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Islamismus

19.05.2011

„Er kann sie mit einer kurzen Rute schlagen“

Imam Sa’d Arafat: „Wenn ein Mann seine Frau schlägt, dann sollte er sie nicht in das Gesicht schlagen.“
Bild: dpa

In vielen arabischen Sendern diskutieren radikale Imame extreme Thesen. Über das Internet werden die rückwärtsgewandten Botschaften verbreitet.

Imam Sa’d Arafat denkt nach. Dann antwortet er. Hastig und messerscharf. Arafat hebt den Finger mahnend in Richtung Moderator. Sehr bestimmt, durch und durch kompromisslos klingt jedes Wort, das der Imam nun spricht: „Es gibt eine Etikette des Schlagens“, sagt er. „Wenn ein Mann seine Frau schlägt, dann sollte er sie nicht in das Gesicht schlagen.“ Wir schreiben das Jahr 2010. Im arabischen Sender „al-rahma“ („Die Barmherzigkeit“) sprechen zwei Männer über das Recht in der Ehe. Über das Recht des Mannes, seine Frau zu schlagen. „Wie sollte ein Mann seine Frau schlagen?“

So lautet denn auch das sehr spezielle Thema, das hier verhandelt wird. Es ist das Thema einer Fernsehsendung, die das amerikanische Institut Memri (The Middle East Media Research Institute) mitgeschnitten hat und das auf der Internet- Video-Plattform „Youtube“ seither schon tausendfach geklickt wurde. Wohlgemerkt: Es geht um das „Wie“ des Schlagens – keineswegs um das grundlegende „Ob“.

Es existieren, folgt man dem Imam, klare Regeln für den Hieb

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Der ägyptische Geistliche Sa’d Arafat kann als radikaler Schriftgelehrter bezeichnet werden. Der Sender „al-rahma“ ist indes auch bei Staatsschützern in Deutschland kein Unbekannter. Der niedersächsische Verfassungsschutzbericht von 2009 hat ihn eigens erwähnt. Es sind radikale Islamisten wie jener Imam Arafat, die in arabischen TV-Sendungen gerne zurate gezogen werden, wenn es um lebenspraktische Dinge des Alltags geht.

Arafat gibt Anleitungen an die Ehegatten. Direkt, handlungsorientiert, ohne aus der Ruhe zu kommen, meist mit sanfter Stimme. Das klingt zum Beispiel so: „Der Mann darf ihr nicht die Knochen brechen, nicht die Zähne; er darf sie nicht verletzen, nicht in die Augen stechen.“ So geht das weiter.
Es existieren, folgt man dem Geistlichen, klare Regeln für den richtigen Hieb, für das Schlagen der Frau. Das sei nötig, denn Frauen „brauchen Disziplin“. Gemeint ist damit: sexuelle Disziplin. Schlagen, so der Imam, darf ein Mann seine Frau nur dann, wenn sie es ablehnt, mit ihm zu schlafen.
Nein, an diesen Stellen gibt es niemanden, der eingreifen, niemanden, der lautstark widersprechen würde. Vor allem eines ist in diesem Interview nicht angebracht: Kritik. Der Moderator ist kein lästiger Nachfrager, kein ägyptischer Claus Kleber – und niemand, der bei diesen Sentenzen die Contenance verlieren würde. Glatt rasiert, smart und kräftig sitzt er im schwarzen Anzug da. Stets etwas gebeugt zu Imam Arafat. Ab und zu fragt er nach, ab und zu nickt er bestätigend. Zwei Männer sprechen hier recht entspannt. Ganz so, als würde es um Tipps für die Optimierung der Krankenversicherung gehen. Die Kulisse stellt ein auf amerikanischen Spätabend-Talk frisiertes Fernsehstudio dar. Eine niedrige Bühne, zwei schwere Sessel, der obligatorische Letterman- Schreibtisch. Beleuchtete Lounge- Tapeten in Pastell zieren den Hintergrund.

Den Koran-Vers, auf den sich der Imam generell bezieht, nennt der nett über die Ränder seiner Brille blickende ältere Herr nicht. Es ist laut Islam-Expertin Magda Luthay von der Universität Erlangen aber sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei um den Vers 34 der vierten Sure handelt: „Die frommen Frauen sind demütig ergeben (...). Die aber, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet, die ermahnt, haltet euch fern von ihnen auf dem Lager, und schlagt sie“, heißt es dort.

Samir Khalil Samir, der in Beirut Islamwissenschaften lehrt, stellt zu dieser Sure fest: „Von diesen Aussagen leitet sich eine weltliche Tradition ab, die dem Mann eine nahezu absolute Autorität über seine Ehefrau verleiht.“
Videos wie das genannte mögen befremden – in jedem Fall beeinflussen sie wohl das Bild vom Islam. Hartmut Bobzin gilt als Koryphäe unter den Islamexperten in Deutschland. Er bedauert vor allem mangelnde Erfahrung des Westens mit dem Islam: „Wir wissen zu wenig, das ist das Problem.“ Auffällig seien meist die extremen Töne, weniger die moderaten, die es zweifelsohne auch gebe. Allerdings: Die Extremen zeigen Gesicht. Sowohl im Internet als auch im Fernsehen.
Das amerikanische Institut Memri will hier aufklären. Es versucht, in Auszügen ein detailliertes Bild vor allem des (politischen) Islamismus zu präsentieren, indem es seit Jahren arabische Sendungen kritisch verfolgt. Dialoge aus TV-Shows werden mitgeschnitten und untertitelt. Es ist der – von Kritikern des Instituts bisweilen als einseitig betrachtete – Versuch, vor allem die extremistischen Abspaltungen des Islam zu beleuchten. Trotz der gewachsenen Aufmerksamkeit betont Islamwissenschaftler Bobzin: „ Unsere Wahrnehmung ist selektiv.“ Die negativen Auswüchse dominierten die friedfertigen Signale aus Nah- und Fernost in den Medien.
„Der Prophet Mohammed sagt: ‚Schlag sie nicht in das Gesicht, das macht sie hässlich‘“, antwortet Imam Sa’d Arafat unterdessen auf die Frage nach der Rolle der Schläge in der Ehe. Sa’d Arafat bekräftigt stoisch, dass diese Regel eine „Ehre“ sei. Schließlich gälte es, die Frau zu disziplinieren – was dann auch auf lange Sicht dem schwachen Geschlecht zugutekäme. Seine Aussagen beziehen sich laut Expertin Luthay größtenteils auf die Prophetentradition (sogenannte Hadithe) des Begründers des Islam, des Propheten Mohammed (570–632) sowie auf klassische Korankommentare.
Der Imam, gehüllt in weißes, traditionell besticktes orientalisches Tuch, ist sichtlich erfreut über die Sentenzen. Sa’d Arafat ist ein alter Mann mit langem, gepflegtem Bart; ein Mann, der harte Worte wählt, wenngleich in freundlichem Ton.
Das Interview zum Thema Frauenrechte zeigt eine radikale Lesart der Schriften. Doch Islamwissenschaftlerin Luthay weiß: „Die Ausführungen dieses Geistlichen gehören noch zu den moderaten Aussagen zum Thema.“ In vielen religiösen Sendern im arabischen Raum liefen regelmäßig ähnliche Interviews über den Äther. Sendungen, die hierzulande extrem erscheinen. Und anderswo, im arabischen Raum?
Dort sind Frauenrechte noch immer ein heikles Thema. Es geht hierbei letztlich um etwas, was in vielen Fällen seit 1400 Jahren von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Die Familienordnungen im Orient haben sich über die Jahrhunderte oftmals kaum verändert. Zumindest nicht auf dem flachen Land, jenseits der eher weltoffenen Metropolen, wo auch moderate Positionen und die Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen stärker spürbar sind.

Mittelalterliche Rhetorik gepaart mit Hightech

Im Eherecht hat vieles die Zeiten überdauert, was so mancher Betrachter in Europa und Amerika mit der epochalen Einordnung „ Mittelalter“ versehen würde – vielleicht auch wegen der latenten Angst der Fundamentalisten vor dem vermeintlich starken Einfluss des Westens auf Familien und Frauen. Die Radikalen fordern deshalb eine Stimme im globalen Netz der neuen Medien. Fundamentalisten sprechen hier längst nicht mehr ausschließlich Gewaltandrohungen aus, sie behandeln, wie Sa’d Arafat, auch Fragen des Alltags. Der niedersächsische Verfassungsschutz bewertet die Inhalte solcher TV-Formate mitunter als besorgniserregend: In den Botschaften zum vermeintlich islamischen Alltag würden mitunter „Positionen vertreten, die mit einem verfassungskonformen Verständnis, insbesondere mit den Menschenrechten unvereinbar sind“, heißt es in dem Bericht von 2009.

Imam Arafats Anleitung zum Schlagen erscheint als eine der wohl extremsten Seiten des Islamismus im Alltag. Sie wird global verbreitet mit modernster Technik. Das mag widersprüchlich erscheinen: mittelalterliche Rhetorik gepaart mit Hightech. Doch gerade die Ewiggestrigen haben inzwischen erkannt, dass das Internet eine optimale Plattform für die rasche Verbreitung ihrer Botschaften ist.

Und hier das Video:

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