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Der Norden. Europas Kreative

Bild: imago

In Kopenhagen beschäftigen sich Menschen mit den Herausforderungen der Zukunft. Unterstützung erhalten sie dabei von der EU.

Dänemark. EU-Mitglied seit 1973. Die EU, das ist nicht nur das Erinnern ans Gestern, sondern auch der Blick nach übermorgen. Wissen vernetzen, die besten Köpfe zusammenbringen, gemeinsam an Lösungen tüfteln – das soll ich hier erleben, hat man mir gesagt. Weit hinten auf einem 106 Hektar großen Campus in Lyngby befindet sich ein kleines Gebäude. Eine breite Glasfront prägt eine Seite, an einer anderen findet sich eine Garage, das Dach ist aus Wellblech. Die meisten Bauten auf dem Gelände der Technischen Universität Dänemark sind aus Beton und tragen gewichtige Bezeichnungen wie "Department of Photonics Engineering" – das Häuschen mit der Garage hat keinen Titel.

Hier befand sich bis vor etwas mehr als einem Jahr das Hauptquartier von "Autonomous Mobility". Das Start-up arbeitet an der Zukunft städtischer Mobilität. Dazu kommt es vor allem auf den Inhalt der Garage an. Und auf Experten, die nun im ersten Stock eines Neubaus sitzen, hinter einer Glasfassade.

Das Team: 28 Mitarbeiter, unter ihnen Programmierer, Ingenieure – und Pernille Amstrup Lytzen. Sie ist die Leiterin der Produktentwicklung. "Letztendlich wollen wir ein wichtiger Teil zukünftiger Mobilitätskonzepte sein, beispielsweise als digitale Plattform für den Einsatz autonomer Fahrzeuge am Boden und in der Luft", erklärt Lytzen. Das Team ist Teil einer europaweiten Initiative, dem "Avenue"-Projekt. Damit unterstützt und vernetzt die Europäische Union privatwirtschaftliche und staatliche Initiativen, die den modernen öffentlichen Nahverkehr mitgestalten wollen. Neben Kopenhagen gibt es derzeit Pilotprojekte in Genf, Luxemburg und Lyon.

Pernille Amstrup Lytzen
Bild: Jonas Voss


"Avenue" erstreckt sich über vier Jahre, von 2018 bis 2022. Es geht um Verkehrslösungen, die auch Senioren, Behinderte und Kinder unterstützen. Koordinator des Gesamtprojekts ist Dimitri Konstantas. Der Grieche ist Informatikprofessor an der Universität von Genf. 70 Prozent der Kosten von "Avenue" werden von der EU finanziert, 30 Prozent der Mittel stammen aus dem Privatsektor. Laut Konstantas kostet das Projekt derzeit insgesamt 20 Millionen Euro.

Die Testobjekte stehen in der erwähnten Garage – zwei kleine weiße Busse ohne Fahrerkabine. Wenn alles glatt läuft, sind die beiden Fahrzeuge in drei Monaten im Realverkehr Kopenhagens im Einsatz. Vorerst werden die Busse mit einem Fahrer, dem "Operator", betrieben: Menschen sollen sich an die Fahrzeuge gewöhnen, ehe diese sich allein durch den Verkehr bewegen. "Wie urbane Mobilität in zehn Jahren aussehen wird, kann niemand vorhersehen", sagt Lytzen. "Wir wollen jedenfalls Teil davon sein."

Die kleinen Busse sind das Produkt von "Navya". Die französische Firma montiert die Fahrzeuge in ihren eigenen Fabriken, wie auch im Video zu sehen ist.

Video: NAVYA/Youtube

Die Norrebro-Hallen sind groß, bunt und laut. Hier treffen sich viele Kopenhagener, um zu skaten, zu sprayen oder Basketball zu spielen. Weil ich auch Bock auf eine Runde Streetball habe, quatsche ich Joakim an. Er spielt hier mit seinen Kumpels. Edward ist einer davon, er stammt aus China, studiert in London und ist hier für einen kleinen Urlaub. So richtig kenne er sich mit der EU nicht aus, er wisse auch nicht, welche Probleme Europa umtreiben. In China spiele das keine große Rolle, sagt er.

Alex, Caleb, Edward und Joakim studieren in Kopenhagen.
Bild: Jonas Voss


Dabei hat die Gemeinschaft doch alles, was es zum Glück braucht. Oder etwa nicht? Ich mache mich auf die Spur des Glücks. Ein Altbau in einer Seitenstraße Kopenhagens, nicht weit vom Zentrum entfernt. Schwere Holzböden, Kronleuchter, eine Bar. Im Haus arbeiten Freiberufler und Firmen, eine davon ist das Happiness Research Institute. Eine Firma, die für private und staatliche Auftraggeber Forschung zum sozialen Wohlbefinden betreibt. Ich treffe mich hier mit dem Spanier Alejandro, 32 Jahre alt, und dem Deutschen Alexander, 22 Jahre alt. Beide arbeiten am Institut. Wir führen ein Gespräch über Glück und die jungen Wissenschaftler erklären mir, dass die Europäer unglücklicher werden. Flirten sie vielleicht deshalb mit den scheinbar so einfachen Lösungen, die die Rechtspopulisten allerorten feilbieten?

Alexander, was genau macht euer Institut?

Alejandro: Wir forschen zur Zufriedenheit mit dem Leben, zum subjektiven und sozialen Wohlbefinden – das alles gehört zum Glück.

Gibt es diese spezielle dänische Form des Glücks – Hygge – wirklich?

Alejandro: Dänen haben schon dieses besondere Augenmerk auf Gemütlichkeit und Komfort, vor allem in den eigenen vier Wänden.

Alexander: Dänen nutzen das Wort aber auch sehr oft, zum Beispiel sprechen sie von "hyggeligen" Gesprächen oder Kinoabenden. Der Begriff ist total mit der dänischen Sprache verbunden.

Die Dänen gelten als besonders glücklich.

Alejandro: Ja, in unseren Untersuchungen gehören sie immer zu den glücklichsten Ländern – aktuell sind nur die Finnen glücklicher.

Wo steht Deutschland in euren Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit?

Alexander: Aktuell auf Platz 17.

Alejandro: Spanien ist beispielsweise auf Platz 36.

Alejandro Rubio und Alexander Gamerdinger.
Bild: Jonas Voss


Woran liegt das?

Alejandro: Wir versuchen mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die im täglichen Leben unsichtbar bleiben. Etwa Kranke und Arbeitslose. Einsamkeit, psychische Erkrankungen wie Depressionen und Arbeitslosigkeit sind bedeutende Faktoren, wenn es um das Glück Einzelner und der Gesellschaft geht. Menschen können sich an viele Situationen, auch tragische, anpassen. Psychischen Erkrankungen können sie meist wenig entgegensetzen.

Und wie ist es um das Glück oder Wohlbefinden in Europa bestellt?

Alexander: Sogar in den nordischen Ländern steigt die Anzahl derer, die sich selbst als unglücklich bezeichnen.

Alejandro: Es scheint, als seien gerade die jungen Menschen vermehrt von Stress und anderen psychischen Erkrankungen betroffen.

Sind die Ursachen dafür bekannt?

Alejandro: Nein – die müssen noch untersucht werden. Wir haben derzeit nur Thesen.

Alexander: Die Welt ändert sich so dramatisch durch den technologischen Wandel, das kann eine Ursache sein.

Was können Menschen tun, um glücklich zu sein?

Alexander: Vieles hängt von externen Faktoren, vor allem den Regierungen, ab. Sie müssen für ein ausreichendes Einkommen und andere Faktoren, etwa Bildung, sorgen. Was jeder tun kann, ist beispielsweise Stress vermeiden.

Alejandro: Das Einkommen eines Menschen ist wesentlich für sein Wohlbefinden – allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Danach werden soziale Faktoren wie Familie und Freunde wichtiger.

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Dublin.

Bild: Jonas Voss

Mit dem Glück ist das also so eine Sache in Europa. Wer weiß das besser als die Iren? In der Altstadt von Dublin reihen sich die Pubs am glattgetretenen Kopfsteinpflaster aneinander. Irland macht nicht eben häufig Schlagzeilen. Vor ein paar Jahren war es die Schuldenkrise, der Absturz des Landes ins scheinbar Bodenlose. Doch anders als Griechenland fing sich Irland wieder, wurde zum Eurokrisen-Musterschüler. Mit europäischer Hilfe. Brüssel schickte die Iren auf eine "Via Dolorosa", auf eine Straße des Leidens.

Die Sparpolitik war hart – aber wirkungsvoll. Manche sprechen gar von einer Erlösung: Die Wirtschaft wuchs im Jahr 2018 um fast sieben Prozent, die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 5,4 Prozent. Heute immigrieren mehr Iren nach Irland, als das Land verlassen. Doch Kritiker monieren: Statistiken sind das Eine, die Lage der Menschen das Andere. Zwar leuchten Wachstumszahlen, doch viele Iren fühlen sich ganz persönlich auf der Schattenseite: Sozialleistungen wurden eingeschränkt, das Renteneintrittsalter erhöht, der Kündigungsschutz gelockert. Und kommt es zum Brexit, wird das auch die Iren hart treffen. Millionen an Nothilfen könnten notwendig werden.

Was viele nicht wissen: Irland ist einer der teuersten Immobilienmärkte der Welt. Einige der Häuser verfügen bis heute über keine Heizung und stehen dennoch nicht leer. Laura Duggan hat im vergangenen Jahr in einem solchen Haus gelebt während der großen Kälte im Februar. Ihre Stimme stockt, während sie davon erzählt. "Die ganze Stadt stand still, so kalt war es." Laura blieb nichts anderes übrig, als es dort auszuhalten – mehr als diese Wohnung war nicht drin. Und die Mieten sind seitdem weiter gestiegen, im Gegensatz zu Lauras Einkommen. Heute wohnt sie in einer WG mit vier anderen Frauen. Ihr Zimmer kostet sie fast 1000 Euro im Monat, zumindest hat es eine Heizung.

Laura Duggan
Bild: Jonas Voss


Paradox: Ausgerechnet die Rettung aus der Schuldenkrise ist dafür verantwortlich. Irland zog mit Steuersenkungen ausländische Tech-Firmen ins Land, die wiederum hochbezahlte Mitarbeiter aus aller Welt anlockten. Laut der britischen Zeitung The Guardian gibt es in Dublin mehr als 3000 AirBnB-Apartments, aber nur wenig mehr als 1000 Mietwohnungen. Es ist so etwas wie ein irisches Paradoxon: Es ist der wirtschaftliche Erfolg, der so manchem Iren das Leben schwer macht. Aufgrund der gut bezahlten Angestellten der vielen Tech-Firmen hier, nicht alle davon sind Iren, beläuft sich die Durchschnittsmiete in Dublin auf 1900 Euro. Ein Klick auf "draft.ie", Dublins größtem Immobilienportal, bestätigt die Wohnungsmisere. Ich gebe als Obergrenze 1000 Euro ein und erhalte fünf Wohnungen. Schmale Zimmer, nicht alle mit eigener Küche oder Badezimmer.

Laura und ich sitzen in einem Buchladen in der Altstadt. Dunkelgrüne Fassade, "Connolly" steht dort in goldenen Lettern. Das Geschäft ist nach einem linken Vordenker, Gewerkschafter und Revolutionär Irlands benannt, James Connolly. Laura arbeitet ehrenamtlich hier. Wir sitzen im ersten Stock, hier sind Arbeitsräume und noch mehr Bücher, lose aufeinandergeworfen oder zu Büchertürmen gestapelt.

"Nach meinem Abschluss begann ich Vollzeit in einem Fast-Food-Restaurant zu arbeiten", erzählt sie. "Ich wollte nicht in Vollzeit studieren und das Gehalt reichte für Ersparnisse und Urlaub. Mir ging es gut." Nebenher belegte sie einige wenige Universitäts-Kurse. Schließlich wechselte sie in einen Bürojob. Dann traf die Finanzkrise Irland – stärker als viele andere EU-Staaten, der Immobilien- und Bausektor brach zusammen. "Besonders die weniger Wohlhabenden haben gelitten", sagt Laura. Überall im Land wurden die Löhne gekürzt, Laura hatte wenig Ersparnisse, keine Ausbildung und bald keine Vollzeitstelle mehr.

"Die weniger Wohlhabenden

haben gelitten."

Laura Duggan

Während die 30-Jährige erzählt, fährt sie sich immer wieder durch die kurzen, lockigen Haare, rückt ihre Brille zurecht. Sie lächelt schief, wenn sie sich an die vergangenen Jahre erinnert. "Manchmal war ich kurz davor aufzugeben und zu meinen Eltern nach Galway zurückzukehren – es gab Zeiten, da wartete ich so lange mit dem Essen, bis ich nachts vor Hunger aufwachte. Erst dann erlaubte ich mir zu essen." Es ist mittlerweile später Nachmittag, unser Gespräch dreht sich nicht nur um ihre Lebenssituation. Laura schildert die Lebensumstände ihrer Cousins, die während der Krise auswanderten und nun nach und nach zurückkehren, erzählt von einer Freundin, die im Softwarebereich keine unbefristete Stelle findet, und von Menschen, die aufgegeben haben. "Ich und viele andere ahnen, dass wir nicht das sichere Leben unserer Eltern haben werden."

Zwar sei die Situation heute besser als vor drei Jahren, aber noch lange nicht gut. Die 30-Jährige belegt inzwischen wieder Kurse an der Uni, wahrscheinlich wird sie im kommenden Jahr Schulden aufnehmen müssen. Wo sie dann wohnen wird, weiß sie nicht. Ihr Mietvertrag endet im August, eine Mieterhöhung können sich Laura und ihre Mitbewohnerinnen nicht leisten. Aber im August seien die Nächte ja zumindest warm.

Hier lesen Sie Teil 3 unserer Reise über Europas Populisten im Osten.

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