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Ein Jahr Corona

22.01.2021

Der Katastrophe erster Teil: Als das Coronavirus in Deutschland auftauchte

Plötzlich bundesweit bekannt: In Stockdorf im Landkreis Starnberg ist erstmals eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt worden.
Foto: Peter Kneffel, dpa

Plus Ende Januar 2020 steckt sich ein Mann aus Kaufering mit Corona an. Er arbeitet bei Webasto in Stockdorf. Wie das die Gemeinden verändert hat und wie es "Patient 1" heute geht.

In Stockdorf ist das Virus schon angekommen, da hat es noch nicht mal einen Namen. Es ist Ende Januar 2020, an jedem Tisch im Konditorei-Café Harter sitzen Journalisten. Sie hacken auf ihre Laptops ein, stark geschminkte Moderatorinnen üben ihre Sätze für die Nachrichten, Kameraleute nutzen das Café im Zentrum des Münchner Vororts als Wärmestube nach Stunden in der Kälte. Die Konditorei Harter gibt es seit 1905, doch so einen Auflauf hat sie noch nicht erlebt. Aber in Stockdorf ist vorher auch noch nie eine Pandemie ausgebrochen. Ludwig Harter kommt damals sogar in der New York Times vor.

Ein paar hundert Meter die viel befahrene Ortsdurchfahrt hinunter steht der Hauptsitz des Automobilzulieferers Webasto, komplett verglast, so groß wie kein anderes Gebäude in dem 4000-Einwohner-Ort. In der Weltwirtschaft kennt man das Unternehmen als Spezialist für Schiebedächer. Für Laien ist es die Corona-Firma. Der Arbeitsplatz des Patienten Nummer 1, positiv getestet am 27. Januar 2020. Wie damals schnell bekannt wird, stammt er aus Kaufering im Kreis Landsberg. Am Ende werden 16 Webasto-Mitarbeiter und Angehörige in Stockdorf infiziert sein, angesteckt von einer Kollegin aus dem chinesischen Wuhan, die ihre Müdigkeit und Erschöpfung dem Jetlag nach ihrem langen Flug zugeschrieben hatte. Ein Irrtum.

Seit Beginn der Pandemie gehört Bayern zu den Bundesländern mit den höchsten Infektionszahlen

Nicht nur wegen Corona, aber auch deswegen, schreibt Webasto 2020 rote Zahlen. Die bayerischen Infektionszahlen sind lange sogar dunkelrot. Seit Beginn der Pandemie gehört der Freistaat zu den Bundesländern mit der höchsten Inzidenzzahl. Stieg die Anzahl der Infektionen in ganz Deutschland, stieg sie in Bayern noch schneller. Die Gründe dafür sind bis heute nicht ganz erforscht. Fakt ist: In Bayern hatte das Virus schlicht einen Vorsprung, bevor sich in anderen Bundesländern einschlich. Noch dazu hat Bayern viele Außengrenzen, nirgendwohin pendeln so viele Arbeitnehmer aus den Nachbarländern. Mehr als 10.200 Menschen sind bis heute an dem Virus gestorben, fast 400.000 wurden infiziert - und in Stockdorf fing es alles an. Am 31. Januar infiziert sich erstmals ein Mensch außerhalb der Webasto-Zentrale. Es ist das Kind eines Mitarbeiters. Sechs Wochen hat jedes Bundesland die ersten Corona-Fälle. Die Zahlen steigen weiter – vor allem in Bayern. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verkündet am 16. März den ersten Lockdown. Der Rest ist bekannt.

Konditor Ludwig Harter in Stockdorf
Foto: Sarah Ritschel

Konditormeister Ludwig Harter, schwarzes Haar, weiße Arbeitsjacke, erinnert sich noch gut daran, wie alles begann. Die Angst verbreitet sich damals in Stockdorf schneller als das Virus. „Das war brutal, das war eklatant“, erzählt er. „Innerhalb eines Tages haben wir 50 Prozent weniger Umsatz gemacht. Die Leute haben sich nicht mehr aus dem Haus getraut.“ Zwei, drei Wochen dauert dieser „Anfangsschock“. Die Parkplätze für die 1000 Webasto-Mitarbeiter in Stockdorf, die fast den ganzen Ortseingang pflastern, bleiben damals so gut wie leer. Das Unternehmen schließt seine Zentrale vorübergehend.

Niemand hatte das Ausmaß der Katastrophe vorausgesehen

„Das hätte ich nie gedacht“ – kein Satz fällt öfter, wenn man heute mit den Menschen in Stockdorf spricht. Der Tankstellenbesitzer gleich neben der Webasto-Zentrale sagt das. Vor einem Jahr scherzte er noch mit seinen Kunden über das Virus, heute steht er hinter einer Plexiglasscheibe und neben dem Kühlschrank mit den Wurstsemmeln lagert das Desinfektionsmittel. Konditor Ludwig Harter, dessen Café jetzt im Dunkeln liegt, die Stühle auf den Tischen, sagt dasselbe. „Ich dachte, die Sache mit dem Virus läuft sich irgendwann tot. Dass wieder Trump oder irgendetwas anderes im Fokus steht.“

Auch die Erste Bürgermeistern Brigitte Kössinger muss im Rückblick gestehen, das Ausmaß der Katastrophe nicht vorhergesehen zu haben, als sie im Januar 2020 von den ersten Fällen in ihrem Gemeindegebiet erfuhr. Aber wer kann auch vorhersehen, was in Jahrhunderten noch nie dagewesen ist?

Die 65-Jährige erzählt von den Ängsten, die die Stockdorfer vor einem Jahr plagten. „Einer wollte, dass wir den Baierplatz komplett desinfizieren“, erinnert sie sich. Es ist der Ortskern, wo auch die Konditorei Harter steht. Dazu der Maibaum, mindestens ein Dutzend Parkplätze, eine Bank mit Blick auf die Hauptstraße. Wie sollte das gehen, überall mit der Sprühflasche drüber? Manche übertreiben es mit der Angst. Holger Engelmann, Webasto-Vorstandsvorsitzender, berichtet Ende Januar von Mitarbeitern und deren Familien, die von Firmen und Geschäften abgewiesen werden. Kinder seien von der Kita heimgeschickt, Ehepartner von ihrem Arbeitsplätzen verbannt worden.

Der Mann steckte sich bei einer chinesischen Kollegin an

Wenn man in diesen Tagen über Stockdorf und Webasto spricht, dann muss man den Blick auch 50 Kilometer gen Westen richten: Nach Kaufering. Denn die Gemeinde mit ihren rund 10.000 Einwohnern im Landkreis Landsberg ist ebenso wie Stockdorf Schauplatz dieser Pandemie – denn in Kaufering ist Patient 1 zu Hause. Am Morgen des 27. Januar 2020 teilt ihm sein Vorgesetzter bei Webasto mit, dass eine chinesische Kollgin positiv auf das neuartige Coronavirus getestet wurde – neben ihr hatte der damals 33-Jährige sieben Tage zuvor in einer Besprechung gesessen. Zur Begrüßung hatten sie sich die Hand gegeben – wie das damals, bevor das Virus alles veränderte, eben so üblich war.

Der Webasto-Mitarbeiter hatte sich bei einer Kollegin aus China angesteckt.
Foto: Lino Mirgeler, dpa

Plötzlich war SARS-CoV-2 also da, war nicht mehr nur ein Virus, das am anderen Ende der Welt wütet. „Ich habe sofort an meine Familie gedacht. Am Wochenende hatte ich Fieber und Schüttelfrost, jedoch keine Atembeschwerden. Trotzdem war ich sofort um meine schwangere Frau und um meine kleine Tochter besorgt“, erzählt Patient 1 in einem internen Webasto-Interview, das die Firma unserer Zeitung zur Verfügung gestellt hat. Gegenüber unserer Redaktion will sich der Mann nicht persönlich äußern, auch sein Name soll nirgendwo erscheinen.

Erster Corona-Patient: Freunde und Familie des 33-Jährigen sind geschockt

Der 33-Jährige geht an jenem Januartag vor einem Jahr sofort zu seinem Hausarzt, Symptome hat er zu diesem Zeitpunkte keine mehr. Er schildert dem Mediziner, was passiert ist – und wird sofort ins Tropeninstitut nach München geschickt, wo er getestet wird. Danach fährt er nach Hause und wartet auf das Ergebnis. „An diesem Montagabend habe ich zum ersten Mal meiner Tochter keinen Gutenachtkuss gegeben und war auch auf Distanz zu meiner Frau“, erzählt er. „Kurz nach 20 Uhr kam dann der Anruf, bei dem mir das Ergebnis mitgeteilt wurde. Mir wurde gesagt, dass ich mich sofort ins Schwabinger Krankenhaus begeben soll, zu einem bestimmten Gebäude und dort zu einer bestimmten Station. Ich sollte mich nicht an der Rezeption melden, sondern direkt auf das Gelände fahren, und man würde auf mich warten.“

Freunde und Familie sind natürlich geschockt. „Ich habe täglich von allen Anrufe bekommen, da sie sich große Sorgen um mich gemacht haben. Ich habe sie stets beruhigt und gesagt, dass es mir gut gehe“, erzählt Patient 1. Seine Sorge, die Familie angesteckt zu haben, bewahrheitet sich nicht. Niemand ist infiziert – und das, sagt der Webasto-Mitarbeiter rückblickend, sei für ihn bis heute nicht nachvollziehbar, „da ich eine volle Woche unbewusst dieses Virus in mir hatte und ich normal mit meiner Familie und Freunden zusammen war“.

Ende Februar wird Deutschlands erster Corona-Patient aus dem Krankenhaus entlassen, Auswirkungen der Erkrankung spüre er nicht, berichtet er. „Mir geht es bestens. Ich wurde öfter von Kopf bis Fuß untersucht, und es wurden keine Spätfolgen festgestellt.“ Vor einer erneuten Erkrankung ist er allerdings nicht gefeit: „Seit April habe ich keine neutralisierenden Anti-Körper mehr“, sagt der heute 34-Jährige.

Eltern hatten Angst, dass das Virus in den Kindergarten geschleppt würde

Einer, der die Stimmung damals in Kaufering miterlebt hat, ist Thomas Salzberger, der Bürgermeister. „Wir waren alle besorgt, das Virus war plötzlich so nah“, sagt er. Dass es in seiner Gemeinde den ersten Corona-Fall in Deutschland gibt, hört Salzberger damals am Abend im Radio. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass ich es von offizieller Seite erfahren hätte“, sagt er heute. Zu Patient 1 hatte er keinen persönlichen Kontakt, zu seiner Frau aber schon. „Mit ihr ist man am Anfang nicht gerade zimperlich umgegangen.“ Salzberger meint damit die Debatte um den Kindergarten. Die Verunsicherung vieler Menschen war groß. Vor allem Eltern von Kindern, die den Kindergarten der Tochter des Corona-Patienten besuchten, hatten Angst, dass das Virus in die Einrichtung geschleppt würde – obwohl aus der Familie des Webasto-Mitarbeiters niemand infiziert war. „Schließlich wurden im Kindergarten sofortige Maßnahmen zum Schutz der Ansteckung durch das Gesundheitsamt eingeleitet“, erzählt der Bürgermeister.

Die Kindertagesstätte Don Bosco in Kaufering: Die Eltern hatten Angst, dass das Virus eingeschleppt wird.
Foto: Julian Leitenstorfer

Anfang März wird die Initiative „Kaufering hoit zam“ gegründet, etwa 80 Ehrenamtliche erklären sich bereit, für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, einzukaufen oder mit dem Hund Gassi zu gehen – und das machen sie heute noch. Dass die Corona-Krise zu einem wahren Marathon werden würde, dass zwei Lockdowns das öffentliche Leben lahmlegen und die Menschen nur noch mit Mundschutz einkaufen dürfen, das kann sich Salzberger damals nicht vorstellen.

Ganz ähnlich erlebt auch Gabriele Triebel, damals zweite Bürgermeisterin, die ersten Wochen des vergangenen Jahres. Bevor klar war, dass der erste deutsche Corona-Patient aus ihrer Gemeinde stammt, ist das Virus für sie ganz weit weg gewesen, erzählt Triebel im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mir ging es wie allen anderen. Ich war mir sicher, dass uns das nicht so schnell betrifft. Aber auf einmal war das Virus eben da. Mitten in unserer Gesellschaft. Das war ein beklemmendes Gefühl“, erinnert sich Triebel, die für die Grünen im bayerischen Landtag sitzt. Die Dramatik, die die Situation mittlerweile erreicht hat, die habe sie in diesen ersten, merkwürdigen Tagen nach Bekanntwerden des Corona-Falls, einfach nicht gesehen. Als Kaufering immer wieder als „Little Wuhan“ bezeichnet wurde, habe sie zuerst noch geschmunzelt, erzählt sie. „Das war aber schnell vorbei, als klar war, welche Dimension das Ganze annimmt.“

In Stockdorf gab es besonders viele Corona-Fälle - mittlerweile hat sich die Lage entspannt

Die Stockdorfer Bürgermeisterin Brigitte Kössinger – promovierte Juristin, die sich auf Bildern gern im Trachtenjanker präsentiert – hatte in den Monaten nach dem Ansturm in Stockdorf vielleicht etwas mehr Arbeit mit dem Virus als andere Stadtoberhäupter. „Bis vor ungefähr drei Monaten waren wir im die Gemeinde mit den meisten Fällen im Landkreis Starnberg.“ Mittlerweile hat sich das eingependelt, in den vergangenen Tagen registrierte das Gesundheitsamt höchstens eine Handvoll Neuinfektionen, manchmal keine. Die Inzidenz im Kreis Starnberg liegt bei 61 – weniger als der bayerische Durchschnitt. Ja, die Gewerbesteuereinnahmen sind leicht zurückgegangen und die der Einkommenssteuer auch. Aber das betrifft den größten Teil der Gemeinden im Freistaat. Die Regierung hat deshalb kürzlich angekündigt, die Ausfälle zu 100 Prozent zu übernehmen.

Ja, keiner hier hat mit dem Ausmaß der Pandemie gerechnet. Aber das ist überall so. Und auch sonst – das bestätigt der Tankstellenbesitzer, das bestätigt Konditor Ludwig Harter, ist Stockdorf heute ein Ort wie jeder andere in Bayern. Der Verkehr läuft wie gewohnt, Stockdorf ist wieder der Ort, durch den man eher durchfährt als anzuhalten. Vor dem verglasten Firmensitz von Webasto wehen heute wie damals die deutsche und die bayerische Flagge im Winterwind. Der Betrieb läuft wieder – auch wenn es nach Angaben des Unternehmens in den vergangenen Monaten immer wieder positiv getestete Mitarbeiter gegeben habe – vor allem an anderen Standorten in Europa und den USA, nicht in Stockdorf. Auf der hölzernen Anschlagtafel gleich unter dem Maibaum steht: absolut nichts. Der „Anfangsschock“ in Stockdorf war vorbei, als der erste Lockdown in Bayern begann. Und wie das Virus heißt, weiß mittlerweile jeder.

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