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Kirche

13.03.2018

Der populäre Papst ist an seine Grenzen gekommen

Ein Papst im schlichten weißen Gewand, mit einem Blechkreuz auf der Brust: Franziskus hat vieles anders gemacht als sein Vorgänger.
Bild: dpa

Vor fünf Jahren wurde Franziskus gewählt. Im Vatikan schien auf einmal alles möglich. Und heute? Was von der Revolution geblieben ist.

Dass sich in der katholischen Kirche Einiges verändern würde, war bereits am Abend des 13. März 2013 zu erkennen. „Buonasera“, Guten Abend“, wünschte der gerade gewählte Papst Franziskus den Gläubigen auf dem Petersplatz in bis dahin unbekannter Einfachheit. Jorge Bergoglio musste sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Papst das „Vaterunser“ vom päpstlichen Zeremonienmeister einflüstern lassen, weil er der italienischen Version noch nicht mächtig war. Die Kulisse römischer Perfektion war dahin. Der neue Papst, der erste Jesuit und erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, ließ sich zuerst vom Volk segnen und erteilte dann erst seinerseits den Segen Urbi et Orbi. „Beinahe vom Ende der Welt“ hätten seine Mitbrüder ihn als neues Oberhaupt der Katholiken ausgesucht, erklärte der bis dahin eher unbekannte Argentinier in seiner ersten Ansprache. Eine Revolution schien ihren Anfang genommen zu haben.

Und noch etwas war bei Bergoglio anders: Zum ersten Mal seit rund 1000 Jahren wählte ein Pontifex nicht den Namen eines anderen Papstes, sondern den eines Heiligen – den von Franz von Assisi. Dessen Solidarität galt den Armen und Ausgegrenzten. Zudem bekam er den Auftrag, die verfallene Kirche wieder aufzubauen. Hat Franziskus diesen selbst gewählten Auftrag in den letzten fünf Jahren erfüllt? Oder braucht es für eine Erneuerung der katholischen Kirche mehr?

Er ist das Gegenbild von Benedikt XVI.

Unbestritten ist, dass die katholische Kirche nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. im Frühjahr 2013 in einem kritischen, gar verfallsähnlichen Zustand war – und dass mit dem neuen Pontifex auf einmal alles möglich schien. „Er ist von einer Welle der positiven Meinung getragen worden“, sagt Benjamin Leven vom theologischen Fachverlag Herder in Rom. „Er ist jemand, der der Kirche Lockerungsübungen verordnet hat. Er ist das Gegenbild zu seinem Vorgänger.“

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Fraglos hat der heute 81-Jährige mit seinem Stil eine neue Ära geleitet. Franziskus kleidet sich in schlichtes Weiß, trägt ein Kreuz aus Blech vor der Brust, verzichtet auf die roten Papstschuhe und die Gemächer im Apostolischen Palast. Das wirkt auch auf den Klerus: Bischöfe fahren nicht nur kleinere Autos, sie dürfen sich im Gegensatz zu früher auch zu kritischen Themen offen äußern, ohne vom Vatikan abgekanzelt zu werden. Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster sagt: „Es gibt eine erfrischende Offenheit. Man wird nicht gleich geköpft, wenn man Klartext redet.“ Franziskus hat Diskussionen ermöglicht, nur seine Kirche tut sich mit der Pluralität manchmal noch schwer.

Der Papst hat seine Versprechen, „an die Ränder“ zu gehen, wahr gemacht. Bei seinen Reisen sucht er sich Länder wie Südkorea, Albanien, Bangladesch oder seinen Heimatkontinent Lateinamerika aus. Er lädt Obdachlose oder Flüchtlinge in den Vatikan ein und trifft regelmäßig Häftlinge und Ausgegrenzte. Dieser Einsatz für die Schwächsten wird allgemein akzeptiert. Weniger Konsens findet bereits sein Dringen auf eine ökologische Wende, wie er sie etwa in seinem Schreiben „Laudato Si“ fordert. Was hat das Seelenheil mit Umweltschutz zu tun, fragen die Fundamentalisten. Dabei steht Franziskus auch in der Tradition seines Namensgebers, dem alle Geschöpfe am Herz lagen, nicht nur der Mensch.

Die Kirche ist mit ihm weniger theoretisch geworden

Die Weichenstellung mit den sichtbarsten Folgen ist ihm bislang in der Nominierung neuer Kardinäle gelungen, die eines Tages seinen Nachfolger bestimmen werden. Sie stammen aus allen Ecken und Enden der Welt, Franziskus wählt eher Pastoren-Typen statt weltfremder Top-Theologen, wie sie noch unter seinem Vorgänger Konjunktur hatten. Die Kirche ist mit Franziskus weniger theoretisch, dafür aber nachhaltig universal geworden.

Bild: Evandro Inetti, dpa

Das Projekt Wiederaufbau gerät hingegen immer wieder ins Stocken. Da ist zum Beispiel der zwiespältige Umgang des Papstes mit dem Thema Missbrauch. Einerseits wirkt sein Bemühen um die Anliegen von Betroffenen aufrichtig, andererseits scheinen Franziskus persönliche Freundschaften zuweilen mehr zu bedeuten als ein mutiges Vorgehen gegen die Täter. So verteidigte er bei seiner Chile-Reise im Januar einen Bischof, der einen Pädophilen gedeckt haben soll und stieß die Opfer vor den Kopf. Zwar entschuldigte er sich später für seine Wortwahl, ein fader Beigeschmack aber blieb.

Zudem ist Franziskus nach fünf Jahren im Amt an seine Grenzen gestoßen. Die Finanzreformen des Papstes treten auf der Stelle. Auch die von den Kardinälen 2013 dringend geforderte Reform der Kurie kommt kaum voran. Kritiker werfen dem Papst Nachlässigkeit vor. Kirchenrechtler Schüller sagt: „Ein charismatischer Papst reicht nicht aus, um in kurzer Zeit alle Problemfelder abzuarbeiten. Auch dieser Papst ist auf Gedeih und Verderb auf Leute angewiesen, die seine Ideen umsetzen.“ Mitarbeiter beklagen, dass die rechte Hand nicht wisse, was die linke tue.

Bei der Weihnachtsansprache putzte er die Mitarbeiter herunter

Innerhalb der Kurie hat sich Franziskus keine Freunde gemacht, wenn er wie bei der Weihnachtsansprache 2014 die Mitarbeiter des kirchlichen Verwaltungsapparats herunterputzt und Arroganz und Eitelkeit anprangert. Dass sich eine Gegenwehr gegen ihn formiert hat, die der Vatikan-Experte Marco Politi einmal als „Bürgerkrieg im Untergrund“ bezeichnete, entspricht aber inzwischen nur noch bedingt der Wirklichkeit. In der Kurie hat Franziskus fast alle Schlüsselposten mit Gefolgsleuten besetzt.

Hinzu kommt: Die bisher wichtigste Schlacht in seinem Pontifikat hat Franziskus eindeutig für sich entschieden. Es geht um das Schreiben „Amoris Laetitia“ vom März 2016, in dem Franziskus der Kirche klammheimlich einen Kurswechsel verordnete. Darin forderte er einen offenen Umgang mit wiederverheirateter Geschiedenen. Was nach einem sperrigen Thema klingt, war letztlich ein trickreiches Manöver, um einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Die Entscheidung, dass Katholiken auch nach einer zweiten Ehe zu den Sakramenten zugelassen werden können, hat für die Kirche enorme Tragweite. Das erklärt auch den heftigen Widerstand. Vier Kardinäle hatten in einem Brief theologische Zweifel angemeldet, eine andere Gruppe den Papst gar Abweichen von der kirchlichen Lehre vorgeworfen. Franziskus aber hat damit einen Präzedenzfall für andere strittige Themen geschaffen – sei es Empfängnisverhütung oder der Umgang der Kirche mit Homosexuelle. Ausnahmen von der absoluten Norm sind fortan möglich. Die gesamte Auswirkung des Schreibens wird wohl erst nach diesem Pontifikat deutlich werden.

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Bild: Fred Schöllhorn

Vielen der 1,2 Milliarden Katholiken ist das zu wenig. Der Papst, der anfangs so populär war, scheint vielen inzwischen egal zu sein – vor allem in Deutschland, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov nahelegt. Weniger als die Hälfte der Deutschen sind der Meinung, dass er wesentliche Veränderungen in der Kirche erzielt hat. „Es gibt keinen Franziskus-Effekt in dem Sinne, dass die Menschen wieder in die Kirche eintreten“, sagt Kirchenexperte Leven. „Der Papst ist als Medienfigur positiv, er wird auf internationaler Ebene gehört. Aber ein cooler Papst macht die Kirche nicht cooler.“

Was all das für die Zukunft bedeutet? Das Kirchenoberhaupt jedenfalls ist unberechenbar geblieben. Er hat zwar zu verstehen gegeben, dass er weder den Zölibat abschaffen noch Frauen als Priester zulassen werde. Das hinderte ihn aber nicht, umstrittene Maßnahmen auf diesen Gebieten zu ergreifen. Dass verheiratete Männer, sogenannte Viri probati, geweiht und bei Messfeiern in entlegenen Gegenden eingesetzt werden, hält Franziskus dem Vernehmen nach für akzeptabel. Kritiker erkennen darin einen verdeckten Angriff auf den Zölibat.

Möglicherweise wird das Thema bei der Jugendsynode in Rom berührt, bei der Amazonas-Synode im Herbst wird es sicher ein Kernthema sein. Ein Grund dafür ist, dass der Priestermangel in der Amazonas-Region dazu führt, dass Gläubige nur selten die Eucharistie feiern können. Im Vatikan gilt als sicher, dass Franziskus am Ende für die regional begrenzte Weihe von Viri probati entscheidet.

Wer wollte, konnte schon bei seiner Wahl eine Weichenstellung in diese Richtung erkennen. Neben Franziskus standen nicht nur die zwielichtigen Granden vergangener Zeiten auf der Loggia des Petersdoms. Der neue Papst hatte direkt neben sich einen Freund gerufen, den brasilianischen Kardinal Claudio Hummes. Er war nicht nur einer derjenigen, der im Konklave für die nötigen Stimmen für den Erzbischof von Buenos Aires warb, sondern auch der Auslöser war für die Namenswahl des neuen Papstes. „Vergiss die Armen nicht“, habe ihm Hummes unmittelbar nach der Wahl in der Sixtinischen Kapelle zugeflüstert, verriet er später. So sei der Name Franziskus zustande gekommen. Hummes gilt als großer Befürworter der Weihe verheirateter Männer.

An jenem Abend vor fünf Jahren, bevor Franziskus die Menschen auf dem Platz segnete, verneigte er sich und bat sie um ihr Gebet. Eine damals neue Geste, aus der inzwischen jener Satz geworden ist, mit dem Franziskus fast jede seiner Ansprachen beendet: „Bitte vergesst nicht, für mich zu beten“. (mit dpa)

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