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Nahost

14.11.2018

Ein wenig Hoffnung nach blutiger Eskalation

Eine TV-Station in Gaza-Stadt wird schwer getroffen: Die israelische Luftwaffe reagierte auf den Hagel aus Raketen und Mörsergranaten auf das Grenzgebiet zu Gaza ihrerseits mit Luftangriffen.
Bild: Bashar Taleb, afp

Zunächst wächst die Angst vor neuem Krieg, dann wird einseitig Waffenruhe erklärt

Aviv/Gaza Immer wieder heulen im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen die Alarmsirenen. Ein wahrer Raketenhagel geht auf Wohngebiete im ganzen Umkreis nieder: Eine Rekordzahl von 400 Geschossen hätten militante Palästinenser abgefeuert, sagt ein israelischer Armeesprecher am Dienstag. „Dies sind die intensivsten Angriffe seit dem Gaza-Krieg 2014.“

Doch dann am Dienstagabend verkündeten militante Palästinenser eine einseitige Waffenruhe. Ägypten habe die Rückkehr zu einer entsprechenden Vereinbarung vermittelt, teilten die Hamas und andere militante Palästinenserorganisationen in Gaza mit. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die israelische Armee äußerten sich dazu nicht, Verteidigungsminister Avigdor Lieberman dementierte einen Stopp der Luftangriffe.

Zuvor schien die Gewalt unkontrolliert zu eskalieren. In der Küstenstadt Aschkelon wird ein Haus getroffen, ein Mann stirbt. Die israelische Luftwaffe bombardierte im Gegenzug Ziele der im Gazastreifen herrschenden Hamas, mindestens sechs militante Palästinenser werden getötet. Dabei hatte es in dem Wochen zuvor – dank intensiver Vermittlungsbemühungen Ägyptens und des UN-Gesandten Nikolay Mladenov – nach einer Beruhigung ausgesehen. Am Donnerstag erlaubte Israel es Gesandten Katars sogar, umgerechnet 13 Millionen Euro in bar in das seit mehr als einem Jahrzehnt blockierte Palästinensergebiet zu bringen.

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Doch dann ließ ein am Sonntag auf ganzer Linie fehlgeschlagener Geheimeinsatz der israelischen Armee im Gazastreifen den Funken wieder überspringen. Die verdeckte Einheit wurde von militanten Hamas-Kämpfern enttarnt, es kam zu einem heftigen Feuergefecht. Sieben militante Palästinenser, darunter ein 37-jähriger Hamas-Kommandeur, und ein israelischer Offizier kamen ums Leben. Experten mutmaßen, es sei der Einheit vor allem um Informationsbeschaffung gegangen – die Armee betonte jedenfalls, man habe den Hamas-Kommandeur weder entführen noch gezielt töten wollen.

Was folgte, war die gefährlichste Zuspitzung der Lage seit vier Jahren. Israelische und palästinensische Experten sind sich einig, dass beide Seiten im Grunde gar kein Interesse an einem umfassenden Krieg haben. „Ägypten und die internationale Gemeinschaft üben Druck auf die Hamas und Israel aus, um einen vollen Krieg zu verhindern“, sagte Amos Harel, Militärexperte der Zeitung Haaretz. Die von den USA, der EU und Israel als Terrororganisation eingestufte Hamas hatte 2007 mit Gewalt die Herrschaft im Gazastreifen an sich gerissen. Israel hatte danach eine Blockade des Küstenstreifens verschärft, Ägypten trägt die Maßnahme inzwischen mit. Die Lage von rund zwei Millionen Einwohnern im Gazastreifen ist prekär, es mangelt an Wasser und Strom.

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu und seine rechts-religiöse Regierung stehen unter starkem Druck der Öffentlichkeit, die immer wiederkehrenden Raketenangriffe aus Gaza auf israelische Grenzorte dauerhaft zu unterbinden. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, sie wollten die „Spielregeln“ in dem schwelenden Konflikt mit Gewalt zu ihren Gunsten verändern. Die Hamas sehe Israels verdeckten Einsatz auf dem von ihr kontrollierten Gebiet als einen solchen Versuch, sagte Naschat Aktasch, Politikprofessor an der Birzeit-Universität bei Ramallah. „Die Hamas hat gezeigt, dass dies nicht ungestraft bleiben kann.“

Der israelische Sicherheitsexperte Jossi Kuperwasser sagte, Israel wolle der Hamas seinerseits die Botschaft übermitteln, dass wahllose Angriffe auf Zivilisten inakzeptabel seien. „Es tobt jetzt ein Kampf darum, welche Spielregeln künftig gelten sollen“, sagte der ehemalige Leiter der Forschungsabteilung in Israels Militärgeheimdienst.

Nach Schätzungen der israelischen Armee verfügt die Hamas über rund 20000 Raketen und Mörsergranaten verschiedener Reichweite. Ein Teil der Raketen komme aus dem Iran, andere würden im Gazastreifen selbst produziert, sagt Kuperwasser. Zu den durch Tunnel aus Ägypten in den Gazastreifen geschmuggelten Waffen gehörten auch Panzerabwehrraketen des Typs Kornet, sagte der Experte.

Eine solche Rakete traf am Montag einen israelischen Bus nahe der Gaza-Grenze, der dabei völlig ausbrannte. Bei dem Vorfall, für Israel eine schwere Provokation, erlitt ein Soldat lebensgefährliche Verletzungen. Sara Lemel, dpa/afp

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