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23.01.2020

Christian Lindner auf der Traktor-Demo: Die FDP sucht nach neuen Wählern

FDP-Chef Christian Lindner würde seine Partei in den Umfragen gerne wieder deutlich über die Zehn-Prozent-Marke hieven.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Die Liberalen kommen in den Umfragen nicht vom Fleck. Nun will die Partei bei Arbeitern und Bauern punkten. Ist das die richtige Strategie?

Christian Lindner trägt gerne teure Uhren und fährt Porsche. Jetzt kündigte der FDP-Chef an, dass sich seine Parteifreunde vor den Werkstoren die Sorgen der Arbeiter anhören werden. Lindner tritt plötzlich auch bei den Traktor-Demos der Bauern auf und verteidigt sie gegen die Angriffe aus dem Öko-Lager. Er habe sich nie träumen lassen, einmal Vorsitzender einer Arbeiter- und Bauernpartei zu sein, sagte er Anfang Januar auf dem Dreikönigstreffen halb im Scherz. Doch die Absicht dahinter ist ernst.

Im ersten Moment klingt diese Strategie ein wenig verrückt. In den Augen von Wahlforscher Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts, ist sie das auch. „Diesen Ansatz halte ich für falsch. Die FDP bekommt Arbeiter und Bauern nicht. Sie ist die Partei der Besserverdienenden“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Da ist es also, das böse Wort, das sie bei den Freien Demokraten nicht mehr hören wollen: Besserverdienende – das klingt für sie nach kaltem Kapitalismus, nach Konzern-Managern und dem Recht des Stärkeren. Es ist der metallische Klang der Westerwelle-Jahre.

Forsa-Chef Güllner sieht das Problem bei Christian Lindner

Güllner meint mit Besserverdienenden hingegen Handwerksmeister mit eigener Firma, Familienunternehmer, Anwälte und Apotheker. „Die FDP muss sich um diesen Kern kümmern. Dann kommt sie auf zehn Prozent“, meint der Forsa-Chef. Das Problem Lindners sei, dass der Kern sauer und enttäuscht ist. „Die klassischen FDP-Wähler haben erwartet, dass ihre Interessen in der Regierung vertreten werden. Das ist dann nicht passiert“, erklärt Güllner. Die FDP hat die Abmachung mit ihrer Klientel gebrochen. Lieber gar nicht zu regieren als schmerzhafte Kompromisse akzeptieren zu müssen, hat sich als schwerer Fehler herausgestellt.

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Das ist der Grund, warum die Zeiten nicht rosig sind für die Liberalen. Dabei könnten sie durchaus rosig sein. CDU und SPD haben in der dritten Auflage der Großen Koalition massiv an Unterstützung verloren. Die SPD büßte seit dem Wahlsieg Gerhard Schröders 13 Millionen Stimmen ein. Die Wähler von Helmut Schmidt und Schröder kehrten den Genossen massenweise den Rücken. Doch von der Schwäche von Rot und vor allem von Schwarz profitiert die FDP nicht. Seitdem sie sich entschied, nicht mit Union und Grünen zu regieren, dümpelt sie in den Umfragen unter der Marke von zehn Prozent herum. Sie hat kein Thema, das verfängt. Die Grünen gewinnen mit dem Klimaschutz, die AfD mit der Ablehnung von Flüchtlingen.

Der Zeitgeist bläst der FDP ins Gesicht - aber auch andere Parteien bedienen ihn

Die früheren Wahlkampfschlager der FDP waren ein schlanker Staat, der Markt als bester Steuermann und niedrigere Abgaben. Doch der Zeitgeist weht in eine andere Richtung – zumindest was den Umfang des Staates und den Markt angeht. Angesichts fehlender Polizisten und Lehrer, kaputter Schulen und einer verspäteten Bahn darf Vater Staat wieder stark sein. Die Finanzkrise hat das Vertrauen in die Intelligenz der Märkte zerstört, der Mietenwahnsinn in den deutschen Städten tut sein Übriges.

Der FDP bleiben Steuersenkungen. Genügend Geld dafür wäre in der Staatskasse ob der stattlichen Überschüsse vorhanden. Doch das Thema hat die Partei nicht allein für sich gepachtet. Auch CDU und CSU dringen auf niedrigere Steuern.

Christian Lindner schwenkt zu Arbeitern - die Kernklientel der FDP schmollt

Weil die Kernklientel schmollt und die Klassiker der liberalen Lehre nicht mehr zünden, probiert Lindner den Schwenk zu Arbeitern und Bauern. Vor 20 Jahren wollte die FDP schon einmal „Partei für das ganze Volk werden“. Jürgen W. Möllemann versuchte, rechts stehende Wähler zu ködern, was auf Dauer nicht funktionierte. Für Parteien ist es schwierig, sich neue Wählergruppen zu erschließen, dabei glaubhaft zu bleiben und die traditionellen Bindungen zu pflegen.

In der SPD ist die Sorge vor der FDP die kleinste von allen, die die gebeutelten Sozialdemokraten dieser Tage haben. Solange die Liberalen unter dem Schlagwort „Politik der Mitte“ Spitzenverdiener und Menschen mit normalen Einkommen verwechsele, müsse sich niemand davor fürchten, dass die Wähler „in Scharen zur FDP wechseln“, erklärt das Willy-Brandt-Haus.

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