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Deutsche Einheit
02.10.2018

Wie Menschen in anderen Ländern über uns denken

Wie sehen Journalisten aus dem Ausland Deutschland? Ein Dossier zum Tag der Deutschen Einheit.
Foto: Paul Zinken, dpa (Symbol)

Was denken Journalisten aus der Schweiz, Griechenland, Frankreich, Israel oder Russland über uns Deutsche? Ein Blick von außen auf ein manchmal merkwürdiges Land.

1. Peter Rasonyi, Schweiz: "In Deutschland werden Probleme moralisch statt sachlich diskutiert"

Die Schweiz hat einen ganz besonderen Blick auf Deutschland – sie ist uns so nah und doch so fern. Ein Gespräch mit dem NZZ-Journalisten Peter Rasonyi über deutsche Eigenarten und warum er dem Einzug der AfD in die Parlamente auch etwas Positives abgewinnen kann.

Herr Rasonyi, die Neue Zürcher Zeitung gehört zu den größten Kritikern der deutschen Politik. Was haben Sie eigentlich gegen Deutschland?

Peter Rasonyi: Ich habe gar nichts gegen Deutschland. Ich selbst habe viel Zeit in Deutschland verbracht, die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland sind ohnehin sehr eng. Aber wir sind eine liberale Tageszeitung und blicken mit diesem Fokus auf jedes Land. In Deutschland entdecken wir viele Themen, die wir nüchtern und sachlich analysieren. Dabei kommen wir zu Schlüssen, die vielleicht als kritisch wahrgenommen werden. Aber wir gehen mit der schweizerischen Politik genauso kritisch um.

Im NZZ-Newsletter „Der andere Blick“ wünscht sich Ihre Redaktion immer wieder eine klarere Positionierung Deutschlands – sei es in der Außenpolitik oder in Bezug auf Europa. Nun steht die Schweiz selbst bequem an der Seitenlinie. Darf man da anderen gute Ratschläge geben?

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Peter Rasonyi: Die NZZ blickt auf die ganze Welt und dabei kommen wir zu Schlussfolgerungen, die für Deutschland andere sind als für die Schweiz, die international ein Leichtgewicht ist und keine tragende Rolle hat. Weder in Europa noch weltweit. Das ist bei Deutschland anders. Es spielt eine größere Rolle und muss mit dieser Rolle auch anders umgehen als etwa die Schweiz.

Nämlich wie?

Peter Rasonyi: 2015 war im Nachhinein gesehen eine riesige Herausforderung für ganz Europa. Da fehlte es klar an einer europäischen Führungsrolle und einer einheitlichen Stimme, wie man damit umgehen muss. Als in Deutschland Mitte 2015 einfach entschieden wurde, die Grenzen komplett zu öffnen, war das innenpolitisch ein sehr schwieriges Signal. Man spürt die Nachwehen noch immer.

War 2015 für Deutschland also ein Schicksalsjahr?

Peter Rasonyi: Sachlich gesehen nicht. Ich glaube, die Integration dieser großen Zahl von Flüchtlingen ist zu bewältigen. Ich finde es sehr eindrücklich und bewundernswert, wie Deutschland das schafft. Man schafft nicht alles, aber man schafft sehr vieles. Die Bereitschaft der Bevölkerung ist wirklich großartig. Aber gefühlt war 2015 vielleicht doch ein Schicksalsjahr, weil es zu großer Verunsicherung geführt hat. Wichtige Grundsätze der Politik wurden nicht mehr eingehalten. Der politische Diskurs ist bis heute durch die Flüchtlingskrise geprägt.

Dieser Diskurs wurde sehr stark moralisch aufgeladen. Ist das etwas typisch Deutsches?

Peter Rasonyi: Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass in Deutschland viele Probleme auf der moralischen anstatt auf der sachlichen Ebene abgehandelt werden. Und das ist nicht immer hilfreich. In der Flüchtlingskrise war dies sehr ausgeprägt. Konstruktive Kritik wurde primär moralisch abgehandelt und damit eigentlich verunmöglicht. Das rächt sich nun. Daraus erwuchsen Vorwürfe wie die Meinungsfreiheit sei nicht mehr gegeben oder die Medien würden ihre Rolle nicht mehr richtig ausüben. Beiträge zur Debatte wurden tabuisiert durch diese sehr starke moralische Ausrichtung.

Peter Rasonyi ist studierter Volkswirt und Leiter der Auslandsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
Foto: Rasonyi

Warum ist das typisch deutsch?

Peter Rasonyi: In der Schweiz laufen solche Diskurse anders, sehr viel stärker sachorientiert, weil die Menschen durch die direkte Demokratie am Ende ja auch über Sachfragen abstimmen müssen. In Deutschland scheint es mir doch sehr ausgeprägt, dass man stark auf der moralischen Ebene über Probleme spricht.

Wie schafft es die Schweiz, die öffentliche Debatte weniger aufgeheizt zu führen?

Peter Rasonyi: Das Bewusstsein ist ein anderes, da die Bevölkerung der Souverän ist, der am Ende alle wichtigen Fragen entscheidet. Dadurch ist die Politik gezwungen, die Bevölkerung ernst zu nehmen und die Probleme auf eine Art und Weise zugänglich zu machen, die es erlaubt, dass die Menschen ernsthaft entscheiden können. Das führt zu einer anderen Qualität des Diskurses. Wir haben viel weniger eine Kluft zwischen Elite und Bevölkerung.

Eine Journalistin hat kürzlich geschrieben: In der Schweiz sind Wutreden ein Ventil, in Deutschland sind sie ein Brandbeschleuniger.

Peter Rasonyi: Das kann man so sehen. Der politische Diskurs in Deutschland ist stärker abgekoppelt von der Realität der meisten Bürger. Wenn man nur alle vier Jahre wählen kann, wird man dazwischen auch nicht mehr direkt angesprochen. Dadurch können sich Machtkämpfe viel stärker beschleunigen. Hier in der Schweiz ist die Politik zwangsläufig viel näher am Alltagsleben. Weil es ja letztlich um Alltagsprobleme geht und die Bevölkerung eingreifen kann.

Nun war es den meisten Deutschen ganz recht, wenn sie nur alle vier Jahre mit Politik „belästigt“ wurden. Selbst die Wahlkämpfe galten als ausgesprochen langweilig. Und plötzlich ist die Stimmung politisch aufgeheizt.

Peter Rasonyi: Das muss ja keine schlechte Entwicklung sein. Dieses Delegieren der Politik weit weg nach Berlin hat ja auch eine problematische Seite. Zwar führt es gefühlt zu Stabilität und Geborgenheit. Aber letztendlich besteht Politik aus einem Wettbewerb der Ideen. Und ein Wettbewerb darf durchaus intensiv geführt werden. Er soll zu einer Selektion der besten Ideen führen. Ich denke daher, dass es eine positive Entwicklung ist, dass in Deutschland der politische Wettbewerb wieder intensiver ausgefochten wird.

Gehört zu diesem Wettbewerb der Ideen auch, dass eine Partei wie die AfD im Parlament ist?

Peter Rasonyi: Ich verstehe sehr gut, dass die Deutschen da empfindlich reagieren. Das ist auch gar nicht falsch. Aber ich denke, der Einzug der AfD in den Bundestag war folgerichtig. Es gibt Anteile in der Bevölkerung, die sich von der AfD vertreten fühlen. Vor einem Jahr war auch noch weniger klar, wie sich die Partei ausrichten würde. Die AfD war ein breites Sammelsurium von Bewegungen. Später gab es Machtkämpfe um die Führung. Inzwischen scheint sich die AfD immer weniger von radikalen Bewegungen im rechten politischen Spektrum abzugrenzen. Damit ist es eine offene Frage, welche Rolle die AfD in der Demokratie wirklich spielen wird. Bleibt sie eine demokratische Partei? Wird sie eine rechtsradikale Bewegung? Im Moment aber ist sie eine Bereicherung des politischen Spektrums.

Die AfD hat sich immer wieder an der Schweiz orientiert, als Vorbild darf die nationalkonservative und rechtspopulistische SVP gelten. Wie geht die Schweiz mit dieser starken SVP um?

Peter Rasonyi: Die Schweizerische Volkspartei gibt es seit hundert Jahren, das ist ein wichtiger Unterschied zur AfD. In den letzten vielleicht etwa 30 Jahren hat sich die SVP deutlicher nationalkonservativ ausgerichtet und ist damit zur stärksten Partei der Schweiz geworden. Was die Schweiz mit ihrem konsensorientierten politischen System erreicht hat, ist die Einbindung dieser nationalkonservativen Bewegung in den politischen Alltagsprozess. Das hat sehr viele Veränderungen gebracht. Wir haben im innenpolitischen Diskurs Themen stärker aufgegriffen, die früher von den Parteien eher vernachlässigt wurden. Die SVP hat diese Dinge auf nicht immer schöne Art und Weise thematisiert. Aber sie hat die Politik bürgernäher gemacht, weil sie gezwungen war, Themen aufzugreifen, die man lieber ausgegrenzt hätte. Gleichzeitig wurde die SVP durch die Integration in die Regierungsverantwortung auf allen Ebenen auch von einer weiteren Radikalisierung abgehalten.

Ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schwach, um Deutschland durch diese Zeit der Umbrüche zu führen?

Peter Rasonyi: Ich denke, die ganze Große Koalition ist eine Notlösung und damit ein schwaches Produkt. Nicht nur, weil man keine Ideen hätte, sondern weil man gar kein gemeinsames Projekt möchte.

Sie waren mehrere Jahre Korrespondent in Berlin. Wie haben Sie das Land damals erlebt?

Peter Rasonyi: Es war eine faszinierende Zeit. Ein prägender Eindruck für mich war, dass Berlin nicht Deutschland ist und Deutschland nicht Berlin. Man verliert schnell den Fokus auf das ganze Land, wenn man sich in dieser Berliner Blase bewegt. Deutschland habe ich erlebt als ein sehr vielfältiges Land mit großen regionalen und kulturellen Unterschieden.

Gab es etwas, das Sie an Deutschland überrascht hat?

Peter Rasonyi: Ich glaube, das waren tatsächlich diese großen Unterschiede. Ich kenne Süddeutschland recht gut und habe dann erstaunt festgestellt, dass Nord und Süd doch recht unterschiedlich sind, sowohl von der Kultur als auch von der Mentalität und der Geografie. Das hat mich am Anfang überwältigt.

Hat sich Deutschland seit dieser Zeit verändert? 2006 war man während des Sommermärchens fast ein bisschen selbstverliebt. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren.

Peter Rasonyi: Ich bin mir nicht sicher, ob die Stimmung von damals wirklich weg ist. Zumindest im internationalen Kontext hat Deutschland immer noch sehr viel Sympathie, da hat man das Sommermärchen nicht vergessen. Ich glaube aber ohnehin, dass dieses Erstaunen damals, dass Deutschland als sympathisch und sonnig wahrgenommen wird, eher bei den Deutschen selbst herrschte als im Ausland. Ich glaube nicht, dass viele Menschen im Ausland dachten, ich geh jetzt mal ins Land der Barbaren oder der Nazis. Diese Selbstwahrnehmung war eine deutsche.

Ist es eine deutsche Eigenheit, sich stark mit sich selbst zu beschäftigen – manchmal vielleicht sogar bis zur Besessenheit?

Peter Rasonyi: Ja, genau. Dazu gehört auch, sich selbst kritischer zu sehen als man von außen gesehen wird.

In der Schweiz ist das anders?

Peter Rasonyi: Die Schweiz ist sich als kleines Land und als offene Volkswirtschaft sehr stark bewusst, wie wichtig das Ausland für die Schweiz ist. Das war schon immer so und ist eine große Stärke der Schweiz. Das liegt nicht daran, dass die Schweizer das Ausland so sehr lieben, sie wissen, dass sie abhängig sind. Die Schweiz hat eine sehr, sehr hohe Einwanderung – übrigens gemessen an der Bevölkerungsgröße viel höher als Deutschland. Das ist für die Schweiz gut zu tragen und zu ertragen, weil das Land mit der riesigen Kontinuität seiner Geschichte, diesem Mythos von 700 Jahren Eidgenossenschaft, auch sehr selbstbewusst ist. Wir ruhen in uns selbst und können uns damit sehr viele ausländische Einflüsse leisten – das bringt uns nicht aus dem Gleichgewicht.

In der Schweiz speist sich die Identität aus einer starken Geschichte. In Deutschland ist der Blick ins Geschichtsbuch mit Grauen verbunden. Ist das vielleicht sogar der größte Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland?

Peter Rasonyi: Ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Unterschied. Man sieht das auch, wenn man nach England schaut. Die Briten befinden sich in einer ähnlichen Position wie die Schweiz: Sie blicken auch auf eine ungebrochene Geschichte zurück, auf die sie stolz sein können. Sie waren immer auf der richtigen Seite der Geschichte, genau wie die Schweiz, wozu mitunter einfach auch Glück beigetragen hat. Das macht es viel leichter, in seiner eigenen Identität zu ruhen. Deutschland hatte diesen gewaltigen Zivilisationsbruch. Aber ich glaube, dass die Bedeutung dieses Bruchs langsam abnehmen sollte. Es gibt in Deutschland sehr viele Gründe, selbstbewusst und zufrieden auf sich selbst zu blicken, natürlich ohne etwas zu verdrängen oder gar zu negieren.

Wollen die Deutschen zu sehr gemocht werden?

Peter Rasonyi: Ja, das ist wahrscheinlich genau die Folge dieser Geschichte. Dass man verunsichert ist und immer darauf achtet, was die anderen denken. Der Unterschied ist wirklich markant. Als ausländischer Journalist wird man zum Beispiel in Berlin ganz stark wahrgenommen, man darf sich im Bundestag frei bewegen, an allen Pressekonferenzen der Regierung teilnehmen. Das liegt auch daran, dass es nicht egal ist, wie die Welt über Deutschland denkt. Das ist in Paris oder London, wo ich ebenfalls als Korrespondent gearbeitet habe, ganz anders. Und warum interessiert das dort niemanden? Weil die Regierungen überzeugt sind, dass die Wahrnehmung im Ausland ohnehin positiv ist.

Gibt es für Sie noch eine Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland?

Peter Rasonyi: Ja, die gibt es. Die Integration von beiden Teilen zu einem gesamten ist noch nicht abgeschlossen, das ist eine Frage von Generationen. Die Integration hat vor allem zu Beginn darunter gelitten, dass man die Unterschiede zwischen Ost und West nicht wahrhaben wollte und dachte, alle sind gleich. Man war zu wenig bereit, sich mit Unterschieden auseinanderzusetzen und diese auch zu akzeptieren.

Nicht nur die Politik hat an Vertrauen eingebüßt, auch die Medien sind starker Kritik ausgesetzt.

Peter Rasonyi: Viele deutsche Medien berichten eher ähnlich. Das liegt sicher auch an Tabus, die aus der eigenen Geschichte entstanden sind, dass gewisse Dinge einfach nicht thematisiert werden. Viele Kollegen haben zudem einen ähnlichen kulturellen Hintergrund, haben ähnliche Dinge studiert, gingen in dieselben Journalistenschulen. Das führt zu ähnlichen Resultaten in der Berichterstattung. Es gibt nur wenige Ausreißer.

Der amerikanische Journalismus-Professor Jay Rosen hat der deutschen Presse vor wenigen Wochen eine zu große Nähe zu den Mächtigen und eine große Ferne zur Realität bescheinigt. Wie sehen Sie das?

Peter Rasonyi: Das Problem haben Medien weltweit. Durch den Zwang, an Informationen heranzukommen, besteht die Gefahr, dass man durch die Mächtigen diszipliniert wird. Das muss man selbstkritisch eingestehen. Andererseits werden heute Dinge angesprochen, die vor zwei Jahren noch ausgeschlossen waren. Man sieht es am Gebrauch der Begriffe. Vor zwei Jahren musste man sich noch rechtfertigen, wenn man den Begriff „Migrant“ brauchte statt Flüchtling – weil „Migrant“ annimmt, dass nicht jeder ein Flüchtling ist, sondern viele auch aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kommen. Diese Differenzierung ist aber notwendig.

Die NZZ versucht, sich auf dem deutschen Markt zu positionieren – als bewusstes Gegengewicht zu den deutschen Medien. Warum?

Peter Rasonyi: Wir glauben, dass wir mit unserer Art der unabhängigen, weltoffenen und liberalen Berichterstattung und Analyse eine Bereicherung des Medienangebotes auch für deutsche Leser sein können. Wir haben deshalb vor einem Jahr neben der schon längst bestehenden internationalen Ausgabe ein neues digitales Angebotspaket extra für Deutschland lanciert, das man monatlich oder jährlich abonnieren kann. Viele unserer Abonnenten in Deutschland schätzen einen anderen Blick von außen auf Deutschland und die Welt. Sie sind neugierig, möchten auch andere Perspektiven lesen.

Die Neue Zürcher Zeitung versteht sich als intellektuelles Blatt. Sind intellektuell und konservativ nicht Widersprüche?

Peter Rasonyi: Das Wort intellektuell ist ein wenig von linken Kulturschaffenden dominiert. Das ist aber Unsinn. Rechts und links haben mit intellektuell nach meinem Verständnis nichts zu tun. Intellektuell ist jemand, der neugierig ist und Fragen stellt und versucht, die Welt zu verstehen. Diese Eigenschaften sind vom politischen Spektrum unabhängig.

2. Eldad Beck, Israel: "Das vergiftete Schweigen"

An diesem Tag, in diesem Jahr, sollten wir nicht an die deutsche Wiedervereinigung denken, sondern an das Schicksalsjahr 1938: Der Anschluss, das Münchener Abkommen, die „friedliche Lösung der Sudetenkrise“, die Pogrome der „Kristallnacht“. Die Welt schaute zu und schwieg. Die Deutschen, in ihrer großen Mehrheit, schrien und machten sehr gern mit. 1945 haben aber diese Deutschen sehr schnell gelernt, wie wichtig das Schweigen sein kann. Sie haben nichts gesehen, nichts gewusst, nicht geahnt. Mit der Zeit sind sie „Widerständler“ geworden, sogar „Judenretter“.

Und so hat sich die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, im Westen aber auch im Osten, arrangiert, um keine tiefe Auseinandersetzung mit der Geschichte zu haben. Die Nazis waren Außerirdische, die 1933 Deutschland invadiert und die Macht ergriffen hatten, „Verbrechen in Namen des deutschen Volkes“ begingen, und dann verschwanden. Wie bequem. Und weil viele von ihnen mit der Vergangenheit nichts zu tun haben wollten, lernten die Deutschen auch, dass es besser sei, nicht über nationale Identität zu sprechen. Stattdessen wurden die Deutschen europäisiert. Deutschland ist Land der Märchen Rotkäppchen, Aschenputtel, Schneewittchen, Max und Moritz, und Ort der bizarresten modernen Verschwörungstheorien. Und so ist das Märchen geboren, wonach die Deutschen ihre dunkle Geschichte aufgearbeitet hatten und daraus Lehre zogen. Plötzlich, im Sommer 2018, laufen Neo-Nazis herum, ohne dass man die geringste Ahnung hat, wo sie herkamen. Kinder des großen Schweigens. Des vergifteten doppelten Schweigens: über Vergangenheit und nationale Identität.

Eldad Beck ist Deutschland- und Europakorrespondent für die israelische Zeitung Hayom.
Foto: Beck

Das moderne Deutschland ist eine relativ junge Nation – 147 Jahre alt (1871), oder 100 (1918), vielleicht noch 69 (1949) und heute nur 28. Die Naziherrschaft vertritt nicht die gesamte deutsche Geschichte, ist aber ihr Produkt. Kein „Vogelschiss“. Wer dies nicht versteht, darf nicht die deutsche Zukunft gestalten. Das Schweigen sollte beendet werden, nicht mit Lügen, Relativierungen oder Nazi-Nostalgie, sondern mittels einer offenen Diskussion über die deutsche Vergangenheit: Wilhelm II., Hitler, Ulbricht und Co.

Die Welt ändert sich mit einem rasanten Tempo. Im Licht dieser Realität haben die Deutschen das Recht, eine nationale Identität, sogar Patriotismus zu entwickeln. Die Deutschen müssen aber sich selbst und die Welt überzeugen, dass eine solche Identität nicht zu einem neuen Weltkrieg führen wird und dass dies mit Nationalsozialismus nichts zu tun hat.

3. Anton Troianovski, Russland: "Nirgends ist die Freiheit so groß"

Nach vier Jahren in Berlin bin ich im Januar dieses Jahres als Korrespondent für die Washington Post nach Moskau gezogen. Und einiges läuft besser hier in Russland, muss ich sagen. Die Geschäfte haben alle sonntags geöffnet – anders als in Deutschland. Die Metro kommt fast jede Minute. Im dortigen „Bürgeramt“ läuft alles schneller. Die Flughäfen funktionieren, die Restaurantbedienung ist freundlich, und sogar die Straße darf man bei Rot überqueren, ohne für dieses Vergehen allgemeine gesellschaftliche Verachtung zu spüren zu bekommen.

Trotzdem wird es mir mit dieser Distanz immer klarer, dass ich in keinem Land – nicht in Russland und nicht in Amerika – jene Freiheit gefühlt habe, die es in Deutschland gibt. Respekt vor jedem einzelnen Menschen durch den Staat wird als wichtiger politischer Grundsatz akzeptiert. Das mindert den Alltagsstress, den man im Schatten von Staat und Wirtschaft in jeder Gesellschaft spürt. Man kann sein einiges Ding machen und man kann sicher sein, dass man irgendwie doch sicher bleibt. In Deutschland habe ich immer ein ganz besonderes Gefühl der Ruhe – sei es im als gefährlich eingestuften Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg, im ICE sausend durch das Ruhrgebiet, oder auf dem Philosophenweg spazierend über der schönen Stadt Heidelberg.

Anton Troianovski ist Moskaukorrespondent für die Washington Post. Zuvor schrieb er für die Zeitung als Korrespondent aus Berlin.
Foto: Troianovski

Ich hoffe nur, dass die Deutschen sich bewusst sind, welch Luxus das ist, in dem sie leben – dass das Land stark genug ist, um sich viel oberflächlich zu wandeln ohne sich dabei grundlegend zu verändern. Ihr könnt schwierige politische Debatten führen; ihr könnt großzügiger werden mit der Definition von Deutschsein; und das Land bleibt mindestens so schön, wie es war. Im Sommer 2016 war ich für eine Reportage in einer Flüchtlingsunterkunft in Bamberg. Nachdem mich der Pressesprecher kurz alleine ließ, kam eine Mitarbeiterin der Einrichtung zu mir und fragte streng, was ich denn da überhaupt machen würde. Der Pressesprecher war schnell wieder da und erklärte alles. „Ach so!“, sagte dann die Mitarbeiterin zu mir. „Sie sehen halt so ausländisch aus!“

Ich hoffe und glaube, dass es in Zukunft weniger solcher Momente geben wird. Denn ich selbst bin in Moskau geboren. Als ich vier Jahre alt war, ist meine Familie nach Heidelberg gezogen, und vier Jahre später nach Amerika. Nach fast 20 Jahren in den USA kam ich im Jahr 2013 als Korrespondent zurück.

Und auch wenn ich keinen deutschen Pass habe, bleibt Deutschland immer eine Art Heimat für mich.

4. Georgios Pappas, Griechenland: "Es sind dieselben Populisten"

Ich kam nach Deutschland Mitte der 80er Jahre. Die Welt war noch von der gewohnten Ordnung des Kalten Krieges geprägt, die Berliner Mauer sollte mindestens 100 Jahre halten. Also zog ich nicht nach Berlin, sondern blieb in München um weiterzustudieren. In „Isar-Athen“ fühlte ich mich sehr schnell heimisch, die Geschichte spielte auch eine Rolle: Otto Wittelsbach, den bayerischen Herrscher, machten die Griechen im Jahr 1832 zu ihrem König. Der Königsplatz war nach dem Vorbild der Akropolis in Athen entworfen worden. Und Propyläen wurden einst als Zeichen der Freundschaft zwischen Griechenland und Bayern errichtet.

Mein Alltag war banaler. Die tägliche Enttäuschung war nur mein Vermieter in Karlsfeld bei München, der Rentner Herr Hans. Auch nach monatelangem Sprachkurs konnte ich nur sein „Grüß Gott“ verstehen, er sprach mit mir nur bayrisch und hatte ständig einen grimmigen Gesichtsausdruck. Nur dank seiner Frau Elisabeth, die die Güte in Person war und mit ihren Suppen für meine kulinarische Integration sorgte, bin ich während dieser Zeit nicht in tiefe Verzweiflung geraten. Es war dieselbe Frau Elisabeth, die meine Tante Katerina, die der Gastarbeitergeneration der 60er Jahre angehörte, in der ersten schwierigen Zeit in Deutschland zur Seite stand.

Georgios Pappas ist Korrespondent der griechischen Rundfunkanstalt ERT und der Zeitung Ta Nea in Berlin.
Foto: Pappas

Die Berliner Mauer fiel, bekanntlich, viel früher als es SED-Chef Walter Ulbricht prophezeit hatte und ich ging als Korrespondent für die griechischen Medien dann doch noch nach in Berlin. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 kam ich allerdings oft zurück in meine alte Heimat nach München. Die Gesichter der Menschen, die am Münchner Hauptbahnhof die Flüchtlinge willkommen hießen, erinnerten mich an die Wärme und Hilfsbereitschaft von Frau Elisabeth. Ein krasser Gegensatz zu dem Populismus derjenigen, die Ängste instrumentalisieren und die Migration als „Mutter aller politischen Probleme“ sehen. Es sind übrigens dieselben Populisten, die während der griechischen Schuldenkrise, die „faulen, sonnenverwöhnten Ouzotrinker“ aus dem Euro rausschmeißen wollten. Würde Frau Elisabeth noch leben, hätte sie über solche beleidigenden Klischees nur den Kopf geschüttelt. Solche Stereotype gehören zum Weltbild von Populisten, einem Weltbild, das an der Realität im heutigen Deutschland völlig vorbeigeht.

5. Pascal Thibaut, Frankreich: "Die Deutschen müssen zueinander finden"

Am 3. Oktober 1990 berichtete ich als junger Journalist aus Berlin über die Feierlichkeiten der Einheit. Für mich, als Kind der deutsch-französischen Versöhnung, der schon früh dank einer Städtepartnerschaft als Baby in den Armen eines Deutschen lag, war dieses historische Ereignis sehr bewegend. Wenn das eigene Leben, vielleicht das eigene Schicksal, so eng mit einem anderen Land verläuft, in dem Freundschaften entstanden sind, kann man schlecht als sachlicher Berichterstatter unterwegs sein.

Pascal Thibaut ist Korrespondent für Radio France International.
Foto: Thibaut

In den Monaten vor der Wiedervereinigung hatte ich die noch existierende DDR kennengelernt. Es war für mich die Entdeckung einer neuen Welt weg vom herausgeputzten Westen. Der Franzose fühlte sich manchmal an verlassene Dörfer in der Heimat erinnert, wo verblassende Werbungen früherer Zeiten von den Wänden abblättern. Rührend waren Begegnungen mit Ostdeutschen, die so viel Spannendes zu erzählen hatten. Vielleicht war es einfacher für sie, sich dem französischen Exot anzuvertrauen. Wie Anselm, der uns in einem Zug zwischen Dresden und Berlin über sein Leben und die DDR erzählte. Kurz danach, im Januar 1990 stand er ohne Vorwarnung in Paris und ohne Westgeld und entdeckte schlaflos diese neue vorher unerreichbare Welt.

Ich stellte auch fest, zuerst verständnislos, warum der Rausch des Mauerfalls allmählich von einer gewissen Ernüchterung ersetzt wurde. Der Bericht, den wir mit einer Kollegin über die Feierlichkeiten am 3.10.1990 schrieben, hieß „Berlin zwischen Party und Sorgen“ und er endete mit dem Satz: „Deutschland ist nun vereint, die Deutschen müssen aber noch zueinanderfinden“. Fast dreißig Jahre später ist dieser Prozess noch nicht beendet.

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