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Corona-Desaster: Die Populisten lassen die Masken fallen

Corona-Desaster: Die Populisten lassen die Masken fallen
Kommentar Von Michael Stifter
24.07.2020

Ein Virus lässt sich von Machtgehabe und Schimpftiraden nicht beeindrucken. Doch es wäre ein Fehler, Trump, Johnson oder Bolsonaro mit Besserwisserei zu begegnen.

Es ist einfach, nun mit einer Wir-haben-es-doch-immer-schon-gesagt-Attitüde auf die politischen Aufschneider dieser Welt herabzuschauen. Auf Donald Trump, der glaubte, das Coronavirus mit dem üblichen Rezept aus Aggression, Lügen und Ignoranz besiegen zu können. Der nun erklären muss, warum in den USA fast 150.000 Menschen gestorben sind. Auf Boris Johnson, der überheblich auf die drastischen Maßnahmen in Europa schaute – und erst einmal gar nichts tat. Der später selbst auf der Intensivstation landete und Großbritannien zum Corona-Hotspot Europas werden ließ. Auf Jair Bolsonaro, der breitbeinig tönte, die Brasilianer würden dem Virus wie Männer gegenübertreten. Der über Schutzmasken lachte, sich selbst ansteckte und nun verantworten muss, dass sein Land zum Epizentrum der Pandemie in Südamerika wurde.

 

Dass radikales Geschwätz keine Probleme löst, wussten wir schon

Doch nicht nur die menschlichen Tragödien hinter den Statistiken verbieten jede Art von Besserwisserei. Es bringt auch einfach nichts, die Beweisführung antreten zu wollen, dass populistisches Geschwätz keine Probleme löst. Das wussten wir auch schon vorher. Das wissen sogar die meisten Wähler radikaler Parteien. Abgesehen davon sind deren Anhänger für Fakten oder Argumente ohnehin kaum zugänglich. Und so ist es längst nicht sicher, dass der weltweite Siegeszug des Populismus tatsächlich dem Virus zum Opfer fällt.

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Ja, das Versagen der demaskierten Egomanen mag dem einen oder anderen die Augen geöffnet haben. Die heraufziehende Wirtschaftskrise, die Existenzangst von Millionen Menschen könnten aber genauso gut zum nächsten Konjunkturprogramm für die Vereinfacher und Hetzer werden. Was also können wir aus diesem Drama lernen?

In erster Linie sollten wir uns fragen, warum die plumpen Auftritte von Männern wie Trump, Johnson oder Bolsonaro auf derart fruchtbaren Boden fallen. Dass die giftige Saat aufgeht, hängt vor allem mit einer tief sitzenden Politikverdrossenheit zusammen. Zu viele Menschen haben tatsächlich das Gefühl, dass ihre persönlichen Sorgen und Nöte für das Regierungshandeln keine besondere Rolle spielen. Dass es nur um Macht geht, um Karrieren, Eitelkeiten oder um Profit. Sie sind empfänglich für Leute, die ihnen versprechen, endlich mal richtig aufzuräumen. Die Tabus brechen und Diplomatie für Teufelszeug halten.

Populisten nutzen den Boden, gedüngt wird er auch von anderen

Populisten nutzen diesen Boden. Gedüngt wird er aber auch von anderen. Von Staatschefs, die mehr mit Stimmungen als mit Inhalten Politik machen. Nehmen wir den EU-Gipfel, auf dem es manchem nach dem Verhandlungsmarathon weniger um das Ergebnis ging als darum, dieses Ergebnis als persönlichen Triumph zu verkaufen. Den Boden für Populisten bereiten aber auch Koalitionen, die sich jahrelang mit Kleinigkeiten aufhalten, anstatt die großen Probleme anzugehen. Nehmen wir den irren Dauerstreit um den aufgeblähten Bundestag, in dem jede Partei nur auf ihren eigenen Vorteil aus ist. Auch die Medien sollten sich hinterfragen, ob jede Debatte zum großen Zoff stilisiert werden muss, weil das mehr Aufmerksamkeit bringt. Unsere Aufgabe ist es, Missstände aufzudecken, politisches Kalkül zu enttarnen, aber eben nicht, Skandale und Probleme herbeizuschreiben.

Es geht gerade ums Wesentliche - das spüren viele Menschen

Corona kann zum Wendepunkt unserer Zeit werden. Es geht gerade ums Wesentliche – das spüren viele Menschen. Die Welt verändert sich und wir haben durchaus Einfluss darauf, wie sie künftig aussehen wird. Populisten sind nicht mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Man muss ihnen den Boden entziehen. In den vergangenen Monaten hat Politik gezeigt, wozu sie in der Lage ist, wenn es darauf ankommt. Der Anfang ist gemacht.

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Die Diskussion ist geschlossen.

28.07.2020

>>So weit mir bekannt ist Herr Kamm, sind Sie kein Sprachwissenschaftler. Bin ich auch nicht. Aber mit dem großen Latinum fühle ich mich in der Lage einige Ableitungen "abzuleiten".<<

Stimmt, ich bin kein Sprachwissenschaftler und mein großes Latinum ist über ein halbes Jahrhundert alt.

Doch ernsthaft. Sprache ist lebendig und wird immer neu definiert. Reine Ableitungen helfen nicht weiter.

Hier ein paar Zitate von zwei Sprachwissenschaftlern.

1. Ekkehard Felder, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Heidelberg, im Interview der ZEIT:

"ZEIT ONLINE: Herr Felder, woran erkenne ich einen Populisten?
Ekkehard Felder: An bestimmten Redestrategien. Populistisches Sprechen schürt Angst, grenzt aus und homogenisiert die Vielfalt der Interessen und Ideen.
...
ZEIT ONLINE: Das Wort Populismus geht zurück auf das lateinische Wort populus. Hat Frauke Petry also recht, wenn sie sagt, Populismus sei kein Schimpfwort, sondern "eine Politik für das Volk"?
Felder: Populismus meint etwas wie Volksnähe, ist aber heute negativ konnotiert. Um die Bedeutung vieler Worte gibt es eine Art Wettkampf. Wir können sie umdeuten, indem wir sie anders verwenden. Das ist zum Beispiel bei "schwul" passiert, das früher noch als Schimpfwort galt und heute als positive Selbstbezeichnung verwendet wird. Diese Umdeutungen sind legitim und strategisch gar nicht unklug. Bei Frauke Petrys Äußerung funktioniert das allerdings nicht, weil Populismus im Deutschen noch übermäßig negativ konnotiert ist.
5.8.18 https://www.zeit.de/politik/2018-07/rhetorik-populismus-sprache-wissenschaft-erkennen/komplettansicht


2. Über Martin Haase, der romanische Sprachwissenschaft in Bamberg lehrt, in der FAZ:

Populismus "drückt sich in einer eigenen Sprache aus, die mit Bedeutungsverschiebungen und Umdeutungen arbeitet. Das wohl populärste Beispiel ist der allgegenwärtige "Gutmensch", der sich vermutlich vom französischen "Bonhomme" ableitet und ursprünglich so viel wie "Naivling" bedeutet. Doch im Populismus werden die Gutmenschen zu den eigentlich Bösen, weil sie "politisch korrekte" Sprache verwenden." ...

"Überhaupt zeigen Populisten wenig Berührungsängste mit historisch belasteten Wörtern. Ein bekanntes Beispiel ist die Forderung von Frauke Petry, die den Begriff "völkisch" gerne entlasten und in die Alltagssprache zurückführen möchte. Allerdings war er dort nie: Er war als deutsche, also entlatinisierte Variante des Begriffes "national" eingeführt worden und machte um 1940 herum Karriere in antisemitischen Kreisen, die damit all das bezeichnen wollten, was nicht jüdisch war."
2016-12-29 https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/analyse-der-sprache-von-populisten-14595386.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Raimund Kamm

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25.07.2020

Vielleicht sollte man sich mal an den Ursprung des Wortes erinnern (ist eigentlich nicht schwer). Populus=das Volk. Populistisch heißt demnach "volksnah". Obwohl dass Volk in einer Demokratie der Souverän sein sollte, kann sich dieser auch mal irren. Aber auch das Gegenteil ist möglich - deswegen ist es grundfalsch den Begriff des Populismus per se negativ zu besetzen.

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25.07.2020

>>Vielleicht sollte man sich mal an den Ursprung des Wortes erinnern (ist eigentlich nicht schwer). Populus=das Volk. Populistisch heißt demnach "volksnah".<<

„Populistisch“ ist nicht das Fremdwort für volksnah oder beliebt. Mit populistisch wird in der Politik ein Vorgehen bezeichnet, dass vorrangig auf Beifall und Zustimmung aus ist, um die politische Macht zu bekommen. Dies zeigt sich dann in der Themenwahl und der Rhetorik.

Das Gegenteil zu populistisch ist ehrlich.

Wortbedeutungen ändern sich. Was unter populistischer Politik verstanden wird, wurde in den letzten Jahren durch die Beispiele Jörg Haider, der sich volkstümlich gab, unbezahlbare Wahlversprechen machte und damit Macht und Geld erlangte, bestimmt. Auch das Ibiza-Video mit H: Strache, in dem dieser zeigte, wie skrupellos und korrupt er handeln wollte, um mehr Macht zu erlangen, prägt unser Verständnis von Populismus. Natürlich auch die Beispiele von Boris Johnson und Donald Trump. Und all die genannten Politiker geben sich volkstümlich, wettern gegen die „da oben“ und leben einen abgehobenen Lebensstil.

Hingegen wollen Demokraten Politiker, die Werte vertreten, wie sie in unserer Verfassung ausgedrückt werden, die nicht abgehoben handeln und dennoch den Mut haben, auch unpopuläre Dinge anzusprechen und zu vertreten.

Raimund Kamm


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27.07.2020

Herr Kamm, Sie schielen immer auf die Parteien (AfD usw.), die nicht einverstanden sind mit der Politik von großen Machthabern (CDU/CSU/SPD). Dann werden Sie wohl eine Frage beantworten können, wie viel haben diese kleine Volksparteien an Geld veruntreut? Garn nichts.
Nehmen wir ein Beispiel von Ursula v.d.L.(CDU). Viele Millionen veruntreut und bekommt dann die Stelle bei EU Parlament. Oder Wirecard aktuell. Die Frau Merkel hat vor kurzem sogar dafür geworben bei ihrer Auslandsreise. Und jetzt bleiben 2,0 Mrd. € offen, geprellte Anleger und arbeitslose Belegschaft. Und keiner will schuldig sein, weder SPD noch die CDU.
Das Projekt Berliner Flughafen, Milliarden von Euros sind irgendwo versickert.
Das CSU Projekt Stadt Theater Augsburg, den kein Mensch braucht, aber dafür die Umbau von Bahnhof zu stoppen, weil kein Geld mehr da ist.
Und es geht so weiter. Kein Mensch in Deutschland möchte für Italien, Spanien und Portugal mit 1,8 Billionen€ haften, weil diese Länder bis heute leben wie die Götter. Aber unsere Volksparteien mit Frau Merkel sind andere Meinung. Ist das Populismus, Ehrlichkeit oder Diktatur?

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27.07.2020

@ Herr R. Kamm,

So weit mir bekannt ist Herr Kamm, sind Sie kein Sprachwissenschaftler. Bin ich auch nicht. Aber mit dem großen Latinum fühle ich mich in der Lage einige Ableitungen "abzuleiten". Und populistisch sei das Gegenteil zu ehrlich - na ja ist zwar im Web gelegentlich zu lesen, aber ich setze da einige "??" dahinter.

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24.07.2020

Der Ausdruck Populist ist abgedroschen
Mittlerweile holt der Audruck Populist niemanden mehr hinter dem Ofen her. Viele Bürger mussten leidvoll im eigenen Land erfahren, dass das alleinige Nachdenken oder kritische Hinterfragen sie bereits zum Populisten machte. Und nun werden genau diese Bürger in den selben Sack, zusammen mit Trump, Bolsonaro oder dem englischen Premier, geworfen. Irgendwie kann d was nicht stimmen. Was ist ein Populist? Es scheint, als wäre es der, der dem gewünschten Mainstream nicht passt. Und genau das führt zu einem ideologischen Denken. Sicherlich passe auch ich in das Klischee des Populisten, weil ich entgegen der Politikermeinung für Volksabstimmung nach schweizer Vorbild bin. Ergo: Ist auch die von keinem bezweifelte Demokratie der Schweiz nichts anderes als schnöder Populismus. Mit dem Ausdruck Populismus sollte man nicht unüberlegt um sich schlagen. Schlagwörter haben die Eigenschaft, sich abzunutzen.

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25.07.2020

Eine m. E. zutreffendere Definition von Populismus ist: "Dem Volk wider besseres Wissen nach dem Mund reden. Also die Reduzierung politischer Aussagen auf Stammtischniveau".
Sie, Herr EBERHARD S., gehören sicher nicht in diese Kategorie. Viele Aussagen bei den Veranstaltungen zum Politischen Aschermittwoch schon. Auch die redaktionelle Grundausrichtung der BILD.
Eine besonders typische populistische Aussage - leider so überzogen populistisch, dass sie geradezu dämlich rüberkam - war die von Scheuer, ein Tempolimit auf Autobahnen sei „gegen jeden Menschenverstand gerichtet" . . .

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25.07.2020

>> ... Klischee des Populisten, weil ich entgegen der Politikermeinung für Volksabstimmung nach schweizer Vorbild bin.<<

Das sehe ich anders.

Volksabstimmungen gehören zur Demokratie. Als ich Politiker war, haben wir in Bayern erfolgreich für den Bürgerentscheid auf kommunaler Ebene uns eingesetzt. Auch für eine Erleichterung der Volksentscheide in Bayern. Immer und immer wieder haben wir auch den Volksentscheid auf Bundesebene thematisiert. Dafür haben wir über den Artikel 20 unseres Grundgesetzes beleuchtet. Dort heißt es im Absatz 2: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ... ausgeübt."

Ich habe mich leider erfolglos auch dafür ausgesprochen, dass wir nach der Wiedervereinigung über unser Grundgesetz per Volksentscheid abstimmen. Auch über unsere Integration in die Europäische Union hätten und sollten wir mittels Volksentscheid abstimmen. Das halte ich wahrlich nicht für Populismus sondern für direkte Demokratie bei ganz grundsätzlichen Entscheidungen.

Dann müsste man natürlich festlegen, welche Entscheidungen auf Bundesebene per Volksentscheid getroffen werden können. Wenn die Deutschen hätten abstimmen können, wären vermutlich in unserem Land keine Atomkraftwerke gebaut und keine Atomwaffen wie Pershing II und Cruise Missiles stationiert worden.

Natürlich wird man bei Volksentscheiden ähnlich wie in den Parlamenten auch mit Populisten und gar Demagogen zu tun bekommen. Dieser Herausforderung müssen sich Demokraten immer stellen.

Raimund Kamm

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