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Anschlag von Hanau

20.02.2020

Der unauffällige Terrorist: Was Tobias R. so gefährlich machte

Ein Polizist sichert den Tatort am Heumarkt.
Bild: Andreas Arnold, dpa

Plus Tobias R. suchte Schuldige für das, was in seinem Leben schieflief. Der mutmaßliche Täter fand sie unter Ausländern, Frauen und im deutschen Staat.

Als er die ersten Schüsse hörte, ging Kadir Köse vor die Tür des "Blind Rabbits", seiner Bar in der Innenstadt von Hanau, um zu sehen, was los ist. Sein erster Gedanke war, dass das organisierte Verbrechen hinter den Schüssen stecken könnte. Möglicherweise ist auch jemand "durchgedreht", weil er in der Spielothek gegenüber viel Geld verloren hat, dachte er sich.

Es war gegen zehn am Mittwochabend und alles ganz anders.

Nun, am Donnerstag, einem Tag, den die hessische Stadt nahe Frankfurt am Main so schnell nicht vergessen wird, erzählt Köse, wie in diesen dramatischen Minuten auch andere Bewohner aus den Häusern auf die Straße kamen. Ein Nachbar habe ihm gesagt, jemand schieße auf Gastronomiebetriebe, erzählt er. Den Schützen selbst sah Köse nicht.

"Ich habe Angst gekriegt"

Schnell ging er wieder zurück in seine Bar am Heumarkt und versuchte, die Polizei zu erreichen. Doch das Telefon war besetzt. Seinen Gästen sagte er, sie sollen von den Fenstern wegbleiben. "Ich habe Angst gekriegt", berichtet er.

Draußen sah er eine verletzte Person auf dem Boden liegen. Kurz darauf trafen die Einsatzkräfte ein. Später, nachdem Köse von weiteren Schüssen im drei Kilometer entfernten Stadtteil Kesselstadt erfahren hatte, sei ihm klar gewesen, was da los ist: "Terror".

Die "Midnight Shishabar", der erste Tatort, befindet sich auf der anderen Straßenseite. Es hätte auch seinen Laden erwischen können, sagt Köse. "In Hanau war das schon immer so, dass es viele Ausländer gibt", sagt er. Etwa ein Viertel der knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt hat keinen deutschen Pass. Dass der mutmaßliche Täter offenbar einen rechtsextremistischen Hintergrund hatte, bereitet Köse Sorgen. "Ich bin hier geboren und hier aufgewachsen. Die Türkei kenne ich auch nur aus dem Urlaub – wie die meisten Deutschen."

Die Spurensicherung am Tatort am Heumarkt.
Bild: Andreas Arnold, dpa

Dass es weitere Bluttaten dieser Art geben könnte, beschäftigt am Tag danach viele Menschen in Hanau. Zehn ermordete Menschen, neun davon mit ausländischen Wurzeln, dazu die Mutter des Schützen, 72 Jahre alt – das muss die Stadt erst mal begreifen. Von verarbeiten kann noch gar keine Rede sein.

Einige spekulieren, dass der Täter nicht alleine gehandelt haben könnte. An Gerüchten gibt es keinen Mangel in diesen Stunden. Später heißt es von den Ermittlern, dass es keine Hinweise auf einen weiteren Täter gebe.

Nun stehen Passanten vor den Absperrbändern der Polizei, starren auf die Beamten, auf den Asphalt, manche auch ins Nichts. Der Täter soll an mindestens vier Orten geschossen haben, neben zwei Bars auch in einer Art Kiosk und auf ein Auto. Dann soll er in der eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst getötet haben. Nachbarinnen beschreiben ihn als "ganz unauffälligen jungen Mann". Er habe zudem einen etwas "verstockten Eindruck gemacht" und sei sehr schüchtern gewesen.

Anschlag von Hanau: Wer ist dieser Tobias R?

Diese Tat macht auch deshalb so fassungslos, weil offenbar einmal mehr ein vermeintlich unauffälliger Einzelgänger, wie es scheint ohne Einbindung in ein kriminelles oder terroristisches Netzwerk, zugeschlagen hat. Einer, der eben nicht im Visier der Sicherheitsbehörden war. Wer ist dieser Tobias R?

Er entspricht auf den ersten Blick so gar nicht dem Klischee, das man von einem Rechtsextremisten im Kopf hat. Gepflegt mit weißem Hemd und schwarzem Sakko sitzt er in einem Arbeitszimmer vor einem Regal mit Aktenordnern und Büchern. Sein Englisch in dem Video, das er vor wenigen Tagen bei Youtube hochgeladen hat, mit "seiner persönlichen Botschaft an das amerikanische Volk", ist fließend, auch wenn ein hessischer Spracheinschlag nicht zu überhören ist.

Dem Inhalt seiner Ausführungen ist dagegen schwer zu folgen, wenn er über mysteriöse Geheimdienste spricht, die in den USA in unterirdischen Lagern Kinder gefangen hielten. Wüsste man nicht, dass der Mann, der über 50 Minuten scheinbar frei in die Kamera spricht, mutmaßlich zehn Menschen ermordet hat, würde das Video vom Publikum kaum registriert untergehen, in den Massen kruder Verschwörungstheorien, die Menschen im Netz verbreiten.

Mahnwache für die Opfer von Hanau: Muslime in der Innenstadt von München.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Tobias R. hinterlässt nicht nur mindestens seltsame Videobotschaften, sondern hat seine bizarr wirkende Gedankenwelt auch fein säuberlich gegliedert aufgeschrieben. Nachdem sich der 43-Jährige selbst erschossen hat, gibt es kaum einen Zweifel, dass er seine Weltsicht authentisch schildert. Andernfalls könnte man angesichts der in zahllosen Absätzen extrem auffälligen Symptome einer Geisteskrankheit und Wahnvorstellungen auf den Gedanken kommen, der Verfasser entwirft eine Verteidigungsstrategie für psychische Unzurechnungsfähigkeit bei seinen geplanten Verbrechen.

Man muss sich zwingen, in die schlicht "Skript mit Bilder" betitelte 24 Seiten lange Rechtfertigungsschrift einzutauchen. Nach wenigen Absätzen bewegt sich der Leser erst in Verschwörungstheorien über Geheimdienste und dann in den Wahnvorstellungen des Mannes. Illustriert mit comicartigen Sprechblasenzeichnungen, die an die unterkühlte Anmutung von Erste-Hilfe-Anleitungen erinnern, schreibt er, wie sich schon kurz nach seiner Geburt ein unsichtbarer Geheimdienst in sein Gehirn "eingeklinkt" habe, seine Gedanken lesen könne und filmisch verarbeite.

Tobias R.: "500 Millionen Menschen germanischer Abstammung"

Sich selbst sieht der Attentäter in seinem egozentrischen Wahnbild als eine Art Mittelpunkt der Weltpolitik. Denn sowohl der Irak- und Afghanistan-Krieg als auch der Aufstieg Donald Trumps in den USA hätten geheime Mächte nach seinen Ideen und gedanklichen Vorlagen umgesetzt. Nicht nur das, auch fünf Hollywood-Filme und die Neuorganisation des Deutschen Fußballbundes vor der Weltmeisterschaft 2006 mit Jürgen Klinsmann als Teamchef und Oliver Bierhoff als Manager habe der DFB oder eine "Schattenregierung" durch Abhören seiner Ideen umgesetzt, behauptet Tobias R., der in der Jugendmannschaft von Eintracht Frankfurt Fußball gespielt haben will.

All das mag absurd wirken, wäre da nicht das rassistische Weltbild, das den 43-Jährigen zum Rechtsextremisten und Terroristen macht. In seiner Wahnschrift fordert Tobias R. die Vernichtung der kompletten arabischen Welt, Israels, Irans, Indiens und asiatischer Länder. Auch Deutschland müsse gesäubert werden, da nicht jeder "reinrassig und wertvoll" sei, "eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen", schreibt er und fabuliert über einen Zustand, wenn nur noch "500 Millionen Menschen germanischer Abstammung auf der Erde rumlaufen".

SEK-Beamte in der Nähe des Tatorts im hessischen Hanau.
Bild: Boris Roessler, dpa

In dem Schreiben klagt er, nie eine Frau gefunden zu haben, die seinen Ansprüchen genügt habe. Seinen Lebenslauf beschreibt Tobias R. mit Abitur, Zivildienst, Bankkaufmannlehre und BWL-Studium in Bayreuth. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bestätigt zumindest, dass der mutmaßliche Täter zeitweilig in Oberfranken und in Oberbayern gewohnt habe. "Zuletzt hat er sich wohl 2018 im südbayerischen Raum aufgehalten", sagt der CSU-Politiker am Rande eines Termins in Friedberg bei Augsburg.

Tobias R. schreibt zudem, dass er wegen der angeblichen Überwachung durch geheime Mächte 2002 und 2004 Strafanzeige bei der Polizei gestellt habe. Im vergangenen Jahr habe er eine weitere Anzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe gestellt.

Tobias R. sei ein "eher ruhiger Typ" gewesen

Wie die Bild-Zeitung berichtet, existiert das 19-seitige Schreiben an Generalbundesanwalt Peter Frank vom November 2019 tatsächlich und habe bereits zahlreiche Passagen der Wahnschrift enthalten. Einen Anschlag deutete er jedoch in keinem der Papiere an. Außerdem, so heißt es später, war er nicht vorbestraft.

Stellt sich die Frage, wie der Mann an die Waffe gekommen ist. Am Nachmittag gibt es eine Antwort: Tobias R. war Mitglied im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim in Frankfurt, bestätigt Thilo von Hagen, Sprecher des Deutschen Schützenbundes. Im Verein selbst heißt es, Tobias R. sei ein "eher ruhiger Typ" gewesen, der in keiner Weise auffällig geworden sei. "Er hat keinerlei ausländerfeindliche Sprüche geklopft", sagt der Vorsitzende Claus Schmidt. Auch im Umgang mit Vereinsmitgliedern mit Migrationshintergrund habe R. kein auffälliges Verhalten gezeigt.

Schweigeminute: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Hanau.
Bild: Uwe Anspach, dpa

Seit 2012 war er wohl Mitglied in dem Verein. Er habe mit eigenen Waffen geschossen, was üblich sei, sagt Schmidt. Dass Tobias R. im Internet wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien äußerte, sei nicht bekannt gewesen. "Mit dem konnte man sich ganz vernünftig unterhalten", so Schmidt.

Auch ein Grund, warum die Menschen in Hanau nun so verunsichert sind. Ein Mann sagt, er habe "ein mulmiges Gefühl" gehabt, als er in die Arbeit ging. Eine Frau, die in einem Café in der Innenstadt arbeitet, berichtet, ihr Vater habe sie an zu ihrem Arbeitsplatz gefahren, weil er Angst um sie hatte. Und eine Zwölfjährige, die in der Nachbarschaft des mutmaßlichen Täters wohnt, wollte am Morgen nicht zur Schule gehen, obwohl sie eigentlich Unterricht gehabt hätte.

Elternhaus des Täters befindet sich in Kesselstadt

Belebt sind die Straßen der Stadt am Vormittag nicht. Lediglich an den Schauplätzen der Verbrechen ist einiger Trubel. Dort versammeln sich Trauernde, Schaulustige, Polizisten und Journalisten. Mohammed Bouaissa ist Anwohner am zweiten Tatort, am Kurt-Schumacher-Platz im Stadtteil Kesselstadt. Hier befindet sich eine weitere Shisha-Bar und ein Kiosk, in denen der Todesschütze sein Blutbad fortsetzte. In der Nacht erhielt Bouaissa einen Anruf von seiner Frau, die gerade nicht in der Stadt war. Sie warnte ihn davor auf die Straße zu gehen, weil sie aus den Medien erfahren hatte, was passiert war. Er selbst wusste von nichts. Als er sich – trotz der Warnung – ein Bild von den Ereignissen machen wollte, war die Polizei schon da. "Ich dachte nie, dass hier so etwas passieren könnte", sagt er. "Jetzt habe ich Angst."

Auch das Elternhaus des Täters befindet sich in Kesselstadt. Ein unauffälliges Reihenhaus, fußläufig keine zehn Minuten entfernt vom zweiten Tatort. Am Nachmittag ist die Umgebung noch immer von der Polizei abgesperrt. Ein Ehepaar erzählt, ab und zu hätten sie ihn gesehen, wie er den Müll rausbringt. Seinen Namen kannten sie nicht. Jetzt kennen sie ihn.

Lesen Sie dazu auch: Wie Politiker auf den mutmaßlichen Anschlag in Hanau reagieren

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Die Diskussion ist geschlossen.

20.02.2020

Solange möchtegernführer wie Höcke von der AfD hetzen und trotzdem gewählt werden müssen wir in Deutschland Angst haben vor einer Zeit in der wieder Säuberungen durchgeführt werden.
Dieser verrückte Mörder hat mal angefangen.

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