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Nach dem Amoklauf - Interview mit Psych

13.03.2009

"Die nächsten Schützen stehen schon bereit"

Nach der Bluttat von Winnenden befürchtet Gefängnispsychologe Götz Eisenberg weitere Amokläufe. Der Experte urteilt: "Wir lernen nichts aus Katastrophen." Von Niko Steeb

Der soziale Nährboden für weitere Amokläufe ist gut gedüngt, sagt Götz Eisenberg. Er ist Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug der JVA Butzbach. Der Experte hat über "Amok - Kinder der Kälte" geschrieben.

Seit der Schießerei in Littleton 1999 wächst laut dem Experten die Zahl von Amokläufen an Schulen stark an. Deutschland liege hier nach Amerika auf dem zweiten Platz.

Götz Eisenberg hat eine Erklärung für diese bedenkliche Entwicklung parat: " Ein bedeutsamer Faktor ist meiner Ansicht nach, dass die Leistungskonkurrenz an Schulen stark zugenommen hat." Gleichzeitig steige seit Jahren die Aggressivität unter Schülern. "Mobbing. Kränkungen und seelische Verletzungen haben offensichtlich auf erschreckende Weise zugenommen."

"Die nächsten Schützen stehen schon bereit"

Nun ist Mobbing unter Schülern nicht neu. Das hat es auch schon vor Jahrzehnten gegeben. Dennoch sieht der Experte einen Unterschied zu heute. Nicht nur die Anzahl und Qualität der Demütigungen nehmen seiner Meinung nach zu, auch die Kränkungs-Empfindlichkeit der Opfer steige an. Hinzu komme, dass heute verinnerlichte Aggressions-Hemmungen wegfallen. Götz Eisenberg nennt ein Beispiel: "Früher hätten wir niemals gewagt, gegen einen Lehrer aggressiv vorzugehen, sei es nun verbal oder tätlich."

Die Zukunftsprognosen des Psychologen klingen düster. Eisenberg fürchtet, dass die Tendenz zu Amokläufen eher steigen wird. Der Nährboden dafür sei gut gedüngt. Es müsse beachtet werden, dass es in allen Altersgruppen einen Zuwachs amokartiger Attacken gebe. "Amokläufe entstehen durch soziale Desintegration, Vereinsamung, den Verlust des Arbeitsplatzes und besonders durch den Verlust damit verbundener Anerkennung."

In seinem Aufsatz "Amok - Kinder der Kälte" schreibt der Gefängnispsychologe, dass die Gesellschaft in Gestalt der Amokläufer die Kinder bekommt, die sie verdient. Eisenreich erklärt seine These folgendermaßen: "Die politischen und medialen Interpretationen von solchen Amoktaten neigen dazu, die Täter zu vermonstern und sie zu betrachten, als kämen sie von einem anderen Stern." Damit drücke man sich vor der unangenehmen Wahrheit, dass die Amokläufer Produkte dieser Gesellschaft seien, eben ihre Kinder. "Sie halten uns den Spiegel vor, in dem wir uns erkennen könnten, wenn wir dazu bereit wären", betont Eisenreich.

Alles, worüber jetzt diskutiert werde, habe schon nach Erfurt stattgefunden. "Wir sind wieder an derselben Stelle wie vor sieben Jahren. Das ist das Fatale. Wir lernen nichts aus Katastrophen." Jetzt herrsche wieder blinder Aktionismus, statt zunächst einmal eine Pause der Besinnung und des Nachdenkens einzulegen. "Wenn wir nicht bereit sind, viele Dinge grundlegend zu ändern, werden wir mit der expandierenden Gewalt leben müssen. Die nächsten Schützen stehen schon bereit."

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