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USA

06.12.2020

Donald Trump hält sich theoretisch für einen guten Verlierer

US-Präsident Donald Trump meint, er sei ein "sehr gnädiger Verlierer".
Bild: Patrick Semansky, dpa

US-Präsident Donald Trump redet zwar weiter von Wahlbetrug, aber jetzt spricht er erstmals von seiner möglichen Zukunft, wenn er das weiße Haus räumen muss.

Die Feinde sind überall. "Sie wollen, dass ihr verschwindet", barmt der Mann auf der Bühne: "Sie wollen euch eure Freiheit, eure Waffen, eure Religion und selbst Weihnachten nehmen!" Dahinter stecken nicht nur die "verrückten" Sozialisten in Washington. Nein, auch der aus China kommende "Freak" Covid gönnt dem Land seine Erfolge nicht. Und irgendwie haben sich selbst republikanische Senatoren und der Gouverneur von Georgia verschworen. Sie alle wollen ihm den Wahlsieg nehmen. Aber: "Das werden wir nicht zulassen", wütet Donald Trump.

Drei Wochen lang hat sich der abgewählte Präsident im Weißen Haus verkrochen, hat nach Aussagen von Augenzeugen abwechselnd gegrollt und sich selbst bemitleidet, ist kaum zur Arbeit gekommen, hat die Corona-Pandemie, die in den USA inzwischen täglich rund 3000 Menschenleben fordert, missachtet und stattdessen hunderte Tweets in eigener Sache abgeschossen. Am Samstagabend aber steht Trump erstmals wieder dort, wo er sich am wohlsten fühlt: vor einer Menge treuer Anhänger im stockkonservativen Süden von Georgia. "In den vergangenen drei Wochen habe ich härter gearbeitet als in meinem ganzen Leben", berichtet er. "Ihr wisst, dass wir Georgia gewonnen haben", leitet er zuvor einen der aberwitzigsten Auftritte seiner Amtszeit ein.

Trump: "Ich würde es ruhig angehen lassen"

Gerade hat die republikanische Regierung des Bundesstaates die dritte Auszählung der fünf Millionen Stimmen abgeschlossen. Das Ergebnis ist immer gleich: Nicht Trump, sondern sein Gegenkandidat Joe Biden hat mit 12.000 Stimmen Vorsprung gewonnen. Doch Tatsachen interessieren den einstigen Reality-TV-Star längst nicht mehr. Er hat sich ganz in einer alternativen Wirklichkeit eingegraben – und seine Anhänger mit ihm. "We love you!" (Wir lieben dich), himmeln sie ihn an.

Dabei bedarf es erheblicher Verrenkungen, um Trumps Logik zu folgen: Dass er die Präsidentschaftswahl am 3. November gewonnen hat, steht für ihn außer Frage, obwohl der Demokrat Biden sieben Millionen Stimmen mehr erhielt und auf 306 von 538 Stimmen im Wahlgremium kommt. "Sie haben betrogen und das Ergebnis manipuliert", behauptet er.

Schließlich habe er bei den innerparteilichen Vorwahlen der Republikaner (ohne Gegenkandidaten) mehr als 90 Prozent der Stimmen bekommen. Mit einem solchen Rückhalt in den eigenen Reihen, fabuliert Trump, könne man eine Wahl nicht verlieren. "Wenn ich verlieren würde, wäre ich ein sehr gnädiger Verlierer", sagt er. "Wenn ich verlieren würde, würde ich sagen, ich habe verloren und ich würde nach Florida gehen und es ruhig angehen lassen und ich würde herumgehen und sagen, dass ich einen guten Job gemacht habe." Doch diese Wahl sei geraubt.

30 Klagen Trumps sind gescheitert

Ganze Berge von Beweisen für die Fälschung gebe es, behauptet Trump: "Euer Gouverneur könnte es einfach stoppen." Tatsächlich hat Trump ihn am Nachmittag angerufen und bedrängt, per Notverordnung vom Parlament einfach republikanische statt demokratische Wahlleute benennen zu lassen. Doch Brian Kemp, ein Republikaner, hat sich aus gutem Grund dem Coup widersetzt: Seine Wahlbeamten insistieren, dass es keine signifikanten Unregelmäßigkeiten gab. Auch vor Gericht blitzt Trump überall ab: Mehr als 30 Klagen haben er und rechte Verbündete eingereicht. Keine einzige wurde positiv beschieden.

"Euer Gouverneur sollte sich schämen", wettert der Präsident verärgert. Auch auf die republikanischen Senatoren in Washington ist er sauer, weil sie die von ihm geforderten Änderungen am Verteidigungsetat ablehnen. Sein hundertminütiger Auftritt hat nichts mehr von der unterhaltenden Leichtigkeit der Vergangenheit. Sichtbar verbittert wütet er von der Bühne. "Wir alle sind Opfer!", ruft der mächtigste Mann der Welt seinen Zuhörern zu, die maskenlos und ohne Distanz die Ausführungen bejubeln.

Verlieren die Republikaner ihre Mehrheit im Senat durch Wahlboykott

Trump ist noch 45 Tage im Amt. Mehr als zwei Drittel der Republikaner-Wähler glauben inzwischen, dass die Wahl gefälscht wurde. Kurioserweise könnte das in Georgia nun ausgerechnet Trumps Republikanern schaden. Am 5. Januar steht in dem Bundesstaat nämlich eine Stichwahl für den Senat an. Vom Ergebnis hängt ab, ob die Republikaner in der zweiten Kammer in Washington die Mehrheit verlieren. Doch radikale Trump-Fans rufen zum Boykott der aus ihrer Sicht manipulierten Wahl auf.

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