man davon aus, dass in Deutschland wegen Corona rund 50.000 Krebsoperationen nicht stattgefunden haben.

War es ein Fehler, am Anfang pauschal alle Krankenhäuser so stark auf die Aufnahme von Corona-Patienten auszurichten?

Gerd Nettekoven: Nein, das haben wir nie kritisiert. Niemand war darauf vorbereitet, wie schnell die Pandemiewelle über uns hereingebrochen ist. Am Anfang herrschte die Befürchtung, dass unser Gesundheitssystem unter der drohenden Infektionswelle zusammenbrechen könnte. Und Deutschland ist es gut gelungen, dass es nicht so weit gekommen ist. Aber als Deutsche Krebshilfe treten wir natürlich dafür ein, dass dabei keine Krebspatienten vernachlässigt werden.

Gerd Nettekoven ist Chef der Deutschen Krebshilfe.
Bild: Marc Tirl, dpa

50.000 ausgefallene Operationen klingt aber nach einer großen Zahl…

Gerd Nettekoven: Das ist eine gewaltige Zahl: 50.000 ausgefallene Krebsoperationen bedeuten 24 Prozent aller Eingriffe, die im Zeitfenster der Pandemie bis Mitte Juni nicht stattgefunden haben. Und auch unterstützende Maßnahmen für Krebspatienten, von der psychosozialen Betreuung bis zu Palliativmedizin wurden in den Kliniken teilweise extrem nach unten gefahren. Unsere große Sorge ist, dass nicht alles, was verschoben worden ist, auch medizinisch vertretbar war. Wir wissen es aber leider nicht. Was wir wissen ist, dass wir jetzt eine große Bugwelle von verschobenen therapeutischen und diagnostischen Maßnahmen vor uns herschieben. Das kann irgendwann zu lebensbedrohlichen Situationen für Krebspatienten führen. Bei uns haben sich zum Beispiel Patientinnen gemeldet, bei denen Brustkrebs-Nachsorgeuntersuchungen verschoben wurden. So etwas kann fatale Folgen haben.

Hat sich die Lage inzwischen wieder entspannt? Werden die Behandlungen jetzt nachgeholt?

Gerd Nettekoven: Unsere Informationen aus den Krebszentren zeigen, dass sich die Situation wieder etwas entspannt hat. Aber der Stau von notwendigen Versorgungsmaßnahmen wird sich nicht so schnell zurückentwickeln. Denn wir spüren nach wie vor die Pandemie und die Klinken halten weiter Kapazitäten für Covid-19-Patienten frei und müssen unter besonderen Schutzbedingungen arbeiten. Deshalb werden wir die Bugwelle verschobener Maßnahmen nicht sehr zeitnah in den Griff bekommen. Das heißt, wir haben weiter eine angespannte Situation für Krebspatienten. Das betrifft auch die Krebsfrüherkennung: Wir befürchten leider, dass wir in nächster Zeit mit Patienten konfrontiert sein werden, bei denen die Diagnose sehr spät gestellt wird. Auch das kann fatale Folgen haben.

 

Die Opposition kritisiert, dass die Regierung keine Zahlen über Nichtbehandlungen nennt, obwohl viele Kassen bereits Analysen aus Abrechnungsdaten vorgelegt haben. Warum gib es keine offiziellen Daten und Auswertungen zu den Krebsbehandlungen im Lockdown?

Gerd Nettekoven: Das Traurige ist, dass wir diese Daten nicht haben, obwohl wir sie im Prinzip längst haben könnten. Und das ist schlimm. Die Deutsche Krebshilfe hat sich über viele Jahre für die Einrichtung klinischer Krebsregister eingesetzt und mitgeholfen, die Register in den Ländern aufzubauen. Das ist inzwischen sechs Jahre her, doch leider sind die Register bis heute nicht in der Lage, diese Daten zeitnah zusammenzuführen und auszuwerten. Das wäre für viele Fragestellungen, nicht nur in Zeiten der Pandemie, enorm hilfreich.

Warum gibt es keine zentrale Analyse?

Gerd Nettekoven: Das ist eine politische Aufgabe. Wir wissen, dass sich das Bundesgesundheitsministerium inzwischen sehr stark darum bemüht. Aber leider erst jetzt, obwohl im seinerzeitigen Gesetz vereinbart war, dass die Daten in einer zentralen Stelle zusammenlaufen und ausgewertet werden sollen. Dafür war sogar das Robert-Koch-Institut im Gespräch. Die Bundesregierung hat jetzt offensichtlich Daten von 2017 vorliegen, die uns aber im Zusammenhang mit Fragestellungen während der Pandemie nicht weiterhelfen. Das ist nicht zeitgemäß und bei jährlich 50.0000 Neuerkrankungen an Krebs nicht angemessen. Wir können ohne aktuelle klinische Daten keine adäquate Versorgungsforschung durchführen. Das ist unabhängig von der Pandemie ein Desaster für die Krebsforschung.

Die Regierung hat jüngst erklärt, für unterlassene dringliche Behandlungen seien vor allem Ängste der Patienten verantwortlich, die wegen des Infektionsrisikos den Gang ins Krankenhaus scheuten.

Gerd Nettekoven: Diese Aussage teilen wir nicht und sie ist auch nicht nachvollziehbar. Wenn in großen Kliniken Versorgungskapazitäten zurückgefahren werden, führt das natürlich dazu, dass weniger Patienten versorgt werden. Wenn 50.000 Krebsoperationen ausgefallen sind, dann hat das nichts damit zu tun, dass die Patienten nicht ins Krankenhaus gekommen wären. Auch sollte man den Patienten nicht pauschal irrationale Ängste unterstellen. Dennoch kann man nicht von der Hand weisen, dass Patienten auch sehr zurückhaltend waren, Kliniken oder niedergelassene Ärzte aufzusuchen aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren.

 

Gilt das auch für Vorsorgeuntersuchungen?

Gerd Nettekoven: Auch hier fielen zum Beispiel Mammografie-Untersuchungen aus. Es kann durchaus sein, dass einzelne Patienten bei Symptomen, die auf eine Krebserkrankung deuten könnten, aus Angst nicht ins Krankenhaus gegangen sind. Aber das ist sicher nicht der Hauptgrund für den Rückgang der Behandlungen. Und das ist sicher nicht dafür verantwortlich, falls jetzt in großer Zahl Erkrankungen zu spät diagnostiziert werden. Aber es ist richtig, dass Infektionsängste nicht dazu führen dürfen, dass Patienten Vorsorgetermine meiden. Wir raten unbedingt jedem, vorgesehene Früherkennungsuntersuchungen wahrzunehmen. Und bei unklaren Symptomen sollte man keinesfalls warten, den Arzt aufzusuchen. Kliniken und Praxen treffen hohe Sicherheitsvorkehrungen und agieren sehr hygienebewusst.

Welche Lehre müssen wir aus solchen Nebenwirkungen der Pandemie ziehen?

Gerd Nettekoven: Jeden Tag erhalten rund 1400 Patienten die Diagnose Krebs. Deshalb müssen wir unbedingt aus den Erfahrungen lernen – auch damit es im Fall einer zweiten Welle nicht noch einmal zu ähnlichen Folgen kommt. Selbstverständlich müssen für Covid-19-Patienten notwendige Versorgungsressourcen vorgehalten werden. Um aber auch Krebspatienten in solchen Situationen weiterhin adäquat behandeln zu können, sollte darüber nachgedacht werden, ob nicht Universitätskliniken oder andere große Kliniken, an denen Krebszentren angesiedelt sind, zumindest entlastet werden können. Auch an Krankenhäusern, die keine Krebszentren sind, ist die Versorgung von Corona-Patienten grundsätzlich sehr gut möglich. Wir halten eine bessere Abstimmung und Vernetzung der medizinischen Versorgungseinrichtungen in der jeweiligen Region für zwingend.

Zur Person: Gerd Nettekoven, 64, ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe, die 1974 von der Ärztin Mildred Scheel gründet wurde.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Ernährungswissenschaftlerin Nicole Erickson: Wie ernähre ich mich bei Krebs?

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