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Istanbul

16.06.2013

Claudia Roth nach Tränengas-Attacke: "Eine Jagd auf Menschen"

Bild: Oscar, afp

Istanbul durchlitt mit der Räumung des Gezi-Parks eine Nacht schwerer Gewalt. Mittendrin: Grünen-Chefin Claudia Roth. Sie beschreibt dramatische Szenen.

Tränengasgranaten explodieren. Die Polizei rückt mit Schild und Knüppel wie eine antike Legion in das Lager der Protestbewegung im Gezi-Park ein. Menschen fliehen in Panik, andere versuchen vergeblich auszuharren. Nach Signalen der Entspannung hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Großeinsatz der Polizei nun ganz auf Gewalt gesetzt.

Polizisten schießen mit Gummigeschossen oder feuern aus kurzer Distanz Tränengasgranaten gezielt auf die Körper von Menschen ab. Andere Polizisten stellen Flüchtenden nach, wie Augenzeugen berichten. Aus den wabernden Tränengasschwaden retten sich Demonstranten in umliegende Luxus-Hotels, die ihre Türen auch für die zahlreichen Verletzten öffnen und improvisierte Krankenstationen möglich machen.

Sogar bis in die Hotels stellt die Polizei den Demonstranten nach, während in mehreren Stadtvierteln heftige Proteste beginnen. Die Polizei habe auch in den Eingang des Divan-Hotels Tränengas abgefeuert, sagen Augenzeugen.

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Grünen-Chefin Claudia Roth erlebt Ausschreitungen hautnah

Das bestätigt auch Grünen-Vorsitzende Claudia Roth. Die Augsburger Bundestagsabgeordnete war am Samstag um kurz nach 18 Uhr in Isanbul angekommen, wie sie im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen erzählt. "Wir waren auf dem Taksim-Platz, alles war friedlich, wie bei einem Open-Air-Festival, einen großen Fest mit Musik und einem Frauencamp. Plötzlich haben die Polizisten ohne Warnung Trängengas auf den Platz geschossen. Damit hat eine Jagd durch die Stadt begonnen."

Seither ist Roth bei deutschen TV-Sendern und Online-Diensten dauerpräsent - und sie beschreibt dramatische Szenen. "Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengas-Granaten auf die Menschen", so Roth. "Die haben echt auf die Leute geschossen. Es war wie eine Jagd auf Menschen."

Auch sie selbst habe bitter brennendes Gas abbekommt. Schließlich habe sie sich ins Divan-Hotel geflüchtet, wo Ärzte Verletzte behandelten. "Die haben sogar ins Hotel Tränengas geschossen, wir haben gedacht, die wollen uns vergiften." Im Hotel wurden dann Ärzte festgenommen, die Verletzte behandelten: "Es gibt kein Menschenrecht, das da nicht verletzt worden ist."

Auch am Samstag sei die Lage weiter angespannt, so Roth. "Es riecht in der ganzen Stadt nach Tränengas und es gibt immer wieder Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ich habe das Gefühl, dass Erdogan drastisch eskaliert. Wir wissen nicht, was gleich passiert."

"Das ist nur der Anfang"

In Istanbul regiert die Wut über den Einsatz. "Damit hat Erdogan Öl ins Feuer gegossen", schreit eine junge Frau in der Nacht 50 Meter vor der Polizeiabsperrung am Taksim-Platz entfernt. Zehntausende demonstrieren wütend gegen die Räumung des Protestlagers. "Das ist nur der Anfang. Wir lassen uns jetzt keine Angst mehr machen", sagt die Frau.

In den Vierteln rund um den Taksim-Platz gibt es in der Nacht viele Zusammenstöße. Die Demonstranten - viele mit Helmen und Staubmasken ausgerüstet - versuchen, ihre Stellung zu halten und ihrer Wut Luft zu machen. Sie werden aber immer mehr in die kleinen Nebenstraßen abgedrängt. Anwohner öffnen ihre Türen, um Unterschlupf zu gewähren. Viele klopfen aus Protest auf Töpfe und Pfannen.

Die Protestbewegung hatte am Samstag entschieden, dass die Proteste fortgesetzt werden, weil wesentliche Forderungen wie eine Bestrafung der Verantwortlichen für Polizeigewalt nicht erfüllt seien. Erdogan dagegen suchte einen Kompromiss nur über den Gezi-Park. Mit der Räumung habe er nun eine Demonstration seiner Macht beabsichtigt, sagen Mitglieder der Protestbewegung. Seine Taktik, die Demonstranten gewaltsam zum Schweigen zu bringen, werde aber nicht aufgehen. drs, ak, dpa

Demonstration in Istanbul
21 Bilder
Auf dem Taksim-Platz regiert die Gewalt
Bild: dpa, afp
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