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Porträt

10.01.2019

Elmar Brok: "Mister Europa" muss nach 38 Jahren aufhören

Elmar Brok gehört seit 38 Jahren zum Europaparlament. Jetzt hat die CDU ihn nicht mehr nominiert.
Bild: Julien Warnand, dpa (Archiv)

Elmar Brok, legendärer Europaparlamentarier, wird nicht mehr nominiert. Der Westfale fungierte als Gesicht für Europa – im Guten wie im nicht ganz so Guten.

Man sagt das so leichthin über Politiker, jemand sei „international gut vernetzt“ oder kenne sich „in Europa aus“. Beides über Elmar Brok, 72, zu sagen, wäre eine unverschämte Untertreibung. Der Mann sitzt seit sagenhaften 38 Jahren nicht einfach im Europaparlament, er flitzt kreuz und quer durch Europa, bevorzugt durch dessen Hinterzimmer, in denen die Strippen gezogen werden. Bisweilen kam man als Berichterstatter kaum hinterher, welchem Präsidenten in welchem Land Brok gerade die Aufwartung machte. Und oft war gar nicht so leicht zu erkennen, ob Brok diesem nun die Ehre erwies oder eher umgekehrt.

Künftig soll der Westfale höchstens noch ohne Amt losflitzen dürfen. Seine NRW-CDU hat ihn nicht mehr für das nächste Europaparlament nominiert, trotz Schützenhilfe von Ministerpräsident Armin Laschet – auch weil viele Delegierte der Meinung waren, es sei nun doch mal genug. Der EU-Veteran überlegt noch, eine Kampfkandidatur zu organisieren, sonderlich aussichtsreich ist das Unterfangen nicht.

Warum dies überhaupt für Schlagzeilen sorgt, liegt an Broks zweiter Mission. Neben den Hinterzimmern ist der Mann mit dem Walrossbart auch in deutschen Wohnzimmern als Weltenerklärer dauerpräsent, deutsche Talkshow-Redaktionen verehren ihn als „Mr. Europa“.

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Es gibt auch Kritik an Elmar Brok

Dass Brok es ehrlich meint mit Europa, welches er in der Tradition seines frühen Idols Helmut Kohl als Friedensunion verteidigt, ist unbestritten. Andererseits wirkt er auf viele auch wie die fleischgewordene „Brüsseler Blase“, umstrittene Lobby-Nebentätigkeiten inklusive. Broks Neigung zu langen Abendessen mit viel Wein- und Zigarrenkonsum hat seine Figur derart geprägt, dass sein Nachname in sozialen Netzwerken gerne zu „Brocken“ verballhornt wird.

So verdichtet sich an dem gelernten Rundfunkjournalisten das Dilemma der Debatte um mehr „Gesichter“ für Europa. Denn einerseits ist es jammerschade, dass ein prägnantes Gesicht wie Brok nun endgültig abtreten soll, nachdem er zuvor schon den Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses abgeben musste. Andererseits stellt sich die Frage, ob er – oder auch sein enger Vertrauter, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker – dem öffentlichen Image Brüssels immer so gutgetan haben.

Merkel und Weber werden Elmar Brok vermissen

Zwei Menschen werden über den wahrscheinlichen Abschied des Westfalen in jedem Fall betrübt sein. Kanzlerin Angela Merkel, denn sie hat sich formell oder informell auch immer auf Broks Kontakte gestützt. Und natürlich Manfred Weber, der als EVP-Spitzenkandidat Boss der mächtigen EU-Kommission werden will. Der Weg dahin ist lang und steinig.

Weber muss nicht nur die Staats- und Regierungschefs überzeugen, sondern auch eine Mehrheit im Europaparlament zusammensuchen. Und dafür sind Broks Verbindungen vor allem in kleinere Mitgliedstaaten hoch willkommen. Obwohl: Strippen lassen sich auch ohne Amt ziehen, wer weiß das besser als Elmar Brok?

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