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Hella Mewis

24.07.2020

Entführte Deutsche im Irak wieder frei

Die entführte deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis ist wenige Tage nach ihrer Entführung im Irak wieder frei.
Bild: Uncredited/Tower of Babel for Media Development/AP/dpa

Am Montag wurde die Deutsche Hella Mewis von unbekannten Männern in Bagdad verschleppt. Nun ist sie wieder auf freiem Fuß - durch eine Befreiungsaktion der Sicherheitskräfte. Wurde Lösegeld gezahlt?

Die in der irakischen Hauptstadt Bagdad verschleppte deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis ist wenige Tage nach ihrer Entführung wieder frei.

Die 48-Jährige sei von Sicherheitskräften befreit worden, sagte Militärsprecher Jahia Rasul der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Details zu dem Einsatz nannte er nicht. Nach ersten Berichten ist Mewis wohlauf. Unklar blieb, ob es Verhandlungen mit den Entführern gab und ob Lösegeld gezahlt wurde. Die Kuratorin, die auch für das Goethe-Institut arbeitet, war am Montag verschleppt worden.

Die Aktivistin Sirka Sarsam, die mit Mewis befreundet ist, bestätigte die Freilassung. "Wir haben vorläufige Informationen von der Einsatzführung erhalten, dass Sicherheitskräfte Hella befreit haben", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Das Militär werde im Lauf des Tages weitere Details bekanntgeben. "Wir hoffen, dass die Entführung nicht ihre Zukunftspläne im Irak ändert", sagte Sarsam, die für die irakische Nichtregierungsorganisation Burj Babel tätig ist. "Wir sind froh, den Tag mit so einer Freude über die Befreiung eines Menschen beginnen zu können, der den Irak so sehr liebt."

Entführte Deutsche im Irak wieder frei

Am Mittag bestätigte auch Außenminister Heiko Maas, dass Mewis wieder in Sicherheit ist. "Sie wurde vor wenigen Minuten von den irakischen Behörden in die Obhut unserer Botschaft in Bagdad übergeben", hieß es in einer Mitteilung des Auswärtigen Amts. Die irakischen Sicherheitsbehörden hätten entscheidend dazu beigetragen, dass der Fall ein gutes Ende genommen habe. Aus Diplomatenkreisen hieß es, die Kulturvermittlerin sei den Umständen entsprechend wohlauf.

Bewaffnete Männer, die mit zwei Autos vorfuhren, hatten Mewis am Montagabend im Stadtzentrum von Bagdad in ihre Gewalt gebracht. Dort liegt auch das Kulturinstitut Bait Tarkib, an dessen Aufbau Mewis arbeitete. Die 48-Jährige wurde in Ost-Berlin geboren. Sie lebt seit mehreren Jahren in Bagdad und hat dort an vielen Kunst- und Kulturprojekten mitgewirkt. Sie arbeitet auch als freie Mitarbeiterin und Beraterin für das Goethe-Institut.

In einem älteren Video, das Bekannte nach der Entführung im Internet veröffentlichten, ist Mewis in einem Interview zu sehen: "Ich kann nicht ohne Bagdad sein", sagt sie darin. "Wenn ich Bagdad nur für eine Stunde verlasse, habe ich Heimweh."

2013 ging Mewis nach Bagdad. Dort gründete sie 2015 die Initiative Tarkib. Das Kunst- und Kulturzentrum dürfte einzigartig im Irak sein. Fotos der Arbeit zeigen Mewis inmitten von Künstlern und Kindern. Frauen und Männer gemischt, was im Irak nicht selbstverständlich ist, wie Mewis auch im vergangenen Jahr im Deutschlandfunk erzählte: "Es ist nicht gerngesehen, dass Männer und Frauen zusammen sind, weil es könnte ja sein, dass da was passiert. Aber Tarkib ist so ein Raum, wo sie sagen: "Okay, ich lasse meine Tochter da hin.""

In Bagdad ist Mewis auch über die Kunstszene hinaus bekannt - weil sie in einer Stadt, in der sich internationale Entwicklungshelfer und Diplomaten sonst in der speziell gesicherten "Grünen Zone" hinter dicken Mauern und Stacheldraht verbarrikadieren, unter Irakern lebt und mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt. Als im vergangenen Herbst Zehntausende gegen ihre Regierung auf die Straße gingen, war sie dabei.

"Gute Nachrichten!" schrieb Irak-Experte Abbas Kadhim bei Twitter. Freunde von Mewis hatten in vergangenen Tagen versucht, in dem Fall den Druck auf die irakische Regierung und Sicherheitsbehörden zu erhöhen. Mewis gilt in Bagdad als gut vernetzt und hat Kontakte zu Künstlern und Intellektuellen sowie in die Politik.

Zunächst bekannte sich niemand zu der Entführung. Der Verdacht richtet sich vor allem gegen die irantreue Schiitenmiliz Kataib Hisbollah oder die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ein Sprecher von Kataib Hisbollah hatte eine Beteiligung der Miliz aber indirekt abgestritten. Zellen des IS sind im Irak weiter aktiv. Die Gruppe hat dort in vergangenen Jahren aber an Einfluss verloren.

Die Sicherheitslage im Irak und vor allem in Bagdad verschlechterte sich zuletzt. Immer wieder kommt es zu Bombenanschlägen. Erst Anfang des Monats wurde der renommierte Terror-Experte Hischam al-Haschimi in der Nähe seiner Wohnung erschossen. Er hatte sich immer wieder kritisch zu den pro-iranischen Milizen im Irak geäußert. Ende des Jahres hatten Demonstranten versucht, die US-Botschaft zu stürmen.

Im Irak wurden nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 mehrfach deutsche Staatsbürger entführt. 2005 wurde die Archäologin Susanne Osthoff verschleppt und nach 23 Tagen Geiselhaft wieder freigelassen. 2006 wurden Thomas Nitzschke und René Bräunlich entführt, Techniker eines Leipziger Anlagenbauers. Sie kamen mehrere Monate später frei. 2007 wurden die Deutsche Hannelore Krause und ihr damals 20 Jahre alter Sohn Sinan in Bagdad entführt. Die Mutter wurde freigelassen. Ob Sinan noch lebt, ist bis heute unklar.

© dpa-infocom, dpa:200724-99-907195/5 (dpa)

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