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70 Jahre Bundesrepublik

19.08.2019

Ein Blick in die Zahlen: So hat sich unser Land seit 1949 verändert

Das Symbol für den Wiederaufstieg: 1948 wurden die Renten-, Reichs- und Militärmark durch die Deutsche Mark abgelöst. Lange Schlangen bildeten sich vor den Ausgabestellen.
Bild: Heinz-Jürgen Göttert, dpa (Archiv)

Plus Zahlen, bitte! 70 Jahre ist es her, seit die Bundesrepublik gegründet wurde. Seither hat sich das Land enorm gewandelt, wie ein Vergleich mit dem Jahr 1949 zeigt.

Der Krieg hatte seine Narben hinterlassen: Ende 1950 lebten knapp 51 Millionen Menschen in der jungen Bundesrepublik. Auf 125 Frauen kamen kurz nach dem Krieg nur 100 Männer, bei den jüngeren Jahrgängen sogar auf 160 nur 100. Bis 1990 stieg die Bevölkerungszahl auf 63,7 Millionen Menschen, mit der deutschen Wiedervereinigung wuchs die Bevölkerung 1990 um weitere 16 Millionen Menschen aus den neuen Bundesländern und Berlin-Ost. Heute zählt Deutschland 82,8 Millionen Einwohner – absoluter Höchststand.

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Aber nicht nur die bloße Zahl, auch die demografische Struktur Deutschlands hat sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten zusehends verändert. Die steigende Lebenserwartung und der Geburtenrückgang lassen Deutschland altern. So war die Bevölkerung der Bundesrepublik kurz nach deren Gründung mit einem Durchschnittsalter von 34,8 Jahren sehr jung: 30,5 Prozent der Bevölkerung war unter 20 Jahren und nur 9,4 Prozent der Menschen waren 65 Jahre und älter. Im Jahr 2017 war die Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 44,4 Jahren deutlich älter. Kinder und Jugendliche haben nur noch einen Anteil von 18,4 Prozent, während der Anteil der über 65-Jährigen 21,4 Prozent beträgt. Auch traditionelle Milieus lösten sich auf. Anfang der 50er Jahre betrug der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen noch 24 Prozent, heute sind es nur noch knapp 2 Prozent.

Dresden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur das Land lag in Schutt und Asche, auch die Bevölkerungszahl war stark dezimiert.
Bild: dpa (Archiv)

Den Begriff „Einwanderungsland“ hat Ende der 40er Jahre noch niemand mit Deutschland in Verbindung gebracht. Damals lebten nicht einmal 700.000 Ausländer in Deutschland. Doch ab Mitte der 70er Jahre macht die Zahl einen deutlichen Sprung nach oben: Der Zuzug der sogenannten „Gastarbeiter“ verzwanzigfachte die Anzahl der ausländischen Arbeitskräfte. Das erste Anwerbeabkommen wurde im Jahr 1955 mit Italien geschlossen. Die größte Gruppe unter den Zuzüglern bilden allerdings Menschen aus der Türkei (Anwerbeabkommen: 1961). Spannungsfrei lief der Wandel hin zu einer pluralen Bevölkerung allerdings nicht ab –immerhin war die neue Offenheit erzwungen.

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Eine Untersuchung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft zeigte, dass 39 Prozent der Befragten Ende 1981 der Meinung waren, die Türken würden den Deutschen ihre Arbeitsplätze wegnehmen. „Darüber zu räsonieren ist etwas anderes, als mit Türken in einem Haus zu wohnen, wo es nach Knoblauch riecht“, zitiert der Spiegel im Januar 1980 Berlins Sozialsenator Olaf Sund (SPD). Ende 2018 lebten rund 10,92 Millionen Ausländer in Deutschland. Somit hat sich die Zahl in den letzten zehn Jahren um mehr als 60 Prozent erhöht. Die meisten Zuwanderer kommen aus der EU. Hier lebende Ausländer sind im Schnitt deutlich jünger als Deutsche. Das durchschnittliche Alter liegt bei knapp 38 Jahren, das der Deutschen bei 45.

55 türkische Bergleute kommen im November 1961 in Düsseldorf an. Inzwischen ist Deutschland ein Einwanderungsland.
Bild: Wolfgang Hub, dpa (Archiv)

Leer waren die Straßen, als die Bundesrepublik ihre Gründung feierte. Im Jahr 1949 existierten wohl eine halbe Million Personenwagen in Deutschland – heute sind es 47 Millionen, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer angibt. Provokant könnte man fragen: Wo hätten die Autos auch fahren sollen? Die Städte waren von Ruinen geprägt. In Köln, der am stärksten zerstörten Großstadt, schien die Lage so hoffnungslos, dass ernsthaft erwogen wurde, sie an anderer Stelle wieder aufzubauen, nämlich weiter nördlich. Das hätte den Vorteil gehabt, dass man nicht erst den ganzen Schutt hätte wegräumen müssen. Später wurden nicht nur die Straßen ausgebaut, auch die Automobilbranche wuchs in beinahe atemberaubendem Tempo.

1946 liefen in der Produktionsstätte Wolfsburg 10.000 VW Käfer vom Band, 1950 waren schon 100.000 Stück produziert. In den 50er Jahren wurden in Deutschland vor allem günstige Kleinwagen entwickelt. Die Isetta von BMW, das Goggomobil, der NSU Prinz und natürlich der VW Käfer, der 1955 zum millionsten Mal über das Band lief. Im Jahr 1962 besaßen immerhin 27,3 Prozent aller Privathaushalte ein Auto, 2008 waren es schon 77 Prozent, der Anteil ist seither praktisch konstant. Das Auto ist aber nicht nur der Deutschen Liebling – der Industriezweig gibt auch vielen Menschen eine Arbeit. Im Jahr 2018 lag die Zahl der Beschäftigten bei 833.937.

1955 lief im Wolfsburger Volkswagenwerk der millionste Käfer vom Band. Ein Exportschlager und Symbol des deutschen Wirtschaftswunders.
Bild: dpa (Archiv)

Unser Land war in seinen Anfangstagen ein echter Hungerleider, so arm wie ein heutiges Dritte-Welt-Land. Von 1000 lebend Geborenen starben im Jahr 1946 knapp 100, also zehn Prozent. 1947 zeigten sich amerikanische Besucher schockiert über den Anblick ausgemergelter Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen. 1948 war die größte Not mit der Einführung der D-Mark zwar vorüber – die plötzlich reich gefüllten Schaufenster waren im Rückblick für viele Westdeutsche der eigentliche Gründungsakt der Bundesrepublik – aber die wenigsten konnten sich diese Waren leisten. Arbeit gab es in der Industrie. Das Ruhrgebiet – heute in vieler Hinsicht abgehängt – war das Kraftzentrum der jungen Bundesrepublik.

Auch die Landwirtschaft war Brotgeber im wahrsten Sinne des Wortes. Anfang der 50er Jahre waren 24 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, inzwischen sind es gerade einmal knapp zwei Prozent. Trotzdem ist die Landwirtschaft heute deutlich produktiver. 1950 ernährte ein Bauer zehn Personen – im Jahr 2010 waren es schon 131 Personen. Das hatte zur Folge, dass Fleisch und andere Lebensmittel für die breite Masse deutlich günstiger wurden. Fleisch ist längst kein Luxus mehr. Vor 100 Jahren betrug der Anteil der Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel am gesamten Konsum noch etwa 50 Prozent; heute beträgt dieser Anteil nur 14,7 Prozent, weiß der Bauernverband.

Mit der Währungsreform 1948 gab es neue Preise – aber auch wieder volle Schaufenster.
Bild: dpa (Archiv)

Gutes Essen blieb in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine solche Besonderheit, dass es 1949 von Konrad Adenauer gezielt eingesetzt wurde, um sich an die Spitze des neuen Staates zu setzen. Um die Parteispitze für sich zu gewinnen, lud er in sein Haus in Rhöndorf und ließ ein Buffet anrichten, das nachhaltig in Erinnerung blieb. Für den jungen Franz Josef Strauß, einen der Gäste, ein Wunder: „Überwältigender Eindruck für uns ausgehungerte Großstädter war ein Buffet von einer Reichhaltigkeit, wie ich es auf Privatkosten Adenauers weder vorher noch nachher jemals erlebt habe“, erinnerte er sich später. Dazu habe der Gastgeber Weine serviert, „wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nie getrunken hatte“. Die Nominierung Adenauers zum Kanzler war danach nur noch eine Formsache.

Heute ist es für die Deutschen selbstverständlich, dass Fleisch auf den Teller kommt – und zwar in großen Mengen. Seit zwei Jahrzehnten pendelt der Fleischkonsum in Deutschland ziemlich stabil um die 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Im Kontrast dazu: Um 1970 lag der Kartoffelverzehr pro Kopf und Jahr bei 110 Kilogramm. 2005 verspeisten wir im Schnitt nur noch 75 Kilo. Verbraucher konnten 2016 in einem Lebensmittel-Discounter aus durchschnittlich 1755 verschiedenen Artikeln des Lebensmittelsortiments wählen. 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen sind übergewichtig.

Nach der Not der ersten Jahre wurde umso mehr geschlemmt und gehaltvolles Essen dominierte den Speiseplan.
Bild: Andreas Arnold, dpa (Archiv)

Kommunikation war für die allermeisten Menschen Ende der 40er Jahre nur möglich im persönlichen Gespräch oder schriftlich per Brief. Allerdings kamen viele Briefe gar nicht an, weil die Adresse nicht mehr existierte, sondern dort nur noch ein Krater oder ein Geröllfeld zu finden war. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Briten noch Zehntausende Brieftauben eingesetzt. Heute haben zumindest private Briefe Seltenheitswert – immer weniger Menschen nutzen die Dienste der Deutschen Post: Im Jahr 2018 waren es rund 17,9 Milliarden Briefe, die befördert wurden - im Vorjahr noch 18,6 Milliarden. Kommunikationsmittel Nummer 1 bei jungen Menschen ist längst die E-Mail. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 848,1 Milliarden E-Mails versendet und empfangen. 2017 waren es noch 771 Milliarden, wie eine Auswertung von gmx.de ergab.

Als „offizieller“ Erfinder der E-Mail gilt Ray Tomlinson. Im Jahr 1992 wird die erste SMS verschickt. Ein „Frohe Weihnachten“ ging an den Firmenchef von Vodafone. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war hingegen schon das Telefon ein Luxusgut: Gerade mal 14 Prozent aller Haushalte verfügten 1962/63 im früheren Bundesgebiet über ein Telefon. Knapp zehn Jahre später konnte immerhin in der Hälfte und 1988 in bereits 93 Prozent aller westdeutschen Haushalte privat telefoniert werden. Heute soll es in Deutschland zudem 137 Millionen Mobilfunkanschlüsse geben.

Lange Zeit prägend für die alte BRD: die gelben Telefonzellen. Mittlerweile gibt es stattdessen einer Schätzung zufolge 137 Millionen Mobilfunkverträge.
Bild: Jörg Schmitt, dpa (Archiv)

Kleidung war und ist ein Mittel des persönlichen Ausdrucks und deshalb immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und des Zeitgeistes. Nach dem Krieg machte die Not erfinderisch: Aus dem alten Rock der Mutter entstand ein Kleid für die Tochter, die Hose des Opas wurde für den Enkel umgenäht. Die teure Kleidung hob man sich für den Sonntag auf – heute ist der eher ein Tag, an dem der Jogginganzug übergezogen wird. Frauen kleideten sich feminin und zierlich, die Taille wurde mit Miedern betont. Um die teure Ware zu schonen, zogen viele Frauen Kittelschürzen über ihre Kleidung.

Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard präsentierte den Jedermann-Schuh: Ein solider Lederschuh für Männer und Frauen, gut verarbeitet und mit einem Preis von 30 Mark erschwinglich. Amerikanische Soldaten brachten die Texashose und Nylon-Strümpfe mit. In den 60er Jahren, als die Jugend gegen die gesellschaftlichen Vorstellungen der Älteren rebellierte, wurde auch die Mode wilder. 1962 wagte Mary Quant mit dem Mini eine textile Revolution. Allerdings dauert es, ehe sich die Damen an den neuen Trend heranwagten: 1968 trugen nur vier Prozent der unter 30-Jährigen einen Mini. Später wuchs der Mut: In den 70er Jahren demonstrierten Frauen mit Anti-Mode gegen Klischees, Männer trugen Rollkragenpullis und Rüschenpullover. In den 80er und 90er Jahren bestimmten die Musikstars, was in den Kleiderschrank kam.

Schmale Taille und ausgestellter Petticoat. Ein Fotomodel posiert mit einem Sommerkleid der 50er Jahre. Der Rock endet deutlich unter dem Knie.
Bild: dpa (Archiv)

Arbeit bestimmte das Leben, Verreisen war Luxus. Die meisten Berufstätigen hatten nur wenige freie Tage im Jahr und kaum Geld für das Nötigste. Erschwinglich war aber Kino: Der durchschnittliche Bundesbürger sah sich 16 Mal im Jahr einen Film an, 1949 zum Beispiel die „Berliner Ballade“ mit einem spindeldürren Hauptdarsteller namens Gert Fröbe. Selbiger ging danach wie ein Symbol des Wirtschaftswunders in die Breite und mimte 1964 an der Seite von Sean Connery den berühmtesten aller Bond-Bösewichte, Auric Goldfinger. Eine deutsche Fernsehproduktion war 1950 „Das Schwarzwaldmädel“ mit Paul Hörbiger.

In der Nachkriegszeit waren Heimatfilme, die den Zuschauer in eine heile Welt entführten, sehr beliebt. Heute hat das Kino seine Hoch-Zeit längst hinter sich: Im Jahr 2018 gingen Personen im Alter von 20 bis 29 Jahren durchschnittlich 4,2 mal ins Kino, gerechnet auf alle Altersgruppen gehen die Deutschen sogar nur 1,5 Mal im Jahr ins Kino – das Land ist dafür flächendeckend mit Massenmedien versorgt. Die durchschnittliche Fernsehzeit pro Tag liegt bei 221 Minuten. Fernsehen ist seit 1986 die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Die erste Familienserie, die im deutschen Fernsehen zu sehen war, war übrigens die „Familie Schölermann“. Ab 1954 lief diese Sendung und am Ende waren 111 Folgen abgedreht. Gesendet wurde sie in der ARD – dem einzigen Sender bis 1963.

In den 50er und 60er Jahren waren Heimatfilme beliebt. Peter Alexander trägt in einer Szene in dem Film "Hilfe - meine Braut klaut" von 1964 Cornelia Froboess auf der Schulter.
Bild: Georg Goebel, dpa (Archiv)

Heute wird das christliche Abendland mit politischen Parolen verteidigt, im Jahr 1949 lebten die Menschen ihren Glauben im Alltag. Die Zahl der katholischen Gottesdienstbesucher lag im Jahr 2017 bei 2,29 Millionen – im Jahr 1950 waren es noch 11,69 Millionen. Den Osten Deutschlands sehen Experten gar als europäische Atheisten-Hochburg. Aber selbst bei den Gläubigen hat sich ein Wandel des Gottesbildes vollzogen: An die Hölle glaubt kaum mehr jemand, konfessionsübergreifende Ehen sind völlig normal. Der Glaube dient zunehmend als seelisches Sinn-Angebot, während er in der Nachkriegszeit ein festes soziales Milieu absteckte.

Frömmigkeit war Pflicht und der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft enorm. „In der frühen Bundesrepublik hatte die Kirche eine gesellschaftsstabilisierende Funktion, als wir es mit einer moralisch zutiefst erschütterten und traumatisierten Gesellschaft zu tun hatten, die durchaus nach moralischen Autoritäten sich sehnte“, sagt der Historiker Andreas Rödder. In den 60er Jahren schritt die Säkularisierung voran. Heute gehören 23,58 Millionen der katholischen, 21,54 Millionen der evangelischen Kirche an. Detlef Pollack, der im Exzellenzcluster Religion und Politik der Uni Münster forscht, sagt: „In dem Maße, wie sich Wohlstand erhöht, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass Menschen ein distanziertes Verhältnis zu Religion sowie zum Glauben an Gott entwickeln.“

Die Fronleichnams-Prozession 2019 am Staffelsee in Bayern. In den 60er Jahren schritt die Säkularisierung der Deutschen voran. Heute verlieren die Kirchen massiv Mitglieder.
Bild: Angelika Warmuth, dpa (Symbolbild)

Bis zum 11. Juni 1994 galt Homosexualität in Deutschland unter Umständen als strafbar. Der entsprechende, mehr als 100 Jahre alte Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs wurde an diesem Tag offiziell gestrichen. Die Nationalsozialisten hatten den Paragrafen, der noch aus der Kaiserzeit stammte, verschärft. Die Bundesrepublik hatte die verschärfte Regelung zuerst übernommen. Die kirchlichen Moralvorstellungen waren in diesen Jahren tief in der Bevölkerung verankert. Nicht nur der juristische, sondern auch der sittlich-gesellschaftliche Druck war hoch. Zwar wurde die Bestrafung erwachsener Homosexueller wegen „Unzucht“ 1969 abgeschafft.

Endgültig gestrichen wurde der Paragraf 175 aber erst 1994. Geschätzt wird, dass auf seiner Basis in der Bundesrepublik rund 100.000 Prozesse geführt und 64.000 Menschen verurteilt wurden. Die DDR liberalisierte ihre Strafvorschriften früher als die Bundesrepublik. Verurteilt wurden insgesamt etwa 4000 Männer. Faktisch wurde der Paragraf 175 in der DDR seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr angewendet. Seit der Streichung im vereinigten Deutschland 1994 ist einiges passiert: 2001 wird die eingetragene Partnerschaft für homosexuelle Paare ermöglicht, vier Jahre später wird die Adoption leiblicher Kinder des Partners erlaubt. Im Juni 2017 beschließt der Bundestag schließlich die Öffnung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare – die Ehe für alle.

Gleichgeschlechtliche Tortenfiguren: Bis 1969 war Homosexualität strafbar, mittlerweile gibt es die Ehe für alle.
Bild: Sebastian Kahnert, dpa (Symbolbild)

Zupackende Trümmerfrau mit Kopftuch: Sie gehört in das Fotoalbum deutscher Geschichte, im Osten wie im Westen. Die Faszination lag vor allem darin, dass es gerade für verheiratete Frauen keineswegs selbstverständlich war, außer Haus zu arbeiten. „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ So stand es bis in die 70er Jahre im BGB. Die weibliche Emanzipation machte in den 70er Jahren enorme Fortschritte, die Frauen wollten sich nicht länger unterordnen. Noch 1970 war es eine Sensation, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer im Bundestag in Bonn in einem Hosenanzug erschien.

1976 wurde in Westberlin das erste Frauenhaus gegründet, wohin jene Frauen flüchten konnten, die Gewalt in der Ehe erfuhren. Im selben Jahr wurde das Scheidungsrecht reformiert: Es gilt nicht mehr das Schuld-, sondern das Zerrüttungsprinzip, mit dem die Ehe auch gegen den Widerstand einer Seite nach einer Frist geschieden werden konnte. 1977 war das Gründungsjahr der Zeitschrift Emma. 1988 beschloss die SPD auf ihrem Parteitag eine „Frauenquote“ – die Grünen hatten es längst vorgemacht. Doch das Kapitel Gleichberechtigung ist nicht abgeschlossen, von der Lohnfrage bis zu den Chefetagen. 2017 sank der Anteil der Frauen im Bundestag mit 30,9 Prozent auf das Niveau von 1998.

Typisches Bild der 60er Jahre: Die Frau steht am Herd und kümmert sich um den Haushalt. Seither wurde mehr Gleichberechtigung erstritten.
Bild: Hamberger, dpa (Archiv, 1979)

Der Zugang zu höherer Bildung war vor 70 Jahren noch eng begrenzt. Nur wer es sich leisten konnte, schickte seine Kinder aufs Gymnasium – alle anderen gingen auf die Volksschule oder auf die Mittelschule. Die Klassen waren oft nach Konfessionen und Geschlechtern getrennt, auf dem Land wurden nicht selten mehrere Klassen gemeinsam in einem Raum unterrichtet. In Bayern war die Identifikation mit der Heimat ein entscheidender Bestandteil der Schulerziehung. 1964 trat an die Stelle der achtjährigen Volksschule die vierjährige Grundschule plus die weiterführende Schule. In den 70er Jahren wurde das Bildungssystem maßgeblich reformiert. Der Wandel hin zu einem wirtschaftlich prosperierenden Land verlangte nach mehr Abiturienten.

Im Jahr 1952 besuchten nur 15 Prozent der Schüler in Deutschland das Gymnasium, 2005 waren es schon 33 Prozent, inzwischen macht fast schon die Hälfte eines Jahrgangs Abitur. Die Zahl der Studierenden an den Hochschulen überschritt 1980 erstmals die Millionengrenze. Was sich allerdings bis heute nur im Schneckentempo verändert hat: Noch immer ist die Chance auf eine höhere Bildung in vielen Fällen von der Herkunft abhängig. 1967 stammten nur sieben Prozent der Studenten aus Arbeiterhaushalten. Und heute? Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 74 ein Studium; von 100 Kindern aus Familien ohne studierte Eltern sind es nur 21.

Von der Elite-Anstalt zur Massen-Uni: Auch das Bildungssystem hat sich stark verändert – und ist immer noch nicht durchlässig genug.
Bild: Uwe Anspach, dpa (Symbolbild)
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