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Die CDU spürt, wie auch ihr die Welt entgleitet

Kommentar Von Gregor Peter Schmitz
15.01.2021

Die einzige verbliebene Volkspartei könnte voller Selbstvertrauen die Nachfolge von Angela Merkel regeln. Warum sie trotzdem so nervös in den CDU-Parteitag geht.

Es endet einer der längsten Wahlkämpfe aller Zeiten, der auf keinen Fall ein Wahlkampf sein durfte. Fast ein Jahr ist es her, dass ein Männer-Trio aus Nordrhein-Westfalen den Finger hob, um die Nachfolge der CDU-Kurzzeitvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer für sich zu reklamieren. Man könnte annehmen, dass in dieser Spanne Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen so gut wie jeden Parteikonflikt ausgetragen hätten.

Das Gegenteil war aber der Fall: Kaum lief der Wettkampf an, legte die Pandemie alles lahm. Auf einmal wirkte es unstatthaft, sich an Machtfragen auch nur interessiert zu zeigen. Entsprechend harmlos verlief das inhaltliche Geplänkel zwischen den Bewerbern. Als Röttgen im Interview mit unserer Zeitung vor einigen Tagen die FDP als Koalitionspartner abschrieb, sorgte dies umgehend für ungeheure Aufregung: Hurra, ein Unterschied!

Es wird keine echte Begeisterung für den neuen CDU-Chef geben

Also gehen die Christdemokraten seltsam sediert in ihren Parteitag. Es gibt keinen klaren Favoriten. Was aber auch heißt: Es wird vermutlich keinen klaren Sieger geben – und gewiss keine klare Begeisterung am Tag danach. Natürlich wird die CDU, die machtbewusster ist als jede andere Partei, die Vorzüge eines geordneten Übergangs betonen und immer wieder stolz hervorheben, dass an ihr bei der Bundestagswahl im September kein Weg zur Macht vorbeiführe.

Konrad Adenauer war von 1949 bis 1963 der erste deutsche Bundeskanzler. Von 1950 bis 1966 war er zugleich CDU-Vorsitzender. Mit 90 Jahren gab er sein Amt ab.
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Das waren die bisherigen CDU-Vorsitzenden
Foto: dpa

Doch hinter der demonstrativen Siegesgewissheit verbirgt sich tiefe Nervosität. Gewiss, die Partei, welche böse Zungen früher als Kanzlerwahlverein bezeichneten, hat sich mit Machtwechseln stets schwergetan. Konservative schätzen Kontinuität mehr als den Neuanfang. Deswegen werden so viele in der Partei jetzt auch wehmütig, wenn sie von Kanzlerin Angela Merkel und deren nahendem Abschied sprechen – sogar manche, die vor kurzem noch beteuerten, sie keinen einzigen Tag länger ertragen zu können. Da schwingt die Angst mit, mit Merkels Abgang ende auch die Gewissheit, eine starke Volkspartei zu sein – begleitet vom Gefühl, die Zukunft werde selbst für die CDU schwer kontrollierbar.

Angela Merkel hat die CDU mehr verändert als alle Parteivorsitzenden

Dieses Gefühl trügt nicht. Merkel hat die CDU mehr verändert als jeder ihrer Vorgänger. Sie hat diesen Wandel meist nicht angestoßen, sie hat ihn als Reaktion gestaltet – dann allerdings maximal entschlossen, etwa beim Abschied von der Wehrpflicht, dem Atomausstieg oder dem Ja zur „Ehe für alle“. Und sie hatte das Glück, dass in Boomjahren Gesellschaft und Politik weniger gereizt waren.

Nachfolgebewerber Friedrich Merz würde viele von Merkels Änderungen gerne zurückdrehen. Der Mann hat Karriere in der überschaubaren „Deutschland-AG“ gemacht, die noch per „Basta“ regiert werden konnte. Auch Röttgen hört sich bisweilen an wie ein Prophet, der den Praxistest nie bestehen musste. Politik war stets das geduldige Bohren dicker Bretter. In einer nervösen Welt kommen diese Bretter in immer neuen Ausführungen, sodass Politik mehr denn je ein Immer-wieder-Nachjustieren ist. Das Coronavirus zeigt das: Ihm ist es völlig egal, wie maximal entschlossen ein Politiker ist.

Armin Laschet kann den Laden zusammenhalten - aber das reicht allein nicht

Was in dieser Megakrise auch gefragt ist: die Gesellschaft zusammenzuhalten. Empathie zu zeigen, dass eben nicht alles immer gut wird. Das kann Laschet. Siegt er, reicht das freilich nicht. Denn der oft beschworene Reformstau wird in Deutschland gerade überdeutlich: die schleppende Digitalisierung, das marode Schulsystem. Das macht viele Bürger höchst nervös. Am beruhigendsten wäre die Aussicht auf den Reformeifer von Merz, gepaart mit dem Schwung von Röttgen und Laschets Empathie. Bekommt die CDU diesen Mix hin, führt an ihr kein Weg zur Macht vorbei.

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