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China

15.12.2020

Corona: Alles wieder normal im damaligen Epizentrum Wuhan?

Gut ein Jahr nach dem Ausbruch gilt das Coronavirus in China als so gut wie besiegt. Selbst in der besonders betroffenen Metropole Wuhan ist von Krise kaum noch etwas zu spüren.
Bild: Mark Schiefelbein, AP/dpa

Plus Vor fast genau einem Jahr schockierten Bilder aus der chinesischen Millionen-Metropole die Welt. Sie war Epizentrum der Corona-Pandemie. Heute ist das dort schon fast vergessen.

Wie jeden Morgen grüßt Dong Haokun beiläufig den alten Pförtner am Eingangstor, ehe er in schnellen Schritten den mit Werbung zugepflasterten Fahrstuhl betritt. Im 28. Stockwerk angekommen, sperrt der 37-Jährige die Metalltür seines Tanzstudios auf. Sonnenstrahlen fallen durch die bodentiefen Fenster in den großen Raum. Dong Haokuns Blick reicht von der geschäftigen Jianghan-Straße bis hin zum Ufer des Jangtse-Flusses. „In Wuhan bin ich geboren und aufgewachsen, und hier habe ich auch studiert“, sagt Dong, während er mit kerzengrader Haltung auf die Dächer der Stadt blickt.

Dass Wuhan vor einem Jahr zum Synonym für die Corona-Pandemie wurde, scheint in diesem Moment ein abstrakter Gedanke zu sein. Eine Erinnerung an eine fast schon ferne Vergangenheit. Während Deutschland Wochen eines sogenannten harten Lockdowns bevorstehen, liegt die letzte registrierte Infektion in Wuhan mehrere Monate zurück. In den Flaniermeilen, Einkaufszentren und Nachtmärkten der Elf-Millionen-Metropole geht wieder alles seinen Gang. Auch das Leben von Tanzlehrer Dong Haokun wird von ganz gewöhnlichen Alltagspflichten bestimmt: In wenigen Minuten strömen die ersten Kundinnen in sein Studio, um sich von ihm in orientalischem Bauchtanz unterrichten lassen.

Wuhan war ein anderes Wort für Corona-Pandemie

Angesichts dieser Lage, dieses „Normalzustands“, wirken die Berichte aus der zentralchinesischen Stadt vom Januar geradezu surreal: Bilder von erschöpften Ärzten gingen um den Globus. Bilder offener Leichensäcke in überfüllten Krankenhausgängen. Bilder von Menschenmengen in Panik vor der neuartigen Lungenerkrankung Covid-19. Wuhan fehlt in keiner Rückschau auf dieses Jahr: Am 9. Januar ist dort erstmals ein Mensch am Coronavirus oder dessen Folgen gestorben. Am 23. Januar wurde die Metropole unter Quarantäne gestellt.

In der darauffolgenden Zeit hat wohl keine Bevölkerung einen derart drastischen Lockdown über sich ergehen lassen müssen wie die von Wuhan: Mehrere Wochen lang waren die damals noch in der Stadt verbliebenen sechs Millionen Einwohner in ihren Wohnungen regelrecht eingesperrt. Weder Busse noch Autos fuhren mehr, sämtliche Autobahnzufahrten wurden abgeriegelt. Das öffentliche Leben kam zum völligen Stillstand. Wuhan, eine Geisterstadt.

Nach Angaben der Johns Hopkins Universität gab es in China bislang fast 94.500 Infizierte, mehr als 50.000 allein in Wuhan. Deutschland steuert auf die 1,5 Millionen zu.

Tanzlehrer Dong aus Wuhan. Für ihn war der Lockdown eine dunkle Zeit.
Bild: Fabian Kretschmer

Aber wie blicken Wuhaner knapp ein Jahr später auf das Jahr zurück? Dong Haokun atmet einmal tief durch, bevor er mit besonnenen Worten antwortet. „Jeden Morgen war damals das erste, das wir taten: die Anzahl an Neuinfektionen nachschauen. Und wie viele Leute gestorben sind.“ Doch irgendwann sei ihm klar geworden, dass das Leben trotz allem weitergehen müsse. Yoga und Meditationsübungen hätten ihn beruhigt, mit einem zweiten Standbein als Online-Devisenhändler konnte er während des Lockdowns sogar ein wenig dazu verdienen. Das klingt wesentlich leichter und einfacher, als es war. Dong Haokun spricht jetzt von einer dunklen Zeit, die Narben hinterlassen habe. Seine 90-jährige Großmutter erlitt Anfang März einen Herzinfarkt, seither ist sie regungslos ans Bett gefesselt. „Wie eine Pflanze“, sagt er. „Ich bereue es, sie zuvor nicht noch einmal gesehen zu haben. Ich kann mir nicht mal sicher sein, ob sie mich heute überhaupt noch erkennt.“

Viele Wuhaner glauben staatlicher Propaganda über Kampf gegen Corona

Schatten und Licht. In Wuhan liegt das dicht beieinander. Einen Steinwurf von Dongs Tanzstudio entfernt, zeigt sich die selbst für China eher unscheinbare Industriestadt von ihrer charmantesten Seite: Im Kolonialviertel werden die begrünten Gassen von Art Deco-Gebäuden und Streetart-Kunstwerken gesäumt, am Flussufer des Jangtse lassen Senioren bunt bemalte Drachen steigen. Und im Geschäftsviertel des Bezirks Hankou ziehen hunderte Baukräne neue Wolkenkratzer in den Dezemberhimmel. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die geschlossenen Ladenzeilen mit Geschäften, die den Lockdown nicht überlebt haben.

„Letztes Jahr hatten wir noch feste Ziele und Träume im Leben, aber jetzt geht es erst mal ums Überleben“, sagt der 20-jährige Wang Jun, ein schlaksiger junger Mann, der sich vor allem für amerikanischen Basketball, deutsche Sportwagen und ausgefallene Turnschuhe interessiert. Kurz vor dem Lockdown hat Wang seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker abgeschlossen, im Sommer hätte er für seinen zweiten Abschluss an die Fachhochschule Stralsund kommen sollen. Die Pandemie hat einen Strich durch seine Rechnung gemacht. Und nicht nur ihm. Viele seiner Freunde, die ebenfalls nach Europa wollten, mussten ihre Pläne aufgeben. „Einige haben sich in der Zwischenzeit von der Armee verpflichten lassen“, sagt er.

Wang Jun hat mit seiner Freundin im Souterrain eines englischen Jugendstilhauses ein hippes Wohnzimmer-Café eröffnet. Die beiden bieten Latte Macchiato und Franziskaner-Weißbier an. Einige ihrer Gäste kommen vor allem wegen „Mao Mao“, „Xiaodi“ und „Boss“ – drei ehemaligen Straßenkatzen. Während Wang Jun Nürnberger Bratwürste zubereitet und von seinem Lieblings-Basketballteam „Golden State Warriors“ erzählt, sagt er auch beiläufig: „Durch den Lockdown haben wir gesehen, dass das chinesische System sehr gut darin ist, eine Pandemie zu meistern. Viele Ausländer reden zwar von Freiheit, und dass sie jeden Tag raus müssen. Aber das Ergebnis ist, dass man so das Virus eben nicht kontrollieren kann.“

Er steht bei weitem nicht alleine mit dieser Meinung da. In fast jedem Land der Welt büßte die chinesische Staatsführung im Corona-Jahr an Sympathiepunkten ein, innerhalb der eigenen Landesgrenzen konnte sie ihre Stellung weiter festigen – wegen, nicht trotz der Pandemie.

Eine Ärztin sagt: Das Denken der Menschen hat sich verändert

Ein Jahr nach Ausbruch des Coronavirus lässt sich festhalten, dass Chinas Regierung mit drastischen, aber effizienten Maßnahmen das Infektionsrisiko massiv gesenkt hat. Seit Monaten registrieren die Behörden nur vereinzelte Ansteckungen, die sofort durch gezielte Lockdowns und Massentests lokal eingegrenzt werden können. Darauf ist man in China stolz: Man habe schließlich mit Disziplin und Gemeinschaftssinn zum Erfolg erheblich beigetragen. So denken sehr, sehr viele in Wuhan.

Gleichzeitig jedoch zeigen die Lobeshymnen auf das eigene System, wie gut die staatliche Propaganda und der Zensurapparat funktionieren. Denn den Herrschenden ist es nicht bloß gelungen, die Pandemie zu kontrollieren. Ihnen ist es zudem gelungen, ihre Sicht der Dinge in den Köpfen der Menschen zu verankern: Wuhans Kampf sei eine Erfolgsgeschichte, ohne Wenn und Aber. Erzählt wird diese Geschichte zum Beispiel eine halbe Autostunde nördlich von Wuhans Stadtzentrum in einem überdimensionalem Messezentrum.

„Bitte sprechen Sie nicht mit den Leuten, Interviews sind verboten“, sagt die Frau am Eingang, nachdem sie das Journalistenvisum des ausländischen Korrespondenten inspiziert hat. Was in den Fußballfeld-großen Ausstellungsräumen folgt, ist eine perfekt choreografierte Inszenierung der Kommunistischen Partei Chinas, die sich als Retter des Volks darstellt. Besucher begrüßt ein überdimensionaler Staatschef Xi Jinpinhaokung, sein Konterfei ist dann alle paar Meter zu sehen. Zwischen Krankenhausbetten, Rettungswagen und dokumentarischen Fotos lugt immer auch die Fahne der Partei hervor. Auf Informationstafeln steht: Die Partei mit Xi an der Spitze habe den „historischen“ Kampf gegen die Epidemie „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ geführt. „Der strategische Erfolg hat die starke Führung der Kommunistischen Partei Chinas und die bedeutsamen Vorteile des sozialistischen Systems weiter gefestigt“, heißt es.

Eine Art Corona-Museum samt Propaganda-Schau: Westliche Besucher können sich über so etwas nur wundern und fassungslos das Messezentrum wieder verlassen.

Dass die Regierung zu Beginn der Pandemie Virusproben vernichten ließ und kritische Ärzte mit einem Maulkorb versah, wird in der Ausstellung mit keinem Wort erwähnt. Kein Wort auch über die Bürgerjournalisten, die lediglich aufgrund ihrer Berichterstattung über die Pandemie in Wuhan seit Monaten in Gefängniszellen ausharren müssen.

„Natürlich hat die Regierung nach dem Lockdown das Virus erfolgreich eingedämmt, aber dennoch ist eine solche Ausstellung nichts weiter als eine vereinfachende Heldengeschichte“, sagt Sozialarbeiterin Guo Jing, die noch nicht lange in Wuhan lebt. Dass der Staat die Geschichtsschreibung über den Kampf gegen Covid-19 vollständig kontrollieren würde, glaubt die 29-Jährige gleichwohl nicht: „Die persönlichen Erfahrungsberichte, die die Menschen in sozialen Medien veröffentlicht haben, werden nicht aus dem Gedächtnis verschwinden. Viele Geschichten haben trotz der Kontrolle und Zensur einen Weg ins Internet gefunden“, sagt sie.

Guo Jings „Wuhan Tagebuch“ zählte zu den populärsten Berichten von Stadtbewohnern: In 77 Einträgen mit fast 80.000 Wörtern hat sie die Zeit vom 23. Januar bis zum 8. April festgehalten. „Ich wusste nicht, was zu tun ist, als ich aufwachte und vom Lockdown erfuhr“, beginnt der erste Eintrag. „Freunde haben mir dazu geraten, meine Vorräte aufzustocken. Reis und Nudeln sind beinahe ausverkauft.“

Die Nebenwirkungen des Lockdowns sind groß

Nahezu ein Jahr später erzählt die Aktivistin von den gesellschaftlichen Nebenwirkungen jener Zeit: „Der Lockdown hat meiner Meinung nach Frauen viel stärker getroffen – angefangen bei den Haushaltspflichten und der Kinderbetreuung, die meist bei den Frauen hängen blieb“, sagt Guo. Auch wenn es keine belastbaren Zahlen zu dem Thema gebe, habe im Frühjahr auch die häusliche Gewalt deutlich zugenommen. Ungezählte Ehefrauen seien während des Lockdowns ihren gewalttätigen Partnern hilflos ausgeliefert gewesen, und ungezählte Nachbarn hätten das Problem schlicht als Privatangelegenheit ignoriert. Mit Online-Veranstaltungen hat Guo Jing versucht, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Gemeinsam mit Bekannten haben sie Handbücher in der Nachbarschaft verteilt, um über Notrufhotlines zu informieren. Ob oder wie erfolgreich sie waren, können sie schwer einschätzen.

Eines lässt sich dagegen sagen: Das Gefangensein in den eigenen vier Wänden gehört in Wuhan der Vergangenheit an. Ebenso, dass Krankenhäuser im Katastrophenmodus arbeiteten. Sie operieren inzwischen wieder im Normalbetrieb, wie ein Besuch in einem Universitätsspital im Süden der Stadt zeigt. Ein einzelner Pförtner mit roter Armbinde kontrolliert die „Corona-App“ der Besucher, in der Eingangshalle warten dutzende Patienten dicht an dicht gedrängt auf ihre Wartenummer.

Eine Ärztin führt in ihr Büro. Dort stapeln sich Geschenkpakete, die sie von Patienten nach wie vor erhält. Noch im Frühjahr musste die Frau, sie ist Ende 50, regelmäßig über Tod und Leben entscheiden. Alles wieder normal? Sie sagt: „Die Pandemie hat das Denken der Leute stark verändert.“ Sie erklärt das an ihrem Verhalten: „Freunde, die ich zuvor nur einmal im Jahr gesehen habe, rufe ich nun regelmäßig an. Auch mit meinen Kollegen treffe ich mich oft und weiß das zu schätzen. Und die Blume am Wegesrand, die ich wohl früher ignoriert hätte, schaue ich mir mittlerweile mit voller Aufmerksamkeit an.“

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