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Berlin-Besuch

07.04.2019

Der amerikanische Freund: Wie Obama die Deutschen begeistert

Einmal Obama ganz nah sein: Der frühere US-Präsident Barack Obama inmitten der Führungskräfte von morgen in Berlin.
Bild: Jörg Carstensen, dpa

In Berlin diskutiert Barack Obama mit 300 jungen Europäern. Die Kanzlerin empfängt ihn. Einmal mehr wird deutlich, wie groß die Sehnsucht nach einem wie ihm ist.

Es braucht nur einen Satz, um das Berliner Publikum zu verzücken. „Es ist gut, zurück zu sein.“ Mehr muss der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gar nicht sagen. Sein berühmtes, so gewinnendes Lächeln tut ein Übriges. An geschichtsträchtiger Stelle, im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, beschwört er an diesem Samstag die einigende Kraft der Demokratie, die ohne Kompromisse nicht möglich sei. Er bekennt sich zum weltweiten Klimaschutz und zur Kooperation in internationalen Organisationen. Die überwiegend jungen Menschen im Bankettsaal, der heute zu einer Privathochschule gehört, klatschen begeistert.

Wäre der charismatische Mann, der da lässig mit offenem Hemdkragen auf der Bühne steht, der amtierende Präsident der USA – alle Sorgen um das deutsch-amerikanische Verhältnis würden geradezu abwegig erscheinen. Doch es ist Barack Obama, der das Weiße Haus in Washington am 20. Januar 2017 nach achtjähriger Amtszeit verlassen hat.

Und ja, auf den smarten Demokraten folgte ein polternder Republikaner, der statt versöhnlicher Reden auf Drohgebärden per Twitter setzt. Donald Trump, der 45. US-Präsident, wirkt wie das krasse Gegenteil seines Vorgängers Obama und hat es geschafft, in den vergangenen zwei Jahren viele zutiefst zu verstören. Von Klimaschutz hält er nichts, internationale Verträge kümmern ihn wenig und an der Grenze zum Nachbarn Mexiko will er eine Mauer bauen.

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Obama nennt den Namen seines Nachfolgers kein einziges Mal

In Berlin, der ehemaligen Mauerstadt, scheint die Abneigung gegen Trump besonders ausgeprägt, was beim Obama-Auftritt überdeutlich wird. Zwar nennt Obama den Namen kein einziges Mal – schließlich widerspräche direkte Kritik am Nachfolger dem Ehrenkodex der Ex-US-Präsidenten. Trotzdem kommt nie ein Zweifel daran auf, wen Obama im Auge hat, wenn er beklagt, dass ausgerechnet sein Land aus dem Pariser Klimaabkommen aussteige, für das er selbst so gekämpft habe. Oder wenn er von „mächtigen Kräften“ spricht, die die Errungenschaften Europas schlechtmachten. Die „unsicheren Zeiten für die internationale Ordnung“, das verstehen alle im Saal, ohne dass es Obama direkt ausspricht, gehen auf das Konto von Donald Trump.

Barack Obama, 57, ist nicht mehr in offizieller Mission unterwegs, sondern für die Stiftung, die er gegründet hat. Deren Ziel ist es, die „Anführer von morgen“ zu unterstützen. Mit Geld, mit Kontakten und mit seinem Einfluss. Wochenlang wurde ein großes Geheimnis darum gemacht, wo in Berlin dieser Auftritt stattfindet. Die 300 Teilnehmer – „young leaders“, junge Führungskräfte aus ganz Europa, die sich gesellschaftlich engagieren – mussten Stillschweigen zusichern.

Die Sorte US-Präsident, die die Deutschen mögen: Barack Obama war am Wochenende in Berlin zu Gast. In einer Privathochschule diskutierte er mit 300 jungen Europäern.
Bild: John MacDougall, afp

Obama sagt, er wolle sich selbst „duplizieren“

Jetzt steht Obama hier. Jubel brandet auf, hunderte Handys werden in die Höhe gerissen. „Mich gibt es nur einmal“, ruft Obama. Sein Ziel sei es nun, sich selbst praktisch laufend zu „duplizieren“. Aufgabe der Obamas der nächsten Generation müsse es sein, sich in Politik und Wirtschaft für eine bessere Welt zu engagieren. Obama schaut in die Gesichter der Zuhörer, die in einem Quadrat um die Bühne sitzen. Er will, dass sie sich einmischen. „Ihr lasst euren Großvater oder eure Großmutter auch nicht entscheiden, welche Kleider ihr tragen oder welche Musik ihr hören wollt. Warum lasst ihr sie dann bestimmen, in welcher Welt ihr leben sollt?“ Und dann sagt er noch: „You can change the world.“ – „Ihr könnt die Welt verändern!“

Von Obama lernen, darum ging es auch zwei Tage zuvor, beim „World Leaders Summit“ in der Kölner Lanxess-Arena. Der Kongress soll sich mit der Frage beschäftigen, was gute Führung heute bedeutet. Wenn man so will eine Art gigantisches Management-Seminar. Mehr als 14000 Teilnehmer haben sich angemeldet, um Obama, den Stargast unter den Rednern, zu hören. Obama sagt Sätze wie: „Was dich vorantreibt als Leader, ist die Arbeit, nicht der Applaus.“ Und er erzählt, was er nach seiner Zeit im Weißen Haus als Erstes gemacht hat. Ausschlafen zum Beispiel. Und lernen, wie man selbst Kaffee kocht.

5000 Euro für eine Obama-Rede, inklusive Dinner und Selfie

Die Sehnsucht nach einem wie Obama ist groß, zumal in unsicheren Zeiten. Das spürt man auch hier in Köln. Zischen 80 und 5000 Euro haben die Teilnehmer für ein Ticket bezahlt, in der teuersten Variante aber inklusive Dinner und Selfie mit dem einst mächtigsten Mann der Welt. Obamas Honorar – gemunkelt wird bis zu 400000 Euro – soll zum Teil an seine Stiftung gehen.

Zwischen den öffentlichen Auftritten trifft Barack Obama die Frau, die er „seine wunderbare Freundin“ nennt. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt ihn mit Küsschen auf die Wange und fast verliebt wirkendem Blick auf dem Ehrenhof des Kanzleramts. Anderthalb Stunden nimmt sich Merkel Zeit für den alten Weggefährten, mehr als sie für viele amtierende Staatschefs übrighat. Über die Inhalte des Gesprächs wird nichts bekannt. Regierungssprecher Steffen Seibert muss anschließend dementieren, dass es sich bei dem Treffen um ein Signal an Trump gehandelt habe: „Diesem Eindruck würde ich entschieden widersprechen.“

Dass Obamas Kurzbesuch in Deutschland Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten der transatlantischen Freundschaft weckt, zeigt nur, wie brüchig diese unter seinem Nachfolger geworden ist. Für Donald Trump ist Deutschland zum Lieblings-Prügelknaben avanciert. Richtig ist aber auch: Wenn Trump die Deutschen etwa mahnt, mehr Geld für die Verteidigung auszugeben, dann tut er dies zwar in äußerst rüdem Ton – doch letztlich wiederholt er nur das, was bereits Obama gefordert hatte.

Anderthalb Stunden nahm sich Angela Merkel in Berlin Zeit für Barack Obama.
Bild: John MacDougall, afp

Woher kommt diese nostalgische Verehrung?

Tatsächlich lässt sich die nostalgische Verehrung, die Obama in Berlin entgegenschlägt, mit der Bilanz seiner achtjährigen Amtszeit kaum erklären. In die fiel der NSA-Skandal samt Überwachung von Angela Merkels Handy. Obama hielt am umstrittenen Gefangenenlager Guantánamo Bay fest. Und er griff nicht ein, als der syrische Diktator Baschar al-Assad Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzte.

In den USA werden solche Versäumnisse seiner Präsidentschaft inzwischen offen thematisiert. Trump hat vieles zurückgedreht, was Obama als Errungenschaft seiner Präsidentschaft sieht – vom Klimaabkommen bis hin zu Obama Care. Barack Obama äußert sich zu solchen Themen nicht. Er hat sich komplett aus der aktuellen Politik zurückgezogen. Nur gelegentlich taucht der 57-Jährige als Erinnerung an bessere Zeiten auf. Wie im vergangenen Jahr, als seine Frau Michelle mit ihren Memoiren Stadien füllte und er jeweils als wohl kalkulierter Überraschungsgast erschien – nicht, um seine Geschichte zu erzählen, sondern nur als der Kavalier, der ihr einen Strauß Rosen überreicht.

In Deutschland dagegen, zumal in Berlin, wird Barack Obama verehrt wie kein US-Präsident seit John F. Kennedy. Der 1963 mit seinem legendären Satz „Ich bin ein Berliner“ die Schutzgarantie der USA für Westberlin und ganz Westdeutschland bekräftigte. Kennedy, so heißt es heute, hat bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus das Richtige zur richtigen Zeit und vor allem auf die richtige Art gesagt.

An die genauen Botschaften von Obamas Auftritten in Berlin dagegen erinnert sich kaum mehr jemand. Es ist vor allem seine zugewandte, offene Art, mit der er schon 2008, noch als Präsidentschaftskandidat, die Herzen der Hauptstädter gewann. 200000 Menschen hörten damals seine Rede an der Siegessäule. Und sie jubelten ihm zu, als er 2013 dann als US-Präsident in Berlin sprach, dieses Mal am Brandenburger Tor. Oder 2017, Monate nach dem Ende seiner Präsidentschaft, bei seinem Auftritt auf dem Kirchentag. Als sein Nachfolger Donald Trump im selben Jahr zum G20-Gipfel nach Hamburg kam, wurde er zum Ziel heftiger Proteste.

Jan Techau kennt sich aus mit der Frage, was der Wechsel vom weltgewandten Charismatiker Obama zum polternden, auf Krawall gebürsteten Trump für die deutsch-amerikanische Freundschaft bedeutet. Er ist Direktor des Europa-Programms des German Marshall Fund. Die US-Stiftung widmet sich der Förderung der europäisch-amerikanischen Beziehungen. Techau sagt: „Obama und frühere US-Präsidenten wussten natürlich um das große Machtgefälle zwischen den USA und kleineren Staaten wie Deutschland. Trotzdem begegneten sie ihnen auf Augenhöhe. So entstand nie der Eindruck, dass sich die USA als Hegemonialmacht gebärden.“

Differenzen zwischen Deutschland und den USA habe es auch schon zu Obamas Zeiten gegeben, sagt Techau. Der zentrale Unterschied sei aber der Umgang damit. Der Politikwissenschaftler glaubt, auch den Grund für Trumps Verhalten zu kennen: „Er und seine Leute gehen von unerschöpflichen amerikanischen Machtressourcen aus, davon, dass die USA automatisch immer stärker werden. Partner werden dabei eher als Ballast gesehen.“ Zudem gebe es bei Trump keinerlei geostrategisches Grundverständnis. „Er interessiert sich nicht für die Feinheiten der internationalen Politik, sondern holzt mit schlichten Vorstellungen in komplizierte Zusammenhänge hinein.“

Barack Obama dagegen sei in Deutschland schon seit seinem Wahlkampfauftritt 2008 „der Inbegriff der Sorte amerikanischer Präsidenten, die wir mögen. Aufgeklärt, kooperativ, berechenbar und intellektuell.“ Heute stehe er vor allem für die Hoffnung, „dass es auch wieder andere US-Präsidenten geben wird, dass es bei einer Amtszeit für Trump bleibt“. Zurück zur alten Weltordnung, warnt Amerika-Experte Techau, werde es auch nach Trump nicht gehen. Aber ebenso wenig müsse es beim gespannten Verhältnis von heute bleiben.

Katharina Schulze begrüßt ihn mit der „Ghetto-Faust“

Noch bevor im alten DDR-Staatsratsgebäude Obama-Jutebeutel, T-Shirts und Strampler als Andenken an das Treffen mit dem früheren US-Präsidenten angeboten werden, können die Teilnehmer Fragen stellen. Katharina Schulze, Grünen- Fraktionschefin in Bayern, ist auch da. Obama und sie haben sich lässig mit einer „Ghettofaust“ begrüßt. Wie er persönliche Angriffe wegstecke, will Schulze wissen. Er schaue sich keine Sendungen über sich an, sagt Obama. Das brauche er nicht, denn er sei ja selbst da gewesen und wisse, was passiert sei.

Als der Auftritt Barack Obamas vor den Obamas von morgen schon fast zu Ende ist, kommt eine junge Frau an die Reihe. Wie er sich denn in besonders stressigen Zeiten entspannt hat, will sie wissen, mit Yoga vielleicht? Obama verneint. Und dann bricht er noch einmal aus ihm heraus, der Groll gegen den ungenannten Nachfolger: „Es gibt ganz sicher Politiker, die Meditation vertragen könnten. Die müssten sich einfach mal hinsetzen und nachdenken.“ (mit sok)

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08.04.2019

Hier wird einer kritiklos bejubelt, der
- wenig bis nichts für die weltpolitische Stabilität tat; im Gegenteil, der versuchte Russland aus dem Spiel zu nehmen
- in dessen Amtszeit die NSA-Affäre fiel. Da vergessen einige, dass z.B. die Bundeskanzlerin ausspioniert wurde
- mit seiner Politik - der Orientierung auf die Ost- und Westküsteneliten - seinem irrsinnig-populistischen Nachfolger den Boden bereitete

Und dann, für sein Gespräch an einer (sündhaft) teuren Privatschule, kassiert er vermutlich einen 6stelligen Betrag. Aber klar, die künftige Elite (die die sich kraft Geldbeutel dafür hält) braucht solche Vorbilder und kann das auch bezahlen.

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