Newsticker
Italien meldet 100.000 Corona-Tote, Niederlande verlängert Lockdown, Österreich riegelt Stadt ab
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Der ungewöhnlichste Wahlkampf der amerikanischen Geschichte

US-Wahl 2020

01.11.2020

Der ungewöhnlichste Wahlkampf der amerikanischen Geschichte

Präsident Donald Trump und Präsidentschaftskandidat Joe Biden vor der US-Präsidentschaftswahl..
Bild: Patrick Semansky, dpa

Plus Präsident Trump und sein Herausforderer Biden sind sich in einem Punkt einig: Die Wahl wird über Amerikas Zukunft entscheiden. Doch ihre Werte könnten unterschiedlicher nicht sein.

Die Vorstellung macht ihn fertig. "Gegen den schwächsten Kandidaten der Geschichte anzutreten, setzt mich enorm unter Druck", ruft Donald Trump seinen Zuhörern regelmäßig zu: "Könnt ihr euch vorstellen, wie es wäre, wenn ich verlöre? Mein ganzes Leben werde ich daran denken müssen", unkt er: "Ich würde mich nicht gut fühlen."

"Sleepy Joe", der schläfrige Joe, im Weißen Haus. Donald Trump, der größte Präsident aller Zeiten, in Rente. Die Bemerkung ist als sarkastische Spitze gegen den Herausforderer gedacht, den der Amtsinhaber als senilen Tattergreis karikiert. Doch wie oft bei Trump sagt sie mehr über den Urheber als über den Adressaten aus.

Donald Trump kennt nur: Fressen oder gefressen werden

Von seinem despotischen Vater hat er gelernt, sich "wie ein Killer" zu verhalten. Als New Yorker Immobilienmogul kannte er nur eine Alternative: Fressen oder gefressen werden. Wenn ihn die Bürger nun nach vier Jahren aus dem höchsten Amt der USA vertreiben würden, wäre das die ultimative Demütigung. Also hetzt Trump, drei Wochen nach seiner Covid-Erkrankung, kreuz und quer durchs Land, er droht und wütet und steigert sich immer mehr in Untergangsszenarien für den Fall einer Niederlage.

Der vermeintliche Polit-Opa Biden liegt in den Umfragen mit gut sieben Punkten vorn, und auch die wichtigen Swing States, die Trump 2016 erobern konnte, sympathisieren plötzlich mit dem Demokraten. Überraschungen sind nie ausgeschlossen. Sollte aber der 77-jährige Ex-Obama-Vize am Dienstag tatsächlich den ehemaligen Favoriten besiegen, wäre das ein furioses Finale des ungewöhnlichsten Präsidentschaftswahlkampfs der amerikanischen Geschichte.

Donald Trump spricht bei einer Wahlkampfkundgebung in Pennsylvania.
Bild: Alex Brandon, dpa

Noch im Februar schien Biden im innerparteilichen Wettstreit um die Kandidatur abgeschlagen. Dann katapultierten ihn die Stimmen der Afroamerikaner in South Carolina an die Spitze des demokratischen Bewerberfelds. Kurz darauf lagen die öffentlichen Politikerauftritte wegen der Corona-Pandemie monatelang auf Eis. Seit ein paar Wochen nun laufen die Kampagnen wieder – aber mit zwei völlig konträren Konzepten und Kandidaten.

230.000 Corona-Tote: Trump erklärt Krise trotzdem für beendet

"Ich wünschte, ich könnte von Auto zu Auto gehen und euch alle treffen", versichert Biden. Es ist Samstag, und seine Kampagne veranstaltet in Bucks County in Pennsylvania ein Drive-in auf dem Parkplatz einer Schule. Genau 130 Autos finden mit ordentlichem Abstand von der Bühne Platz. Das Podest ist mit Heuballen und Kürbissen herbstlich geschmückt, den Redner kann man aus der Ferne auf den beiden Monitoren an der Seite erkennen. "Ich mag die Idee der sozialen Distanz nicht", gesteht er, "aber es ist notwendig."

Biden redet gerade mal 25 Minuten. Dann setzt er wieder seine Maske auf und verabschiedet sich, ohne für Selfies zu posieren oder Hände zu schütteln, wie es vor Corona typisch für ihn war. Die handverlesenen Gäste hupen zustimmend.

Trump hingegen hat die Corona-Krise trotz 230.000 Toten und inzwischen rund 80.000 täglichen Neuinfektionen in den USA für beendet erklärt. "Wir sind über den Berg", behauptet er in Bullhead City in der Wüste von Arizona. "Das normale Leben kehrt zurück." Bei der Wahl gebe es eine klare Alternative: "Trump-Boom oder Biden-Lockdown." Die Überwindung der eigenen Covid-Infektion hat ihn in der Bagatellisierung der Gefahr noch bestärkt. Mehr als 20 Kundgebungen hat er seit seiner Gesundung absolviert, und jeden Tag kommen zwei oder drei dazu.

220.000 Tote durch das Coronavirus sollten US-Präsident Donald Trump nach Meinung von Herausforderer Joe Biden das Amt kosten. Im letzten TV-Duell hielt Biden eine Maske hoch - das Symbol seiner Corona-Politik.
Bild: Julio Cortez, dpa

Meist spricht der Präsident in einem Hangar auf kleinen Flughäfen, zwei- oder dreitausend Zuhörer drängen sich ohne Maske und Rücksicht auf Gesundheitsvorschriften dicht an dicht. Der 74-Jährige redet sich 70 Minuten lang in Ekstase, und am Ende tanzt er zum Party-Song "YMCA" auf der Bühne. "Das sind Massen, wie man sie nie zuvor gesehen hat", brüstet sich der Präsident.

Die Größe des Publikums, die Höhe der Börsenkurse, der Profit der Unternehmen – das sind die Werte, an denen sich der Milliardär Trump orientiert. Nach seiner Einschätzung lief in den USA alles großartig, bis "China dieses Virus herausgelassen hat". Politisch sieht er die Pandemie als ärgerliche Ablenkung, die er nach eigenem Bekunden zunächst herunterzuspielen versuchte. Persönlich, so beschreibt es seine Nichte Mary Trump, gilt ihm "Krankheit als Ausdruck einer unverzeihlichen Schwäche".

Der Kontrast zwischen Biden und Trump könnte nicht größer sein

Der Kontrast zu Biden könnte nicht größer sein. Mit 29 Jahren war der Nachfahre irischer Einwanderer gerade für seinen Heimatstaat Delaware als jüngster Senator gewählt worden, als 1972 kurz vor Weihnachten sein Leben implodierte. Bei einem Verkehrsunfall wurden seine Frau Neilia und sein Baby Naomi getötet, die beiden Söhne Hunter und Beau schwer verletzt. Nach der Heirat mit seiner jetzigen Frau Jill kehrte das Glück zurück, aber nicht auf Dauer. Sein Lieblingssohn Beau wurde von einem aggressiven Gehirntumor befallen, an dem er 2015 im Alter von 46 Jahren starb.

Die tragische Familiengeschichte ist mit dem Namen Biden untrennbar verbunden, und der Politiker geht damit offen um. Seine Erfahrungen haben ihn zu einer Art öffentlichem Seelsorger gemacht. Aufmerksam hört er sich bei Begegnungen die Nöte der Gäste an, und öfter gibt er ihnen seine Telefonnummer. Folgerichtig hat er die Corona-Pandemie ins Zentrum seines Wahlkampfes gerückt. Er wirft dem Amtsinhaber vor, die Gefahren bewusst verharmlost, die Wissenschaftler mundtot und das Maskentragen diskreditiert zu haben, das den Tod zehntausender Menschen hätte verhindern können. Trumps Behauptung, das Land lerne, mit dem Virus zu leben, kontert er hart: "Wir lernen, damit zu sterben."

Buergerrecherche

Biden: "Ich werde als amerikanischer Präsident für alle arbeiten."

Bei den politischen Inhalten hat sich der Pragmatiker seit seiner Nominierung auf den linken Flügel der Partei zubewegt. Er verspricht nun eine Anhebung der Unternehmensteuern, ein billionenschweres Investitionspaket für Klima und Infrastruktur und die Einführung einer optionalen öffentlichen Krankenversicherung. Doch im Kern seiner Kampagne steht das Versprechen, den gesellschaftlichen Fieberwahn zu beenden, mit dem Trump das Land angesteckt hat. Biden prangert die kaum versteckten Grußadressen des Präsidenten für Rechtsextreme und dessen Verhöhnung gefallener Soldaten als "Verlierer und Trottel" an, fordert eine Rückkehr von "Anstand und Respekt" und verspricht, das Land einen zu wollen: "Ich bewerbe mich als stolzer Demokrat, aber ich werde als amerikanischer Präsident für alle arbeiten."

Daran hat Trump kein Interesse. Sein Geschäftsmodell beruht auf der Spaltung des Landes und der extremen Mobilisierung jener 40 Prozent, die ihn unerschüttert unterstützen. Mit dem Gespür des Profiboxers für mögliche Wirkungstreffer hat er die verwundbaren Stellen seines Kontrahenten ausgemacht. Biden ist kein guter Redner, er hat als Kind gestottert und ringt noch heute manchmal nach einem Wort. Zudem merkt man dem 77-Jährigen gelegentlich sein Alter an, wenn er unkonzentriert eine Zahl verwechselt oder einen Satz verstolpert. Trumps wilde Zwischenrufe in der ersten Fernsehdebatte dienten dem Ziel, den Redner aus dem Konzept zu bringen. Gleichzeitig lässt er in den sozialen Netzwerken teilweise manipulierte Videoschnipsel verbreiten, die Biden wie einen Demenzkranken wirken lassen.

Über den wirklichen Gesundheitszustand des Präsidenten weiß die Öffentlichkeit nichts. Auch seine Finanzen liegen im Dunkeln, weil er anders als Biden seine Steuererklärung nicht offenlegt. Doch auch hier projiziert er seine eigenen Probleme auf seinen Herausforderer, dem er mithilfe seines Anwalts Rudy Giuliani, eines ominösen Laptops und angeblicher Dokumente, die auf dem Flug von New York nach Los Angeles verloren gegangen seien, eine wilde Korruptionsaffäre anzudichten versucht.

"Das ist ein riesiger Skandal", ruft der Präsident am vorigen Samstag seinen Anhängern in Waukesha im Bundesstaat Wisconsin zu. Es ist zwei Grad kalt, aber bei dem Thema kommt er so richtig in Fahrt. Ein "Krimineller" sei Joe Biden, behauptet er. "Hört ihr die Rufe da hinten?", lockt er die Basis. Es dauert nicht lange, bis mehrere tausend ebenso maskenlos wie lautstark "Lock him up!" (Sperr ihn ein!) skandieren.

US-Präsidentschaftswahl: Es geht um alles

Das erinnert an den Wahlkampf von 2016, als Trump seine damalige Herausforderin Hillary Clinton ins Gefängnis werfen wollte. Auch sonst greift der Präsident tief ins Retro-Drehbuch. "Kein Öl, keine Waffen und keinen Gott", werde es unter einem Präsidenten Biden geben, sagt er, und dass diese Wahl die wichtigste in der amerikanischen Geschichte sei. Es geht also um alles.

Auch Biden wählt ganz große Bilder. Für ihn ist der Urnengang eine schicksalhafte Abstimmung über den Dämonen Trump und "die Seele Amerikas". Demonstrativ besuchte er diese Woche Warm Springs, den legendären Rückzugsort des ehemaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der das Land geeint durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg führte. "Von Zeit zu Zeit in unserer Geschichte haben wir Scharlatane gesehen, Rattenfänger, verlogene Populisten, die mit Ängsten spielen, an die schlimmsten Impulse appellieren und alles zum eigenen Vorteil nutzen", sagte Biden.

Nur drei Dutzend Gäste und ein paar Kameras waren bei dem Vortrag auf einem abgesperrten Hotelgrundstück zugelassen. Die Rede klang ernst und staatsmännisch. Biden zitierte Roosevelt, Papst Franziskus und die Bibel.

An diesem Samstag will der Kandidat in Michigan erstmals gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef Barack Obama auftreten. Mehr politisches Gewicht geht kaum. "Gott und die Geschichte rufen uns in diesem Augenblick und zu dieser Aufgabe", mahnte er in Warm Springs eindringlich. "Wir müssen uns mit unseren Stimmen von den Mächten der Dunkelheit befreien."

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren