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Datenaffäre

04.02.2009

Deutsche Bahn mahnt Blogger ab

Bahn weist Bespitzelungsvorwurf zurück
Bild: DPA

Die Deutsche Bahn kämpft nicht nur mit einer Datenaffäre. Sie hat sich auch einen satten PR-Gau geleistet. Sie versuchte, einem Blogger einen Maulkorb zu verpassen. Viel ungeschickter geht es nicht. Von Sascha Borowski

Die Deutsche Bahn kämpft nicht nur mit einer Datenaffäre. Sie hat sich auch einen satten PR-Gau geleistet. Weil sie versuchte, einem Blogger einen Maulkorb zu verpassen. Viel ungeschickter geht es nicht. Von Sascha Borowski

Barbra Streisand ist eine begnadete Sängerin. Nur vom Internet versteht sie offenbar nicht viel. Jedenfalls verklagte die Musikerin einst die Webseite Pictopia.com auf 50 Millionen Dollar, weil diese ein Foto vom Ferienhaus der Sängerin veröffentlicht hatte. Streisand erreichte damals das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollte. Das Bild wurde nicht gelöscht. Stattdessen berichteten plötzlich tausende Menschen im Internet über das - bis dahin völlig unbekannte - Haus der Musikerin und ihre Klage gegen Pictopia.com.

Seitdem gibt es das geflügelte Wort vom "Streisand-Effekt": Wer versucht, Informationen im Internet zu unterdrücken, erreicht allzu oft genau das Gegenteil.

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Der Linke-Politiker Lutz Heilmann ist ein klassisches Beispiel dafür. Er meinte Ende 2008, das Internet-Lexikon Wikipedia sperren zu können weil ihm darin Einträge über sich nicht passten. Auch er erreichte mit seiner Aktion genau das Gegenteil dessen, was er eigentlich wollte: Statt die Verbreitung der unerwünschten Informationen zu verhindern, berichtete die gesamte Netzgemeinde über den Politiker und seine DDR-Vergangenheit. Heilmann knickte binnen drei Tagen ein. Wikipedia war wieder für jedermann erreichbar, der Ruf des Politikers lädiert.

Seit Dienstag darf sich nun auch die Deutsche Bahn in die Reihe der Streisand-Effekt-Geschädigten einreihen. Als würden Streiks und Schnüffel-Skandal nicht reichen, leistet sich das Unternehmen jetzt auch noch einen gewaltigen PR-Gau.

Opfer in diesem Fall - wenn man das überhaupt so sagen kann - ist Markus Beckedahl, Betreiber des bekannten Internet-Blogs netzpolitik.org. Beckedahl war ein internes Memo des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zur Datenaffäre bei der Bahn zugespielt worden. Was machte Beckedahl konsequenterweise? Er veröffentlichte das Memo in voller Länge - und fing sich prompt eine Abmahnung der Deutschen Bahn ein.

Vorwurf: Verrat von Dienstgeheimnissen

Das Unternehmen machte einen Verrat von Dienstgeheimnissen geltend und forderte von Beckedahl die Löschung des Memos aus seinem Blog.

Beckedahl wiederum tat genau das, was Blogger in so einer Situation eigentlich immer tun: Er machte die Abmahnung sofort öffentlich.

Was folgte, war ein - in solchen Fällen üblicher - Sturm in der Blogosphäre. Etliche Internet-Blogger berichteten mittlerweile über den Maulkorb-Versuch. Das juristische Unterfangen wurde in Foren diskutiert, in Wikis thematisiert, bei Twitter verbreitet, von professionellen wie hobbymäßig betriebenen Online-Medien aufgegriffen. Kurz: Statt erfolgreich einen Maulkorb zu verhängen, erreichte die Deutsche Bahn mit ihrer Abmahnung genau das Gegenteil: Das Memo und sein bloggender Verbreiter wurden bundesweit noch bekannter, als sie es ohnehin schon waren.

Dass netzpolitik.org eines der meistgelesenen deutschen Blogs ist, trug nur zur rasanten Verbreitung des kuriosen Streites bei.

Markus Beckedahl spürt entsprechend Rückenwind. In seinem Blog schreibt er von einem "überwältigenden Feedback" auf seine Veröffentlichung. Und wirbt dabei nebenbei für die re-publica - den von ihm organisierten Blogger-Kongress in Berlin, auf dem schon seit Jahren über die Macht des Bürger-Journalismus diskutiert wird.

Beckedahl schreibt auch, dass er sich dem Druck der Deutschen Bahn nicht beugen wird. Muss er wohl auch nicht. Der PR-Gau für die Deutsche Bahn ist längst perfekt. Im Internet kursieren schon regelrechten Listen mit Gründen, warum die Bahn diesen Konflikt nur verlieren kann.

Selbst wenn Markus Beckedahl in einem Gerichtsprozess wegen der Veröffentlichung unterliegen würde - Gewinner wäre er wohl auf jeden Fall. Das Memo des Datenschützers kennt mittlerweile jeder. Das Blog netzpolitik.org auch. Und die Deutsche Bahn sollte gelernt haben, was es mit dem Streisand-Effekt auf sich hat.

Ein Ferienhaus brauchte sie dafür nicht.

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