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Zeitgeschichte

01.04.2017

Ein neues Leben für die Kinder der Feinde

Herbert Remmel (letzte Reihe, zweiter von links) und andere deutsche Kinder der Operation Shamrock in Castlebellingham, Ireland. Die Kinder der „Operation Shamrock“ wurden auf verschiedene Pflegefamilien verteilt.
Bild: Archiv Remmel

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann für 450 deutsche Kinder eine Reise ins Unbekannte: Zu Pflegeeltern nach Irland, die Mitleid mit den unterernährten Kindern hatten. Für die einen war es ein Segen, für andere wurde es zum Trauma

Theodore hat eine neue Heimat gefunden. Elizabeth wurde von einem deutschen Mädchen zu einer irischen Frau. Hans Peter war einfach nur unglaublich froh, als er nach zwei Jahren wieder nach Deutschland durfte und Herbert schrieb eine Autobiografie über seine Zeit auf der Grünen Insel. Eine Gemeinsamkeit eint sie alle: Sie sind Kinder der „Operation Shamrock“.

Die irische Kinderärztin Kathleen Murphy hatte sich dafür eingesetzt, dass 450 deutsche Kinder kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Irland gebracht wurden. Sie gründete im Herbst 1945 den „Rettet die deutschen Kinder“-Verein und überzeugte in den folgenden Monaten den Alliierten Kontrollrat, der das Nachkriegsdeutschland regierte, von der Hilfsaktion.

Die Kinder, die für die „Operation Shamrock“ – Shamrock heißt Kleeblatt und ist das irische Nationalsymbol – ausgewählt wurden, sollten in Irland wieder aufgepäppelt werden – viele waren Waisen oder Halbwaisen. Für andere konnten die Eltern in den Nachkriegsjahren nicht ausreichend sorgen.

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Am 27. Juli 1946 legte eines der Schiffe mit deutschen Kindern in Irland an. Mit an Bord: der neunjährige Herbert Remmel aus Köln. „Die ganze Kaimauer war voll mit Menschen“, erzählt er. Tische mit Sandwiches, Orangen und Bananen standen für ihn und andere deutsche Kinder bereit, die bis dahin höchstens Äpfel kannten.

Der neunjährige Herbert biss in Irland in seine erste Orange – oder genauer, in die Schale. Andere spielten mit dem Obst, weil sie nicht wussten, dass man es essen kann. Wildfremde hätten ihn an dem Tag gedrückt und willkommen geheißen, bevor es für die Neuankömmlinge nach Glencree ging. In der ehemaligen Kaserne außerhalb Dublins konnten Pflegeeltern die Kinder abholen und ihnen vorübergehend ein neues Zuhause geben.

Kinderverschickungen gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur aus Deutschland und nicht nur nach Irland. Die Österreicher schickten ihre „Butterkinder“ nach Spanien oder Belgien. Dort sollten die unterernährten Kinder sich erholen. Und auch Irland nahm neben den deutschen „Shamrock Children“ auch französische und österreichische Kriegswaisen auf.

In Deutschland wählten Lehrer und Mitarbeiter des Rotes Kreuzes aus, welche der Kinder auf die Reise geschickt wurden. Viele der Ausgewählten waren noch zu klein, um zu verstehen, was auf sie zukam. Auch Hans Peter Boden dachte, dass er am Abend wieder zu Hause sei, als er einwilligte, mit seiner kleinen Schwester nach Irland zu gehen. Genau wie Herbert Remmel blieb er für zwei Jahre.

Remmel und Boden sind beide Teil des Projekts der deutschen Journalistin Monica Brandis. Nachdem sie vor ein paar Jahren das erste Mal von der Kinderverschickung gehört hatte, startete sie ein Projekt, das momentan in München ausgestellt ist. Sie besuchte 18 der ehemaligen Kinder und hielt ihre Geschichte fest. Im Nachhinein sagen viele der „Shamrock Children“, dass die Wohltätigkeit der Iren beeindruckend gewesen sei, wo auf der Insel doch selbst teils bittere Armut geherrscht habe.

Auch Herbert Remmel kann das bestätigen. Er lebte für eineinhalb Jahre auf einer Farm in Ballinlough, einem kleinen Dorf in der Grafschaft Mayo. „Es war ein einfaches Leben, wir hatten keine Elektrizität, kein fließend Wasser und keine Toilette.“ Und trotzdem sei es die beste Zeit seiner Kindheit gewesen. Die anderen Kinder im Dorf nahmen ihn sofort auf, und auf der Farm galt: Wer kann, packt mit an. „Ich hatte meinen Esel und die Eselkarre“, sagt er über die Zeit. Er lud die Säcke mit Hafer auf, fuhr zur Mühle und kehrte mit Haferflocken zurück. Für ein Kind eine große Verantwortung – und eine seiner schönsten Erinnerungen an die Zeit.

Die Absichten der irischen Ärztin waren nobel – für etwa 50 der 450 Kinder wurde Irland dauerhaft die neue Heimat. Sie wurden von den Ziehfamilien adoptiert, verliebten sich auf der Insel und blieben für immer. Für einige andere hatte die Erfahrung auch eine Kehrseite. Denn zurück in Deutschland, hatten viele ihre Muttersprache komplett verlernt und sich von den Eltern und Geschwistern entfremdet, wenn es noch welche gab. Oder aber sie hatten sich so sehr an ihre irischen Familien gewöhnt, dass die Rückkehr nach Deutschland den Kindern das Herz brach.

Auch für Hans Peter Boden hatte die humanitäre Aktion nicht nur Sonnenseiten. Er schwärmt zwar von seiner Ziehfamilie in Dublin und hat auch noch Kontakt zu ihr. Trotzdem ist er traumatisiert.

Er habe nie verstanden, warum seine Eltern ihn weggeschickt hätten, sagt er. Vater und Mutter hatten den Krieg überlebt, und verhungert wäre er in Deutschland auch nicht. „Ich hatte schreckliches Heimweh.“ Der grauhaarige Mann schüttelt leicht den Kopf, als wollte er die Erinnerung an das Gefühl abschütteln. Erst als Erwachsener hat er in einer Therapie das Trauma aufgearbeitet, von den Eltern weggeschickt worden zu sein.

Auch Herbert Remmel hat die Zeit in Irland verarbeitet: „Von Köln nach Ballinlough“ heißt sein Buch, das seine Erfahrungen festhält. Die „Shamrock Children“ sind längt alle im Rentenalter, viele schon gestorben. In Deutschland gerät die deutsch-irische Kinderverschickung immer mehr in Vergessenheit, im Dubliner „St. Stephens Green“-Park erinnert noch der Nornenbrunnen an die Hilfsaktion. In den Fünfzigerjahren schenkte die deutsche Bundesregierung dem irischen Volk den Brunnen zum Dank. Er zeigt die drei nordischen Schicksalsfrauen, sie stehen für Schuld, Schicksal und das Werdende.

Die Zeit auf der Grünen Insel hat die Kinder alle geprägt. Für Remmel ist es vor allem die Freundlichkeit der Menschen, die ihn beeindruckt hat. Als er damals vom Schiff stieg und die ersten Schritte auf irischem Boden machte, drückte ein junges Paar ihm einen Rosenkranz in die Hand. Den hat er heute noch, er hängt an seinem Bücherregal in Mecklenburg-Vorpommern. „Ein typisch irisches Geschenk“, sagt er und lacht.

Die Ausstellung „Die Kinder der Operation Shamrock“ von Monica Brandis ist bis 13. April im „Globe Business College“ in München, Arnulfstraße 58, nach vorheriger Anmeldung zu sehen. Telefon: 089-59990845.

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