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Völkermord

23.11.2017

Das letzte Urteil: Lebenslang für Mladic

Der Kriegsverbrecher Mladic beschimpft das Gericht, noch ehe er den Urteilsspruch gehört hat. Darauf wird er aus dem Saal gebracht.
Bild: ICTY, AP, dpa

Die Verbrechen auf dem Balkan sind jetzt juristisch aufgearbeitet. Doch Trauer und Unverständnis über das Grauen bleiben

Das UN-Tribunal für Jugoslawien hat Ratko Mladic, genannt „Schlächter vom Balkan“, zu lebenslanger Haft verurteilt. 22 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges geht damit die rechtsstaatliche Aufarbeitung der schlimmsten Massenmorde seit 1945 zu Ende.

Wer das Leid dieser Jahre zwischen 1992 und 1995 noch einmal erspüren will, darf an diesem Mittwoch nicht im Gerichtssaal des Internationalen Strafgerichtshofes Platz nehmen. Denn nebenan, in einem eigenen Raum mit Direktübertragung, sitzen sie, die Frauen von Srebrenica. Jede von ihnen hat mindestens einen nahen Angehörigen verloren, damals im Juli 1995, als Ratko Mladics Serben-Truppe 8000 bosnische Muslime gefangen nahm und ermordete. Einige der Zeugen und Beobachter sind aus Sarajewo gekommen, der bosnischen Hauptstadt, die in jenen Kriegsjahren unter Dauerbeschuss von serbischen Scharfschützen lag. Rund 10000 Menschen verloren dort ihr Leben. Allein am schlimmsten Tag der Belagerung fielen rund 4000 Granaten auf die einstige Olympiastadt.

„Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu einer lebenslangen Haftstrafe“, sagt der Vorsitzende Richter, der Niederländer Alphons Orie, an diesem Mittwoch. Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen hat die Anklage aufgelistet. Ein weiteres, vielleicht letztes Mal bäumt sich der inzwischen 75-jährige Mladic auf, schreit „Sie lügen, Sie lügen“ in den Saal, wird von Sicherheitsleuten abgeführt. Den Urteilsspruch bekommt er später zu hören.

„Die Strafe fühlt sich richtig an, aber die Trauer macht es nicht leichter“, sagt die 63-jährige Mrija nach dem Richterspruch. Sie stammt aus Sarajewo. Ihr Mann wurde von Mladics Schergen erschossen, ihre Tochter nahm sich das Leben, nachdem sie in einem der von den Serben eingerichteten Vergewaltigungslager monatelang missbraucht worden war. Ihr Sohn starb als Widerstandskämpfer. „Ich wollte es dennoch sehen. Ich musste wissen, dass es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt.“

Fünf Jahre hatte sich der Prozess hingezogen, immer wieder unterbrochen von Anträgen der Verteidigung, die sogar ein Ende des Verfahrens forderte, weil Mladic nach mehreren Hirnschlägen und zwei Infarkten vor seiner Verhaftung 2011 und einer Krebsbehandlung 2009 angeblich nicht verhandlungsfähig sei. Gestern beantragt Mladics Anwalt, die Verlesung des Urteils abzukürzen, da der Serbe unter extremem Bluthochdruck leide.

Doch die Richter lassen sich nicht beeindrucken und wickeln den Prozess bis zum Schluss ordnungsgemäß ab. Es ist ihr letztes großes Verfahren. Nach 24 Jahren stellt der Gerichtshof nun seine Arbeit ein, eine stark verkleinerte Instanz soll eventuell noch laufende Berufungen abwickeln – dazu dürfte wohl auch noch die von Ratko Mladic gehören.

Reue oder gar Buße – darauf haben die Angehörigen der Opfer vergeblich gewartet. „Ich schlafe ruhig“, teilte Mladic einen Tag vor dem Urteil einer Belgrader Boulevard-Zeitung mit. Vor Gericht äußerte er sich wenig, seine Verteidiger bemühten sich, die vorgelegten Beweise zu zerpflücken und die 377 Zeugen zu verunsichern.

Dabei waren die Belege gegen den obersten General der serbischen Armee erdrückend. Am Tag vor dem Massaker von Srebrenica ließ sich Mladic von einem Kameramann begleiten und sagte in die Mikrofone: „Die Zeit ist gekommen, an den Muslimen Rache zu nehmen.“ Die Angriffe auf Sarajewo befahl er mit den Worten: „Beschießt sie, bis sie wahnsinnig werden.“

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