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Ein Jahr nach tödlichem Autounfall

08.10.2009

Die bizarre Verklärung des Jörg Haider

Jörg Haider.

Vor einem Jahr starb der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider bei einem Autounfall. Sein Mythos lebt in Kärnten weiter - in einer Ausstellung und bei Gedenkfeiern. Von Mariele Schulze Berndt

Als er noch lebte, nannten sie ihn "Jörg". Er war einer der ihren. Als Toter wurde er zum "Bundeskanzler der Herzen". Diesen Titel kann man auf einer Österreich-Flagge lesen, die neben Engeln, Kerzen und Briefen an der Unfallstelle südlich von Klagenfurt liegt. Dass der Politiker Jörg Haider mit seiner Rechtspartei Bündnis Zukunft Österreich niemals österreichischer Bundeskanzler geworden wäre, spielt dabei keine Rolle.

In der Nacht auf den 11. Oktober 2008 raste der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider mit 1,8 Promille und Tempo 142 in den Tod. Fassungslos reagierten Freunde und Anhänger des populären Politikers, und sie trauern noch jetzt. Dazu trug auch der Haider-Kult bei, der von seinen politischen Erben gezielt gesteuert wurde, um bei der Landtagswahl im März 2009 davon zu profitieren. Sie schreckten vor Verklärung, die an Heiligenverehrung grenzt, nicht zurück. Doch die Verehrung der Bevölkerung für Haider hat noch eine andere Qualität.

Der Unfallwagen bleibt versteckt

Die bizarre Verklärung des Jörg Haider

Viele in Kärnten haben ihn persönlich gekannt. "Er hat sich meinen Namen gemerkt", die Erfahrung haben viele junge Leute gemacht. Die Älteren erinnern sich an großzügige Unterstützung, die sie von ihm bekommen haben. "Er hat meiner Mutter einmal Geld gegeben", ist häufig zu hören. Im Internet wirbt eine "Dr. Jörg Haider Gebetsliga" sogar für seine Seligsprechung.

Inwieweit die Erinnerung an Haider tatsächlich noch lebendig ist, wird sich dieses Wochenende zeigen. Denn in Kärnten beginnen heute die Gedenkfeierlichkeiten zum ersten Todestag mit der Eröffnung einer Haider-Ausstellung.

Dort sind Haiders Besitztümer zu sehen: ein weißes Schaukelpferd aus seiner Kinderzeit, das Brautkleid seiner Frau Claudia, die schicken Anzüge, die er in der Disco trug, wenn er Kärntens Jugend begeisterte, seine Laufschuhe und der Füller, mit dem er als Landeshauptmann Dokumente unterzeichnete. Der Unfallwagen bleibt aus Pietätsgründen in einer Garage versteckt, deren Standort nur der Landeshauptmann Gerhard Dörfler kennt. Dörfler kaufte den völlig verbeulten VW Phaeton, um "die Möglichkeit zu haben, ihn untersuchen zu lassen".

Das Land Kärnten widmet dem verstorbenen Landesvater zwei Gedenkfeiern, am Sonntag enthüllt Haiders Nachfolger Dörfler an der Unfallstelle feierlich ein Marterl.

Auch ein Jahr nach seinem Tod ist der Haider-Hype in Kärnten groß. Schon vor seiner Beisetzung kursierten Verschwörungstheorien, nach denen er einem Mordanschlag zum Opfer gefallen sein soll. Viele seiner Fans wollten Haiders letzten Stopp in einem Homosexuellen-Lokal ebenso wenig wahrhaben wie die Tatsache, dass Haider selbstverschuldet starb. Nahrung erhielten die Gerüchte auch dadurch, dass sich die letzten Stunden Haiders nicht einwandfrei rekonstruieren lassen. Auf diesem Hintergrund hat der deutsche Rechercheur Gerhard Wisnewski ein Buch veröffentlicht, das einen Mordanschlag auf Haider nahelegt und das wochenlang Österreichs Bestsellerlisten anführt.

Die Veröffentlichung des Obduktionsergebnisses, das 7,59 Promille Alkohol im Magen des Toten bestätigt, sollte solche Zweifel beseitigen. Doch dem "Mythos Haider" tat dies keinen Abbruch. Die Kritiker des Haider-Kultes sind im Vergleich zu denen, für die er Selbstachtung und Stolz auf die Heimat bedeutet, deutlich in der Minderheit. Der Klagenfurter Schriftsteller Josef Winkler hat ans Tageslicht gebracht, in welchem Missverhältnis allein die Kosten für das Haider-Gedenken zu dem Mangel an Bildungseinrichtungen und der hohen Verschuldung des Landes stehen. Er wirft den politischen Haider-Erben vor, Kapital aus dem Tod des Idols zu schlagen. "Einbalsamieren hätten sie ihn müssen", sagt Winkler, "und ihn im Landeshaus ausstellen in einem gläsernen Schneewittchensarg."

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